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„Mach dich vom Acker, Körper“: W. Herrndorf ist tot

„Mach dich vom Acker, Körper“: W. Herrndorf ist tot
„Mach dich vom Acker, Körper“: W. Herrndorf ist tot(c) APA (GERT EGGENBERGER)
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Wolfgang Herrndorf, Autor des in 24 Sprachen übersetzten Jugendromans „Tschick“, erschoss sich mit 48 Jahren.

Wie schreibt man ein gutes Jugendbuch? „Die Erwachsenen werden sofort eliminiert, es geht auf eine große Reise und aufs Wasser“, so beschrieb Wolfgang Herrndorf seine Gedanken für den Roman, den er schreiben wollte: „Tschick“ handelt von zwei Außenseitern, die nicht zu einem Mädchengeburtstag eingeladen werden und stattdessen ein Roadmovie erleben. Der Bestseller wurde in 24 Sprachen übersetzt. Den Preis der Leipziger Buchmesse für „Sand“, seinen Agententhriller aus der afrikanischen Wüste, konnte Herrndorf 2012 nicht mehr selbst entgegennehmen.

Bereits wenige Monate vor dem Druck von „Tschick“ 2010 war ein bösartiger und unheilbarer Hirntumor diagnostiziert worden. Seither berichtete Herrndorf in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ über sein Leben mit dem Tod. Ursprünglich wollte der Hamburger nicht Schriftsteller, sondern Maler werden. Er studierte Kunst und arbeitete als Illustrator, u. a. für das Satiremagazin „Titanic“. Sein erster Roman, „In Plüschgewittern“, blieb noch wenig beachtet. 2004 errang er mit einer Kurzgeschichte beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den Publikumspreis. 2007 erschien die Story mit anderen in einem Band mit Erzählungen unter dem Titel „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“. Seit seiner Krebsdiagnose lebte Herrndorf zurückgezogen in Berlin.

„Niemand kommt an mich heran“

Seine Einträge in sein Internet-Tagebuch erschüttern. „Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem“, hieß es da oder: „Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.“ Die letzten Einträge zeugen von Resignation: „Ich bin nicht der Mann, der ich einmal war. Meine Freunde reden mit einem Zombie“, notierte er Anfang Juli. Einige Tage später folgt ein Gedicht: „Niemand kommt an mich heran / bis an die Stunde meines Todes / Und auch dann wird niemand kommen. / Nichts wird kommen, und es ist in meiner Hand.“

Die Brüchigkeit des Lebens, die Zeugenschaft bis fast zuletzt, das ist das Unheimliche und Zeittypische an Herrndorf. Laut seiner Weggefährtin Kathrin Passig erschoss er sich am Montag. Der unzuverlässige Erzähler auf den Spuren Vladimir Nabokovs war ein wichtiges Element in seinen Texten. Seine Romane zählten zur Popliteratur. Die „Süddeutsche Zeitung“ ortete noch andere Wurzeln, in der Romantik, bei Eichendorff und Tieck. APA/bp

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2013)