Werner Faymann im TV-Wahlkampf gegen Michael Spindelegger: Politische Brutalität sieht deutlich anders aus.
Wien. Ist es möglich, ohne Einnahme legaler Drogen Werner Faymann im zum Kanzlerduell stilisierten Gespräch mit Michael Spindelegger zu sehen und an Miley Cyrus erinnert zu werden? Über weite Strecken durchaus. Parallelen waren auf Puls4 überdeutlich. Vorausgesetzt natürlich, man kennt Frau Cyrus (was unter politisch Interessierten nicht zum absoluten Muss zählen mag). Vorausgesetzt auch, man kennt die wenige Stunden vor dem österreichischen politischen Act übertragene internationale MTV-Video-awards-Show.
Da vollzog das frühere Teenie-Idol Cyrus eine Art Selbstexorzismus. Mit in diesen Fällen von Stylingexperten als spärlich bezeichneter Bekleidung und bei Pubertierenden als lasziv geltendem Gehabe versuchte sie sich vom Disney-Konzern ganz und gar loszusagen. Manche fanden das peinlich. Bemüht war der Auftritt ohne Zweifel. So bemüht, dass das Bemühen selbst beim besten Willen nicht unerkannt bleiben konnte.
Womit wir endlich bei Faymann und Spindelegger wären. Bemüht war auch das Auftreten der beiden Herren mittleren Alters im von Stylingexperten als Businesslook bezeichneten Outfit. Nicht ganz so aufgesetzt vielleicht wie bei der jungen Frau an der Westküste. Aber eben bemüht. Nicht so quotenträchtig auch, aber immerhin: Puls4 jubelte über durchschnittlich 280.000 Seher und einen Marktanteil von 10,1 Prozent.
Aber zurück zu Michael Spindelegger. Den hielt es fast während der gesamten Sendezeit nicht hinter dem durchsichtigen Pult. Ob er bei Bill Clinton Anleihe nahm, der als „Erfinder“ des Zugehens auf sein Publikum in derartigen Diskussionen gilt?
Oder ob sich der ÖVP-Chef in der Vorbereitung an seine Jugend erinnerte? Wir schreiben das Jahr 1974. „Float like a butterfly, sting like a bee“, hat damals ein gewisser Muhammed Ali vor dem Kampf gegen George Foreman gemeint. Legendär. Nun, das Floaten (Schweben, manchmal in diesem Zusammenhang mit Tanzen übersetzt) gelang Spindelegger genauso selten wie das Stechen. Er bewegte sich eher bedächtig, ging ein paar Schritte vor, zur Seite und zurück. Nichts und niemand sollte ihn offenbar aufhalten können.
Ohne Bewegung
Hoffentlich hatte Erwin Pröll an diesem Abend anderes vor, als zuzusehen. Nur böse Spindoctores der SPÖ konnten in dem Hin und Her die Personifizierung der ÖVP-Linie in wichtigen Fragen sehen.
Was für ein Gegensatz zu dem Mann, dessen Amt Spindelegger ja für die Zeit nach dem 29. September anstrebt! Der regierende Bundeskanzler verharrte – mit einem Oszillieren ins Störrische – diszipliniert an dem ihm zugewiesenen Platz, das Pult immer wieder (mit ruhiger Hand?) fest umklammernd. Bemüht signalisierend: „Hier steh ich, und ich kann nicht anders.“
Beweglichkeit war Faymanns Sache wahrlich nicht. Auch nicht inhaltlich. Da bewegte sich der SPÖ-Vorsitzende keinen Millimeter außerhalb des Bekannten und Erwartbaren. Nur niemandem mit allzu forschen Reformen verunsichern, niemanden beunruhigen. Lediglich gegenüber der schwarz eingefärbten Lehrergewerkschaft mimte er kurz den Zupackenden.
Aber wahrscheinlich ist es zu viel verlangt, von derartigen Auftritten inhaltlich Überraschendes zu erwarten. Letztlich bleibt anderes in Erinnerung. Diesfalls auch das Duzen der beiden Duellanten. Frank Stronach lässt grüßen. Kampfduzen hat es jemand über Twitter genannt.
Es hat nicht wehgetan
Insgesamt haben Faymann und Spindelegger einander in diesem Duell nicht wirklich wehgetan. Der Verdacht liegt nahe: Nicht, weil die beiden es nicht können, sondern, weil sie es nicht wollen. So unterschiedlich die beiden sind, letztlich verbindet sie offensichtlich mehr, als sie trennt. Es darf angenommen werden, dass das Verbindende über die Sorge um das Aufrechterhalten eines Minimums an politischem Diskursniveau hinausgeht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2013)