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Giftgas: Syrische Regimekräfte beschuldigen einander gegenseitig

Symbolbild
Giftgas: Syrische Regimekräfte beschuldigen einander gegenseitig(c) EPA (ABIR SULTAN)
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Die mit chemischen Kampfstoffen beladenen Waffen sollen auf Befehl eines Cousins von Diktator Assad angeliefert worden sein, berichtet eine in Dubai erscheinende Zeitung. Am Dienstag waren keine weiteren UN-Inspektionen möglich, die Sicherheitslage ließ das angeblich nicht zu.

Kairo/Damaskus. Die UN-Inspektoren in Syrien waren am Montag erst wenige Stunden zurück von ihrer ersten Inspektion vor Ort, da ließ der US-Außenminister alle diplomatischen Rücksichten fallen. Der Einsatz von Giftgas sei „unbestreitbar“, erklärte John Kerry in Washington. Er beschuldigte Damaskus, ein Massaker an Zivilisten angerichtet zu haben und die Verantwortung für dieses „feige Verbrechen“ zu vertuschen.

Was Kerry so aufbrachte, waren offenbar auch die Umstände der ersten Kontrollfahrt der UN-Experten in die betroffene Ortschaft Moadamiya westlich von Damaskus. Zunächst wurde das Führungsfahrzeug des Konvois durch Heckenschützen angegriffen, Reifen und Windschutzscheibe zerschossen. Im zweiten Anlauf mussten die zwölf UN-Inspektoren dann ihre Ermittlungen auf Druck der Regimebegleiter von geplanten sechs Stunden auf 90 Minuten reduzieren, wie ein Arzt des örtlichen Hospitals gegenüber der britischen Zeitung „Guardian“ erklärte.

Die Experten nahmen Blut- und Urinproben, sprachen mit Überlebenden und untersuchten den Einschlagsort der Rakete. Kaum aber waren die Besucher weg, begann die Armee erneut – wie an Tagen zuvor –, das Gebiet stundenlang mit Artillerie und Raketen zu beschießen, vermutlich, um die Spuren des Giftgasangriffes weiter zu verwischen. Die zweite Ausfahrt zu dem anderen Tatort, den dicht besiedelten Vierteln Zamalka, Ain Tarma und Erbin in der östlichen Ghouta-Region, wo es die Mehrzahl der Opfer gegeben hatte, sagte Syriens Außenminister, Walid Mouallem, am Dienstag ab. Nach seinen Angaben hätten die Regimegegner einer Waffenruhe nicht zugestimmt, sodass seine Regierung die Sicherheit der UN-Experten nicht garantieren könne.

Derweil berichtete die in Dubai erscheinende Zeitung „The National“, Angehörige des Regimes beschuldigten einander gegenseitig, für den Giftgaseinsatz verantwortlich zu sein. Unter Berufung auf eine „sehr gut vernetzte Familie, die Kontakte zum Regime und zur Opposition unterhält“, berichtete das Blatt, die örtlichen Kommandeure pochten darauf, sie hätten nicht gewusst, dass die Raketenköpfe mit Kampfgas beladen gewesen seien. Sie hätten die Geschosse erst wenige Stunden vorher bekommen und abgefeuert, in der Annahme, es seien konventionelle Raketen. Die Raketen seien auf Befehl von Hafez Maklouf angeliefert worden, einem Cousin von Präsident Assad und Chef der Staatssicherheit. In den Emiraten leben nicht nur Schwester und Mutter von Diktator Bashar al-Assad, sondern auch zahlreiche andere mit dem syrischen Regime sowie der Opposition gut vernetzte Leute.

 

Der Wind vertrug die tödliche Fracht

Wie die Zeitung weiter berichtet, wurden die Giftgasraketen nach Erkenntnissen der syrischen Opposition von der Kaserne der 155. Brigade aus verschossen, die etwa zehn Kilometer entfernt liegt. Nach diesen Informationen gab es bis zum späten Dienstagabend vergangener Woche erbitterte Kämpfe in der Region Ghouta, dann hätten sich die Regierungstruppen zurückgezogen. Gegen 2.30 Uhr in der Früh hätte die Armee dann mehr als ein Dutzend Raketen abgeschossen, darunter mindestens vier mit Giftgas, die in den Vororten Zamalka und Ain Tarma einschlugen. Starke Winde hätten die tödliche Fracht auch in das benachbarte Viertel Erbin getragen, wo es zahlreiche Opfer gab.

Um 4.20 Uhr seien am Stadtrand von Damaskus weitere Raketen explodiert, mindestens ein Nervengasgeschoss traf die in West-Ghouta liegende Ortschaft Moadamiya, die die Inspektoren am Montag aufsuchen konnten. Wie die örtlichen Klinikärzte dem UN-Team berichteten, wurden in der Giftgasnacht an die 2000 Menschen eingeliefert, alle im Schlaf von dem Angriff überrascht. 500 befanden sich in kritischem Zustand, 80 starben. 20 liegen noch immer auf der Intensivstation.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2013)