Revitalisierung: Die Neuerfindung der Ottakringer Straße

Ottakringer Straße
Ottakringer StraßeClemens Fabry
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Die einst „gefährlichste Straße“ Wiens hat nun auch ganz offiziell ein neues, freundliches Gesicht. Mit bunten Sitzmöbeln und Geschäften aus der Kreativbranche.

Wien. Was hat man diese Straße nicht alles geheißen. Die gefährlichste Straße der Stadt sei sie, die wilde Balkanmeile, auf der sich BMW-Fahrer Rennen liefern, wo man nur mit Waffen in Turbofolk-Clubs geht. „Gewalt, Hass und Hetzerei“ titelte der Boulevard, jede Schlägerei in der Gegend sorgte für Schlagzeilen: Ottakringer Straße. Schon wieder.

Architekt Kurt Smetana, der Leiter der Gebietsbetreuung Ottakring, lächelt milde, wenn er die Klischees hört. Die Schneise, die den Sechzehnten vom Siebzehnten trennt, hat sich schon länger gewandelt. Das Image, das sich bereits bei der Fußball-EM in Österreich ins Freundliche zu drehen begann – Fahnenschwenken, große Party –, ist nun auch sozusagen offiziell ein anderes. Die OTK, so die beliebte Kurzform, hat von der Stadt ein neues Gesicht bekommen. Riesige, bunte Steinsmarties liegen auf breiten, hellen Gehsteigen. Rundherum Sitzmöbel, wellenförmige Bänke in Holzoptik. Pflanzentröge, Trinkbrunnen, 25 neue Bäume, durchgehende Radwege, neue Querungen und frisch aufgemöbelte Schanigärten, die den 1,1 Kilometer langen Abschnitt der Ottakringer Straße zwischen Gürtel und Ottakringer Brauerei nun säumen. Aber auch das Verkehrskonzept ist neu: Die zuvor teilweise getrennten Streifen von Autos und Straßenbahn wurden zusammengelegt. Der Platz für Radfahrer, Fußgänger und Freiflächen ist gewachsen.

Kreative nutzen Leerstände

Nach anderthalb Jahren Bauzeit ist die Umgestaltung abgeschlossen, 6,2 Mio. Euro haben sich EU, Stadt Wien und die Bezirke die Revitalisierung kosten lassen. Am Donnerstag wurden noch letzte Möbel zusammengeschraubt, demnächst wird gefeiert: Am Freitag, den 6.September findet „OTK STR neu“– eine Straßenparty zur Eröffnung – statt. „Wir hören jetzt auf, es negativ zu sehen, die Straße ist wunderschön“, sagt Martin Juric. Er betreibt in der Straße ein Reisebüro und ist der Sprecher des heuer gegründeten Klub der Unternehmer in Ottakring.

Diese hatten es zuletzt schwer. Anderthalb Jahre Bauschutt, Straßensperren und Bauzäune. Kunden und Gäste bleiben aus – teilweise lagen die Einbußen bei 50Prozent. Die Spuren sind noch sichtbar: „Zu vermieten“ steht an den vielen leeren Auslagen zwischen Solarien, Handyshops und Wettcafés. Den zukünftigen Geschäftsmix sieht Juric aber bunter: Vor allem Kreative würden den Leerstand nutzen. So kommt etwa ein Fahrradladen oder der Recycling-Kosmos, ein Projekt für gemeinsames Reparieren und Basteln. Den Boden für das Kreativmilieu hat auch die Ottakringer Brauerei bereitet – als Veranstaltungsort für Feste, aber etwa auch den Feschmarkt. „Es gibt heute auch Leute, die aus dem Neunzehnten herziehen“, sagt Juric. Das Vorbild für die OTK ist klar: der Brunnenmarkt. „Als wir 2004 mit dem Brunnenmarkt begonnen haben, war die Situation ähnlich“, sagt SP-Bezirksvorsteher Franz Prokop. „Die Ottakringer Straße hat jetzt eine gute Chance, zu einer lebendigen Straße zu werden“, sagt er.

Wer fürchtet sich vor Latte macchiato?

Definitiv belebt wird die Straße beim Eröffnungsfest. Das Datum, der 6.9., ist kein Zufall: Da findet das Fußballmatch Serbien gegen Kroatien statt. Und solche Matches sorgen – das weiß man seit der EM – für die wildesten Feste in Ottakring. Und mitunter für große Konflikte. Dabei, sagt Smetana, seien die Spannungen zwischen den Ex-Balkan-Gruppen weniger geworden. „In den Clubs sieht man Jugendliche, die mit kroatischen Fahnen zu serbischer Musik tanzen“, erzählt die kroatischstämmige Architektin Antonia Dika von der Gebietsbetreuung. Auch die klare nationale Aufteilung der Straße sei ein Klischee, wiewohl ein bosnischer Lokalbesitzer freilich viele Bosnier anzieht.

Diesen Klischees arbeitet die Gebietsbetreuung seit Jahren mit dem „Reisebüro“ entgegen, das Führungen durch die Ottakringer Straße veranstaltet. Und das nun zur Eröffnung der Straße wiederbelebt wird. Denn Handlungsbedarf bleibt. „Natürlich gibt es Parallelgesellschaften, natürlich gibt es Konflikte und eine Trennung verschiedener Gruppen“, sagt Smetana. Die Revitalisierung des Viertels ist auch noch nicht abgeschlossen. Es fehlt noch das Hinterland. Dazu wurden drei Gebiete auserkoren, in denen Wohnhäuser revitalisiert werden sollen: Das erste liegt zwischen Haberlgasse und Nepomuk-Berger-Platz. Das zweite ist rund um das Etablissement Gschwandner in der Geblergasse, von dem aus eine „Kulturachse“ von der Hernalser Hauptstraße bis zum Yppenplatz entstehen soll. Das dritte Viertel ist westlich der Steinergasse.

Klingt nach Gentrifizierung. Birgt die Aufwertung auch Gefahren? „Auch im Brunnenviertel ist das Klischee, die Generation Latte macchiato verdränge die Eingesessenen, nicht belegt. Wir arbeiten dazu an einer Studie“, sagt Smetana. Dass Dachausbauten andere Bewohner anziehen als Substandardwohnungen, sei keine Frage. Allerdings: Schon jetzt würden in der OTK keine armen Leute leben, sagt Dika. Ein Bier in den Clubs kostet knapp fünf Euro. Und auch sonst gehört ein bisschen Bling-Bling nach wie vor zur OTK. Manche Klischees bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2013)

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