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Daten: Ärzte im Fokus der Industrie

THEMENBILD: ARZT/GESUNDHEIT/MEDIZIN
THEMENBILD: ARZT/GESUNDHEIT/MEDIZINAPA/HELMUT FOHRINGER
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Neue Dokumente zeigen, dass sich Vertragspartner IMS weniger für Patienten, dafür mehr für die Beeinflussbarkeit der Ärzte durch Pharmareferenten interessiert.

Wien. Sind es wirklich die Patienten und ihre Gesundheitsdaten, die im Zentrum des Interesses des internationalen Pharma-Marktforschers IMS Health stehen? Oder geht es dem Unternehmen und der von ihm servicierten pharmazeutischen Industrie eigentlich um jemand ganz anderen, vielleicht sogar die Ärzte selbst?

Die Affäre um den Verkauf anonymisierter Patienten- und Medikamentenverbrauchsdaten von Ärzten und Spitälern an den Pharma-Marktforscher IMS Health beschäftigt Staatsanwaltschaft und Datenschutzkommission. Unabhängig von der ungeklärten Frage, ob die Datenlieferungen gegen Gesetze verstoßen, kommen nun regelmäßig neue Details über den regen Handel mit Gesundheitsdaten ans Tageslicht. Recherchen der „Presse“ legen den Verdacht nahe, dass jene Ärzte, die Verträge über Datenlieferungen mit IMS unterschrieben haben, die eigentlichen Ziele der systematischen Analyse des Medikamentenmarktes sind. Nicht die Patienten.

Seit dem Jahr 2000 betreibt IMS eine Datenbank namens Datenerhebung für die pharmazeutische Industrie bei Apotheken, Krankenhäusern und Ärzten. Das Projekt wurde, wie es das Gesetz vorschreibt, der Datenschutzkommission gemeldet und war der erste Datentank überhaupt, den IMS Health – das Unternehmen kommt aus den USA – in Österreich in Betrieb nahm.

 

Profiling für Ärzte

In der 13 Seiten starken Beschreibung der Datenanwendung nennt IMS jene Informationen, die es von Ärzten sammelt. Stark vereinfacht gesagt: Es geht darum, zu analysieren, wie die Besuche der Pharma-Außendienstmitarbeiter in den Ordinationen angekommen sind, ob der abgefragte Mediziner darauf reagiert oder nicht. Genau genommen sammelt IMS Daten, die Aussagekraft darüber haben, ob und, wenn ja, wie Pharmafirmen einen Arzt „bearbeiten“ müssen, damit er schließlich dieses oder jenes Medikament verschreibt.

 

„Rechtlich einwandfrei“

Dass Ärzte derartige Informationen überhaupt preisgeben, darf verwundern. Penibel werden in dem Papier die auszufüllenden Datenfelder aufgelistet. Geklärt werden u.a. Fragen wie: Welcher Pharmareferent war wann bei welchem Arzt? Welche Produkte wurden mit welchen Worten beworben? Ist der Arzt interessiert? Welche Medikamente verschreibt er bei gleicher Diagnose sonst? Hat er nach Probepackungen gefragt und diese erhalten? Welche „Firmenpräsente“ ließ der Referent da?

In dieselbe Datenbank gehen neben Daten über Diagnosen und Therapie der Patienten auch Informationen, die die Pharmareferenten über ihren Arztbesuch eingeben. Eine Art Gegencheck also, der sich mit den von den Ärzten übermittelten Daten abgleichen lässt. Besonders aufschlussreich: Das Datenfeld mit der Laufnummer 71. Sein Titel: „Voraussichtlich künftiges Verordnungsverhalten des Arztes“.

Da die Datenerhebung nur mit Einwilligung aller Betroffenen stattfindet, schätzen von der „Presse“ befragte Experten die Praxis als „rechtlich einwandfrei“ ein. Die Art der ermittelten Informationen zeigt aber auch, worum es geht. Das bisher behauptete wissenschaftliche Erkenntnisinteresse über Krankheiten, deren Verteilung in der Bevölkerung und den Medikamentenverbrauch stehen im Hintergrund. Tatsächlich sind die Daten vor allem dafür nützlich, die Verschreibung von Medikamenten, und damit den Verkauf, zu optimieren. Daten, für die pharmazeutische Unternehmen bei IMS wohl viel Geld zahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2013)