Eine holländische Agentur bietet abenteuerlustigen Mietern ungewöhnlichen Wohnraum zum Diskontpreis. In Österreich ist das Modell noch nicht angekommen.
Wenn Anja Wilfling Hunger hat, schwingt sie sich auf ihr Skateboard und kurvt einen rund 30 Meter langen Gang zur Küche hinunter. Ähnlich weitläufig ist ihr Zimmer: Mit seinen 90 Quadratmetern ist es so geräumig, das sie neben Bett, Kasten, Kühlschrank und ihren anderen Sachen sogar eine kleine Halfpipe unterbringen konnte. Über eine große Fensterfront blickt sie in den Garten, an schönen Tagen macht sie es sich auf ihrer Terrasse gemütlich. „Ich habe noch nie so luxuriös gewohnt“, erzählt die 34-jährige Juraabsolventin, die sich gerade auf ihre Rechtsanwaltsprüfung vorbereitet. „Und so günstig“, fügt sie hinzu. 180 Euro zahlt Wilfling im Monat dafür, dass sie hier, in einem ehemaligen Klassenzimmer des College Voltaire, einer 2011 aufgelassenen französischen Schule am Nordrand Berlins, wohnen darf. Darin inkludiert sind Betriebs-, Strom- und Heizkosten.
Dienstverpflichtet zum Wohnen
Die Miete, die eigentlich eine „Verwaltungsgebühr“ ist, zahlt sie an den deutschen Ableger der holländischen Immobilienagentur Camelot, die sich auf die Verwaltung leerstehender Liegenschaften spezialisiert hat. Das können ehemalige Bürogebäude, Gesundheitseinrichtungen, aber auch Schlösser, Villen oder aufgelassene Klöster sein. Oder eben Schulen. Wilflings Miete ist deshalb so gering, weil sie gewissermaßen von Camelot dienstverpflichtet ist. Sie ist eine sogenannte Hauswächterin, die dafür zu sorgen hat, dass sich keine fremden Personen auf dem Gelände herumtreiben und das Gebäude in Schuss gehalten wird.
„Die Idee des Hauswächter-Konzepts besteht darin, in ansonst leerstehenden Liegenschaften Präsenz zu zeigen“, sagt Dirk Rahn, verantwortlicher Manager für die Region Norddeutschland. „Gebäude, die bewohnt sind, werden seltener Opfer von Vandalismus und Einbrüchen, außerdem lässt sich der Verfall der Gebäudesubstanz aufhalten, wenn die Räume regelmäßig durchlüftet und eventuelle Schäden an Dach oder Fenstern rechtzeitig gemeldet werden.“ Von den Eigentümern kassiert Camelot dafür ebenfalls eine monatliche Managementgebühr, die sich in ihrer günstigsten Variante auf 395 Euro pro Gebäude beläuft. „Das ist für die Besitzer deutlich wirtschaftlicher und effizienter als ein traditioneller Wachdienst, der dafür monatlich zwischen 8000 und 12000 Euro berechnet“, so Rahn.
Wilfling ist nicht die einzige Hauswächterin im ehemaligen College Voltaire. Insgesamt sind sie zu zwölft, verteilt auf zwei Gebäude, in denen ursprünglich Grundschule und Oberstufe untergebracht waren. Und sie ist auch froh darüber: „In der Nacht kann es in den langen Fluren schon ziemlich unheimlich sein, da ist es beruhigend zu wissen, dass man in dem großen Haus nicht allein ist.“
Lust am Umzug
Doch das gehört wohl ebenso zum Kick des Hauswächter-Daseins wie eine weitere Besonderheit: Wird ein neuer Verwendungszweck oder ein Investor gefunden, so sehen es die Vertragsbedingungen von Camelot vor, müssen die Hauswächter aus- bzw. umziehen. Die Kündigungsfrist hierfür beträgt vier Wochen. Auch Wilfling ist in ihrer mittlerweile dreijährigen Hauswächter-Karriere schon dreimal umgezogen und findet das sogar toll: „Für mich ist es jedesmal ein großes Abenteuer, wenn ich ein neues Gebäude entdecken darf. Derzeit würde ich mit niemand anderem tauschen wollen.“
So ähnlich sehen das andere wohl auch, jedenfalls, wenn man den Andrang als Kriterium nimmt. „Wir verzeichnen deutlich mehr Interessenten, als wir freie Plätze haben“, berichtet Rahn. Entsprechend streng sind die Bewerbungskriterien: Hauswächter in spe müssen volljährig sein, sich in einem Interview persönlich vorstellen, über eine private Haftpflicht- und Krankenversicherung verfügen, ein polizeiliches Führungszeugnis vorweisen sowie einen Gehaltsnachweis erbringen. Mittlerweile wird das ursprünglich aus Holland stammende Modell neben Deutschland auch in anderen europäischen Ländern angeboten. In Österreich hingegen sucht man es bisher vergebens. Für Martin Troger, geschäftsführender Gesellschafter des Immobiliendienstleisters Rustler, handelt es sich zwar prinzipiell um eine „spannende Idee“, gleichzeitig bezweifelt er aber, dass es sich hierzulande durchsetzen könnte. „Wir haben kaum strukturellen Leerstand, insofern ist der Bedarf für ein solches Angebot eher beschränkt.“
Haushüter in Österreich
Das in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern angebotene Hauswächter-Modell im Mietverhältnis gibt es in Österreich zwar so (noch) nicht, eine „abgespeckte“ Variante ist aber auch hierzulande verfügbar.
Einige Sicherheitsunternehmen bieten etwa für die Urlaubszeit sogenannte Haushüter an, die für die Dauer der Abwesenheit der Besitzer in ein Haus oder eine Wohnung einziehen, um Einbrecher abzuschrecken oder sich um Haustiere und Pflanzen zu kümmern. Dafür wird ein bestimmter Tagessatz berechnet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2013)