Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Explosion aus Beton

Viele Besucher nehmen den direkten Weg zum Monument. Ich habe lange gezögert, mich ihm zu nähern. – Ein für alle verständliches Zeichen des Erinnerns: die Gedenkstätte für die Opfer des KZ Jasenovac von Bogdan Bogdanović. Eine Nachschau in Kroatien.

Natürlich fragt man sich,wenn man an einem wunderbaren Herbsttag mit blauem Himmel und weißen Schäfchenwolken die Gedenkstätte von Jasenovac betritt, was diese befriedete Schönheit, diese metaphorisch verwandelte Landschaft mit der in den Himmel ragenden, fast 30 Meter hohen Betonblume, was dies alles mit den Gräueln eines Vernichtungslagers zu tun hat. Hat man das bescheidene Museum mit dem klassischen Atrium und dem gerahmten Blick auf die Moorebene samt den geheimnisvollen Zeichen und einem kleinen Wäldchen verlassen, das zerschossene Dorf hinter sich lassend, betritt man einen Damm, begleitet von einer aufgelassenen Gleisstrecke entlang dem unsichtbaren, hinter einem Auwald versteckten Fluss Save. Man befindet sich am Grenzfluss zu Bosnien.

Am Ende des Gleises steht ein Transportzug mit Viehwaggons und einer alten Dampflok, der einzige reale Verweis auf die grausige Vergangenheit. Dieses Fragment der Erinnerung erscheint als eine Verneigung vor dem Thema, mehr noch den Menschen gegenüber, die schon bei der Planung und beim Bau beharrlich mehr Realismus, mehr Abbildung, mehr Zeitzeugenschaft und erkennbare Schuldzuweisung einforderten. Mehr noch: die Erinnerung als eine fortgeschriebene Abrechnung, ein Ort des Nie-Vergessens. Aber in Jasenovac wird keine Rechnung aufgemacht, es wird überhaupt nicht gerechnet. Diese Installation mit dem Zug für den Transport der Opfer ist eine spätere Zutat, die nicht vom Architekten stammt.

Die Gleise setzen sich in einem aus alten Bahnschwellen gebildeten Treppelweg fort, führen auf einen sanften Hügel, von dem man einen Überblick über die Ebene bekommt, und zum eigentlichen Denkmal. Auf dem Hügel hat ein ansässiger Bildhauer einen Bronzetisch als Lageplan gestellt. Man istfroh über einige Informationen über die Beschaffenheit des ehemaligen Lagers, das nach seiner Vernichtungsarbeit selbst vernichtet wurde und sogut wie keine Spuren hinterlassen hat. Die Stellen der Baracken, der Werkstätten und anderer Baulichkeiten sind im feuchten Boden mit kuppelförmigen Tumuli markiert, man denkt ein wenig an in die Erde versunkene Grabhügel, aber auch an mutierte Sumpfblasen, die als unheimliche Botschaften aus dem Boden der Geschichte aufsteigen.


Von den 18 größeren Gedenkstätten, die Bogdan Bogdanović in rund vier Jahrzehnten in ganz Jugoslawien geschaffen hat, war Jasenovac die vierte. Die planerischen Anfänge reichen in das Jahr 1959 zurück. Man kann also sagen, Jasenovac gehört zu den ersten Denkmälern, und die Suche des damals noch nicht 40-jährigen Architekten nach den geeigneten architektonischen Mitteln entbehrt nicht einer gewissen Dramatik der inneren Positionierung. In B. B.s Autobiografie, „Der verdammte Baumeister“, gibt es eine längere Passage über den Entscheidungsprozess: „Im Laufe meiner Arbeit an der Planung des Mahnmals in Jasenovac hatte man mir mehrmals vorgeschlagen und sogar von mir verlangt, dass ich mich eingehend mit den Fotos, mit Aufzeichnungen, Unterlagen und Zeugenaussagen der wenigen überlebenden Lagerinsassen beschäftige. Ich wich aus, schob das beiseite, und zwei-, dreimal lehnte ich es ausdrücklich ab, mich damit zu befassen. Sadistische Einzelheiten erstickten mich, sie raubten mir den Atem und zerstörten meine Konzentration. Ich entschuldigte mich und versuchte zu erklären, dass ich die Metaphysik des Verbrechens verstehen und fühlen könne, was auch stimmte. Die unerträglichen Dokumente deprimierten und verwirrten mich nur und verlängerten letztlich unnötig die Arbeit.“

Man muss sich das politische Umfeld der frühen Sechzigerjahre in Jugoslawien vorstellen: Der sozialistische Realismus der Stalinzeit war zwar ideologisch überwunden, aber antifaschistische Denkmäler, die an Vernichtungslager, Partisanenkämpfer et cetera erinnern sollten, waren ohne die Embleme Roter Stern, Hammer und Sichel, kämpfende, sterbende und siegende Figuren unvorstellbar. Außerdem war Jasenovac ein ganz besonderer Ort, dessen Spuren nicht umsonst total ausgelöscht wurden. Bogdan Bogdanović: „Jasenovac war wahrscheinlich der letzte Richtplatz in Europa, der durch nichts an seine Vergangenheit erinnerte. Andererseits zögerte man, klar und deutlich auszusprechen und zu belegen, was Jasenovac eigentlich war. Die infantilen Versuche, dieses Konzentrationslager Hitlers Verbrechen zuzuschlagen, waren nicht eben klug, da Kroatien ja nicht besetzt war. Man zögerte mit dem Bau des Denkmals, weil seine Errichtung zugleich das Eingeständnis bedeutet hätte, dass es sich dabei um ein nationales Vernichtungslager gehandelt habe.“

Heike Karge hat in ihrem Aufsatz „Von Helden und Opfern“ den überaus schwierigen politischen Entscheidungsprozess für die Gedenkstätte von Jasenovac präzise dargestellt. Die Frage war: „Warum entschieden sich Tito und seine politischen Mitstreiter im Jahr 1960 für dieses Unterfangen? Wo und wie wurde der Umgang mit diesem schwierigen Ort bis dahin verhandelt – einem Ort, an dem nicht kämpfender Helden, sondern ermordeter Serben, Juden, Roma, Kroaten und anderer gedacht werden musste, einem Ort, der sich der offiziell postulierten ,Brüderlichkeit der Einheit‘ und dem damit verbundenen Pathos schlichtweg entzog.“ Für Denkmäler sollte nur Geld ausgegeben werden, wenn sie für etwas Erhabenes und Großes stehen. Aber der öffentliche Druck wurde so hoch, dass man sich für ein Denkmal entschied. Karge: „Wir wissen, dass die Blume von Bogdan Bogdanović die politische Führung zutiefst verstört hat. Denn im Unterschied zu allen früheren Ideen und Projekten, die zu Jasenovac entworfen worden waren, hat allein Bogdanović es verstanden, den Opfern dieses sperrigen Erinnerungsortes ein würdiges Denkmal zu setzen.“ Tito hat diesen Ort nie besucht.

Die Rolle der Symbolik ist eigentlich das zentrale Thema im Werk Bogdan Bogdanović'. Damit hatte er sich auch am weitesten von den rationalistischen, funktionalistischen oder konstruktivistischen Tendenzen des 20. Jahrhunderts entfernt. Merkwürdig genug, da doch der Surrealismus in seinen Wurzeln zumindest ein wissenschaftliches Interesse an psychischen Vorgängen zeigte und rationale Stege in die Sümpfe des Unbewussten zu legen versuchte. Aber Bogdanović: „Ich habe nie absichtlich nach Symbolen gesucht. Sie hatten, so merkwürdig es klingt, mich gesucht. Sie kamen über mich und verleiteten mich zu unerwarteten Überlegungen und Entdeckungen. Beim Denkmal von Jasenovac deckte sich der Konstruktionsgedanke – ich möchte fast sagen die statische Allegorie – ganz spontan mit der äußerlich sichtbaren Syntax der Formen, und ich war darüber sehr stolz.“


Jasenovac war ein Vernichtungslager der Ustascha auf dem Gelände einer alten Ziegelei, in dem jugoslawische Antifaschisten aller politischen Richtungen – Juden, Zigeuner und andere Minderheiten – umgebracht wurden. Die Zahl der Todesopfer liegt völlig im Dunklen (die Schätzungen liegen zwischen 80.000 und 800.000 Menschen). Es gibt wenige Spuren, weil, was historisch belegt ist, die meisten Opfer in die angrenzende Save geworfen wurden. Vom baulichen Bestand des Lagers ist so gut wie nichts erhalten. Die Gedenkstätte wurde anfänglich von den Kroaten abgelehnt, weil sie von einem Serben entworfen wurde; von den Serben wurde sie sowieso abgelehnt, weil für sie nicht erkennbar war, was hier historisch geschehen ist. Nach dem Zerfall Jugoslawiens und nach dem letzten Krieg wollte Tudjman aus Jasenovac ein, wie er sagte, „nationales Pantheon“ machen, in dem die kroatische Heldengalerie (einschließlich ihm selbst) versammelt sein sollte. Das ist nicht gelungen.

Inzwischen ist Bogdan Bogdanović in Kroatien wegen seiner Haltung gegenüber dem Milošević-Regime, vor allem wegen seiner dezidierten antinationalistischen Position, eine hoch geachtete Persona grata. Die Gedenkstätte ist durch ein kleines, gut in die Landschaft gesetztes Museum ergänzt, das von einer jungen Direktorin (Nataša Jovičić) vorbildlich verwaltet und als Sammlung ausgebaut wird. Das Museum ist ein wichtiges Element im Themenkomplex Gedenkstätte. Es übernimmt die objektive Information und überlässt dies nicht künstlerischen Mitteln, die dies (siehe sozialistischer Realismus) nie leisten könnten.


Neben den Plänen gibt es Hunderte von Hand gezeichnete Skizzen, die anschaulich zeigen, wie B.B. in das Thema eingedrungen ist und den Entwurf entwickelt hat. Dabei darf man sich keine lineare Entwicklung vorstellen, sondern ein ständiges Umkreisen des Themas. Natürlich gibt es einige thematische Schwerpunkte, wie etwa die Auseinandersetzung mit der Landschaft, die Art der Eingriffe, die Verbindung mit dem Wasser, der Vegetation, die Suche nach den künstlichen Elementen, ob ein dominantes Monument – Blume oder Blüte – oder mehrere, viele kleine. Bei der Konzentration auf ein großes, alles beherrschendes Bauwerk entstand die Frage der Positionierung, der Verbindung mit dem Boden, der Begrenzung gegenüber dem Gelände (Graben,Wall, Mauer, Sockel). Sollte die Substruktur auch räumlich entwickelt werden, etwa durch eine Krypta, wie sollte der Übergang vom Boden zum Schaft und zur Krone aussehen? Ein nicht endenwollendes Thema stellte die Blüte selbst dar. Es gab zahllose Blattstudien sowie Versuche zur Blume/Blüte/Krone, bis endlich jene räumlich-konstruktive und gestische Einheit entstand, die die heutige Faszination dieses Bauwerks, dieser Skulptur auslöst, die Bogdanović selbst als „statische Allegorie“ bezeichnete.

Bei der Ausführung der äußerst komplizierten Schalung hatte Bogdan Bogdanović das Glück, noch weit entfernt von der heutigen Vermessungs- und Computertechnologie, einen damals schon pensionierten, hervorragenden montenegrinischen Ingenieur zu finden, der mithilfe dalmatinischerSchiffsbauer imstande war, die freien und kühnen Linien der Skulptur umzusetzen. Da die jugoslawischen Architekten auch als Statiker und Konstrukteure ausgebildet wurden, konnte Bogdanović (nach seiner Aussage) die statischen Berechnungen selbst durchführen.


Jasenovac ist ein kleines Dorf mit einigen Hundert Einwohnern. Man sieht noch die Spuren des letzten Krieges, teilweise zerstörte und leerstehende Häuser. Am Rande des Dorfes liegt das kleine Museum, flache Baukörper mit einem Atrium dazwischen. Von diesem Atrium blickt man auf die Gedenkstätte. Das Museum bildet die Grundlage für alle Informationen, bis in die kleinsten Details. Auch hier geht es um sachliche Information, nicht um Belehrung, schon gar nicht um eine tendenziöse. Das heißt, man betritt die Gedenkstätte mit Kenntnissen vom Ort, dem Geschehen, der Vergangenheit.

Die Gedenkstätte selbst ist eine verwandelte Landschaft, ein visionäres Artefakt. Eine Metapher ohne konkrete Metaphorik. Aber was heißt schon in diesem Zusammenhang Metapher? Sicher nicht, dass der Treppelweg zum Monument kein gerader ist und über einen künstlichen Hügel führt, dass er zwischen zwei kleinen Teichen hindurchführt und dass dieses Ensemble von landschaftlichen Elementen eine konkrete Bedeutung hätte. Bogdanović liebte Anspielungen, Hinweise und erlaubte, das Gegenteil davon zu denken. In das sanfte Spiel von Wasser- und Rasenflächen, schilfbewachsenen Ufern und Baumgruppen mischen sich kuppelförmige Erdhügel, manche halb in eine kreisrunde Senke versunken, manche wie ein Grabhügel von der flachen Ebene aufsteigend.

Die Tumuli, die zunächst nur die Stellen markieren, wo einst Bauten, Werkstätten, Baracken des Lagers gestanden sind, lenken die Fantasie des Besuchers in Richtung Grabstätten, aber es entsteht auch eine merkwürdige Beziehung zum im Wasser liegenden Boden, der so viel Vergangenheit verschlungen hat, und aus dem diese monströsen Blasen aufsteigen. Die scheinbare Idylle des Ortes kippt in eine Metapher von Vergänglichkeit und Wiederkehr, bedrohter Ruhe. Aulandschaften haben einen eigenen Zeitbezug, sie warten auf das Unvorhersehbare. Die Natur scheint eher gleichgültig, elastisch, wandlungsfähig zu reagieren. Hingegen kämpfen die Eingriffe des Menschen mit der „Furie des Verschwindens“.

Viele Besucher nehmen den direkten Treppelweg zum Monument und verlaufen oder verlieren sich nicht in der Inszenierung des Bodens, der sogar an eine thematisch gebundene Landart erinnert. Ich habe lange gezögert, mich der „Blume“ zu nähern, ich hatte den Eindruck einer gewaltigen Eruption, von einer in Beton erstarrten Explosion, die wie ein Geysir aus dem Boden schießt. Der genäherte Blick verwandelt die Riesenskulptur langsam in eine Blüte, die Spiele von Licht und Schatten werden lieblicher, versöhnlicher.

Das Thema des Herauswachsens aus dem Boden, das den Architekten in zahllosen Skizzen beschäftigt hat, scheint trotz der fantastischen Geste verblüffend einfach gelöst. Der Sockel, der noch einen an eine Krypta erinnernden Raum birgt, dringt wie ein Wurzelstock an die Oberfläche, und die darüber aufsteigende „Blüte“ wirkt befreit und heiter. Das spröde Material des Stahlbetons entwickelt eine musikalische Leichtigkeit. Die Bezeichnung „musikalisch“ ist kein Lapsus, denn die biomorphe Gestalt entwickelt neben ihrer räumlichen Turbulenz auch eine akustische, sie ist ein Klangkörper, ein Instrument, das nicht nur räumlich mit der Weite der Ebene, sondern auch akustisch mit ihren Winden kommuniziert, ja, mit dem Gezwitscher der Vögel.

Die Gedenkstätte von Jasenovac ist vor allem eine Denkstätte. Es ist nicht möglich, diesen Ort unbeeindruckt zu durchwandern und zu verlassen. Und alle Symbole und Metaphern, die man zu erkennen vermeint, werden zum Schluss in eine der einfachsten Gesten des Menschen gegenüber einem Toten zusammengefasst: Er legt oder stellt ihm eine Blume aufs Grab. Bogdan Bogdanović hat den Toten von Jasenovac eine riesige Blume in die Landschaft gestellt und darüber hinaus ein für alle verständliches Zeichen des Erinnerns. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2013)