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Der letzte Samurai des Kinos

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Iranische Meisterregisseure in Japan: Amir Naderis "Cut" über einen Märtyrer aus Filmliebe und Abbas Kiarostamis Dreiecksgeschichte "Like Someone in Love".

Ist das Kino noch zu retten? Der Held von Amir Naderis Film „Cut“ lässt sich dafür sogar blutig schlagen. Ein Denkmal für die Filmkunst in schwierigen Zeiten wollte der bedeutende iranische Regisseur Naderi mit diesem ungewöhnlichen Film-Pamphlet schaffen: Wie sein Märtyrerheld will er den „Bergen von kommerziellem Müll“, die das wahre Kino begraben, die Stirn bieten. Und außerdem einen authentisch japanischen Film schaffen: Mit „Cut“ hat der seit Langem im US-Exil arbeitende Regisseur erstmals in Japan gedreht, mit dem Ziel, völlig in die dortige Welt einzutauchen. Denn abgesehen von Alain Resnais' „Hiroshima mon amour“ habe er sich immer über das Japan-Bild in Filmen von Ausländern ärgern müssen, hat Naderi zu Protokoll gegeben. Ob Joshua Logans „Sayonara“ mit Marlon Brando oder Neueres von Sofia Coppola („Lost in Translation“) bis Quentin Tarantino („Kill Bill“): „Selbst wenn sie gute Filme machen – von der japanischen Kultur verstehen sie nichts! Japan dient ihnen nur als Hintergrund.“

Nicht nur die beeindruckenden und untouristischen Panoramablicke auf Tokio verraten Naderis Ambition: Sein gefeierter japanischer Kollege Kiyoshi Kurosawa lobte gar, es wäre unglaublich, dass ein ausländischer Regisseur „Cut“ gemacht habe. In Nippon lief diese nicht leicht verkäufliche Produktion auch mit Erfolg. Sein Held ist so kinobesessen, dass er dafür zum Kamikaze wird.

 

Kampagne gegen den „Tod des Kinos“

Hidetoshi Nishijima spielt den jungen Filmenthusiasten Shuji, der eine einsame Don-Quijote-Kampagne gegen den „Tod des Kinos“ führt: Auf dem Dach seines Hauses zeigt er Klassiker von Chaplin bis Fellini, tagsüber zieht er mit Flugblättern und Megafon durch die Straßen Tokios und brüllt apokalyptische Botschaften in die Ohren verstörter Passanten. Wenn er nicht gerade die Gräber von Meisterregisseuren wie Yasujiro Ozu und Kenji Mizoguchi besucht. Bis Gangster bei Shuji auftauchen: Er müsse die Schulden seines toten Bruders zahlen. Den hatte Shuji über seiner Kinoleidenschaft vergessen, jetzt büßt er, indem er sich in der Toilette, in der sein Bruder von den Gangstern erschlagen wurde, für Geld verprügeln lässt. (Die Praxis gibt es in Japan wirklich.)

Ein Hieb nach dem anderen fährt auf Shuji herunter, bei jedem davon denkt er an einen seiner Lieblingsfilme: Er sieht sich als den letzten Samurai des Kinos, wenn nicht gar als Möchtegern-Mishima der Filmkunst, der sich für die Sünden des Multiplexpublikums zu opfern gedenkt. So nobel Shujis Intentionen sind und so (aufrichtig) pathetisch sein Leidensweg ist, so lächerlich ist er natürlich auch. Seine absurde Passion verläuft schleifenartig zwischen Niederschlag und Filmekstase bis zum brutalen Showdown. Da ziehen Shujis „100 beste Filme“ an ihm vorüber: ein spannender cinephiler Countdown, der letztlich enttäuscht. Denn Shujis Klassikerparade ist letztlich so tot wie das von ihm angeklagte Gegenwartskino – die Filmgeschichte als leblose Abfolge von offiziell abgesegneten Ausstellungsstücken.

Subversive Pointe oder blinder Fleck in Naderis nostalgischem Aufschrei? Der Regisseur identifiziert sich mit der Leidenschaft seines Helden, aber dessen Naivität wird im minimalistischen Modernismus von Naderis Stil entzaubert. Im Meisterwerk „Las Vegas: Based on a True Story“ zeigte er zuletzt eine US-Familie, die sich im Namen des amerikanischen Traums wörtlich die eigene Existenz abgrub. Auch Shuji ist so ein tragischer Spinner, nur ist sein existenzielles Dilemma rituell japanisiert. Die reduzierte, den Blick schärfende Inszenierung, in der kurz Brachialmomente aufblitzen, harmoniert mit Stilpräferenzen des japanischen Kinos.

 

Ein Lieblingsregisseur von Haneke

Vielleicht hat Naderi in Japan jenen Respekt gesucht, den er anderswo im Umgang mit der Filmgeschichte vermisst. Interessanterweise läuft derzeit noch ein japanischer Film eines iranischen Regisseurs: Abbas Kiarostami, nicht nur von Michael Haneke als einer der Großen des Gegenwartskinos gepriesen. Wo Naderi schroffe Konfrontation sucht, setzt Kiarostami auf sanfte Andeutung.

Nachdem er in den 1990ern in Cannes und Venedig siegte, hat sich Kiarostami aber zusehends einem reinen Metakino verschrieben, das immer raffinierter um immer banalere Kleinigkeiten kreist. Wie sein Tokio-Film „Someone in Love“: eine Dreiecksbeziehungsskizze (alter Mann, junge Geheimprostituierte, deren Liebhaber) mit angedeuteter Tiefe. Mehrdeutige Gespräche, Blicke, Autofahrten, unfertige Geschichten und Telefonbotschaften als philosophische Versuchsanordnung, deren Kern völlig sublimiert scheint: ein Elfenbeinturm-Essay, in dessen Zentrum sublime Leere gähnt. Auch da droht der Tod des Kinos. Umso lebendiger wirkt dagegen, bei aller Übersteigerung, Naderis handgreiflicher Exorzismus.

Die Regisseure

Amir Naderi (*1946) wurde mit Filmen wie „Warten“ (1974) zu einer Schlüsselfigur des iranischen Kinos vor der Revolution. Danach folgten Filme wie „Der Läufer“ (1985), seit den 1990ern arbeitet Naderi im US-Exil.

Abbas Kiarostami (*1940) begann auch in den 1970ern. Er blieb nach der Revolution und wurde für Filme wie „Close-Up“ international gefeiert, gewann u.a. in Cannes und Venedig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2013)