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"Wie schön, zur Ruhe zu kommen"

schoen Ruhe kommen Waldschreiberin
schoen Ruhe kommen Waldschreiberin
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Die Berlinerin Lara Sielmann lebt allein im steirischen Wald. Mit einem Stipendium, Besuch von Förstern - und vor allem mit sich selbst.

Wenn die ersten Blätter fielen, sagte meine Mutter Der Herbst ist die schönste Jahreszeit, und ich musste mit in den Wald, dieses eine Mal, wie andere Kinder zu Weihnachten und Ostern mit in die Kirche mussten“, schreibt Lara Sielmann. Und: „Ich konnte nie etwas damit anfangen, den Wald fand ich unheimlich, sie verrückt und die Kastanienfiguren schmiss ich danach weg.“

Das allerdings ist nur die Erzählung, an der Lara Sielmann gerade arbeitet, und die in einem Auszug demnächst im „Wald-Magazin“ erscheint. Tatsächlich scheint die Berlinerin, die morgen 26 wird, den Wald durchaus zu mögen. Den Tag über war sie mit dem Förster im Gebiet unterwegs, er hat ihr Berge und Wege gezeigt, sie haben Steinpilze gesucht, und nun am Abend kommt er in Kürze wieder, um sie mit ihr zuzubereiten. „Ich habe eine hübsche Sitzecke“, sagt Sielmann, „da kann man noch draußen essen.“

Seit Mitte August wohnt die Autorin in einer Hütte im steirischen Wald in der Nähe von Gusswerk – als Gewinnerin des Waldschreiber-Stipendiums, das das „Wald-Magazin“ und die Bundesforste zum dritten Mal ausgeschrieben haben. Und leider, wenn man jetzt gern gehört hätte, dass sie nach dem Großstadttrubel Berlins den Wald, die Stille, die nächtlichen Geräusche, das Alleinsein doch auch persönlich unheimlich finde, wird man enttäuscht.

„Dadurch, dass ich Familie auf dem Land habe, ist es für mich nicht ungewöhnlich, von Natur umgeben zu sein.“ Und nach dem Abitur sei sie monatelang in Zentralamerika unterwegs gewesen, „da habe ich viele Wanderungen durch den Regenwald gemacht.“ Immerhin, ein wenig „angenehmes Gruseln“ durch ein „irres Geräusch der Fensterläden“ ihrer Hütte gibt sie zu. „Aber ich denke mir eher: Oh wie schön, zur Ruhe zu kommen.“


Ruhe, die habe sie nämlich selten, seitdem sie nach dem Ende ihres Studiums in Hildesheim (kreatives Schreiben und Kulturjournalismus) wieder in ihrer Heimat Berlin gezogen ist: „Zu wuselig.“ Doch sie brauche die Ruhe, um sich auf Charaktere und Geschichten einzulassen. Normalerweise flüchtet sie sich dann auf den Bauernhof ihrer Großmutter.

Nun also Gusswerk, zwei Monate allein. „Mir fällt es leicht, allein zu sein“, sagt Sielmann. „Ich kann es gut genießen, Zeit mit mir selbst zu verbringen.“ Sie verstehe aber jeden, dem das schwerfällt. Es sei spannend, sich selbst zu beobachten – „wie ich morgens plötzlich schlecht gelaunt bin, weil ich den Ofen nicht ankrieg'.“

Ihr Tag beginnt mit Feuermachen, „da ist man sofort total wach.“ Sie schreibt gern in der Früh, mag Kurzerzählungen, „die im Alltäglichen verankert sind. Und klare Sprache, nicht ausufernd, in der sich trotzdem viel versteckt.“ Nach dem Schreiben erkundet sie die Gegend, geht schwimmen im Erlaufsee. Sie hat Hörbücher und Puzzles, kocht, hat zu basteln angefangen, manchmal kommt der Jäger vorbei. Meistens bleibt er auf einen Radler.

Sielmann staunt, wie sehr sich alle um sie kümmern. Letzte Woche hat sie der Jäger mit auf den Hochsitz genommen, „aber es ist nur ein kleiner Hase vorbeigehoppelt.“ Sie war erleichtert, aber irgendwann will sie trotzdem ihr erstes Wildragout zubereiten. „Bald fängt die Hirschbrunft an, dann gibt's mehr zu schießen.“ Den Abend verbringt sie meistens an ihrem Laptop mit einem Film. „Neulich“, erzählt sie, „bin ich dabei erschrocken, weil ich plötzlich ein lautes Lachen gehört habe. Bis ich gemerkt habe, dass ich das bin.“

Auf einen Blick

Lara Sielmann (25) wuchs am Berliner Kurfürstendamm auf und lebt heute in Neukölln. Sie hat in Hildesheim kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Mit dem Waldschreiber-Stipendium der Bundesforste und des „Wald-Magazins“ schreibt sie in der Steiermark. Derzeit liebt sie Joan Didion („Das Jahr magischen Denkens“).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2013)