Wiens verstecktes Erbe der Jahrhundertwende

Wiens verstecktes Erbe Bristol Hotel
Wiens verstecktes Erbe Bristol HotelKatharina Schiffl/ Bristol Hotel
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Lange galt alles, was nach 1900 entstand, als nicht schützenswert. Nun hebt Wien bei Renovierungen neue Schätze. Ein halbes Jahr dauert die Restauration des Restaurants im Bristol.

Wien. Es ist akribische Kleinarbeit. Sechs bis acht Wochen lang arbeiten jeden Tag vier bis sechs Restaurateure auf der Baustelle, die einmal das Restaurant „Korso“ im Bristol war. Reinigen Holzverkleidungen von beinahe einhundert Jahre altem Schmutz. Fertigen Stuckelemente, um die Stellen auszubessern, an denen die Ornamente in den Siebzigerjahren grob von der Mauer geschlagen wurden. Entfernen Schicht für Schicht der vielen Farben, die in Jahrzehnten achtlos übereinandergestrichen wurden. Knapp ein halbes Jahr dauert die Restauration des Restaurants im Bristol – es ist ein Zwischenschritt der Generalsanierung des Hauses in der Kärntner Straße 1, die im Juni 2012 begann, und die wohl noch zehn Jahre dauern wird. Das Restaurant soll Ende November wieder eröffnen: Der ursprüngliche Stil, der Art-déco-Look, soll wieder spürbar werden. Was er lange nicht war – denn lange Jahre galt dieses Erbe, die Ausstattung des im Stil des Art déco samt historisierenden Elementen, in Wien nur wenig.

„Der Schaden tut in der Seele weh“, sagt Restaurator Stefan Kainz. Denn erst, als die Zwischendecke aus den Siebzigern entfernt wurde, kam der Schatz dahinter zum Vorschein: die historische Stuckdecke, teils schwer beschädigte Ornamente an der Wand. Auch im Lauf der Jahre aufgestellte Zwischenwände und Raumteiler sind mittlerweile herausgerissen, und das Flair des alten Salons soll schon bald wieder erlebbar werden. Statt Gelb und Rot dominieren im Bristol dann, nach der Umgestaltung, die typischen Farben des Art déco: Weiß, Schwarz, Ocker. Die Böden der Bankettetage wurden – nach den Entwürfen des französischen Designers Pierre Yves Rochon – schon mit Böden aus schwarz-weißem Stein ausgestattet, auch die neu gestaltete Art-déco-Bar wurde im Mai wiedereröffnet. Schließlich gestalten die Eigentümer, seit 2011 ist das die Sacher-Gruppe, das Bristol um.

Erst seit zehn Jahren denkmalgeschützt

Eröffnet wurde das „Bristol“ 1892, das Gebäude wurde 1912 komplett abgerissen und von 1914 bis 1916 nach den Plänen von Ladislaus Fiedler und Pietro Palumbo neu gebaut – und immer wieder renoviert oder verändert. Die Ausstattung, besonders das Stiegenhaus und der Eingangsbereich, ist Art déco, sagt Michael Rainer vom Bundesdenkmalamt. Und damit ist es eines der wenigen Wiener Relikte dieser Zeit.

Am deutlichsten lässt sich das heutige Novomatic Forum gegenüber der Secession, von 1922 bis 1923 nach den Plänen der Wagner-Schüler Hermann Aichinger und Heinrich Schmid gebaut, diesem Stil zuordnen. Auch die Fassade jenes Gebäudes am Rochusmarkt, in dem die Post ab 2014 ihre Zentrale errichten will, stammt aus den 1920er-Jahren – und ist als eine der wenigen Wiener Art-déco-Fassaden denkmalgeschützt. Ein weiteres Relikt dieser Epoche wurde Ende 2012 fertig renoviert: das Amalienbad. Dort ist besonders der Saunabereich klassisch im Stil des Art déco gestaltet. Restauriert wird auch das Café Imperial, wie es Josef Hoffmann – einer der Gründer der Wiener Werkstätten – und Oswald Haerdtl gestaltet haben.

So selten Art déco in der Wiener Architektur zu finden ist, umso häufiger findet man Anlehnung darin im Inneren, sagt Rainer. Besonders von den Künstlern der Wiener Werkstätten, quasi einem stilistischen Bindeglied zwischen Jugendstil und Art déco. Möglich, dass bei der Renovierung des Imperial, die im Juli begann, Schätze wie im Bristol zutage treten – wurde das Imperial doch, wie das Bristol, erst vor rund zehn Jahren unter Denkmalschutz gestellt. Auch dort war es also jahrzehntelang möglich, dass alter Stuck einfach von Mauern geschlagen und alte Salons versteckt wurden. Wie viele derartige Schätze sich in Wiener Gebäuden noch verbergen, lasse sich schwer sagen, sagt Rainer. Und noch viel schwerer, wie viel vom Erbe dieser Zeit auf diese Weise schon vernichtet wurde.

Auf einen Blick

Als Salon im Stil des Art déco: So soll das Restaurant im Wiener Hotel Bristol Ende November wiedereröffnet werden. Im Zug der Renovierung kam zutage, was jahrzehntelang unter Zwischendecken aus den Siebzigern versteckt war: historische Stuckdecken zum Beispiel. Diese Elemente waren bis 2004 nicht geschützt.

In Wien galt das Erbe dieser Zeit – im Fall des Bristol aus 1916 – lange wenig, obwohl es nur wenige Bauten im Stil des Art déco gibt, darunter etwa das Novomatic Forum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2013)

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