Die Halbjahresbilanz eines Pontifikats: Der Mann vom Ende der Welt hat viele Hoffnungen geweckt. Er ist auch dabei, sie zu erfüllen.
Am Freitag sind es genau sechs Monate her: „Habemus papam... Cardinalem Bergolio“, war von der Loggia hoch über den Köpfen der Menschen in Rom auf dem Petersplatz zu hören. Franziskus, ein Star war geboren. Ein halbes Jahr sind medial eine lange Zeit. Wie sieht sie aus, die Bilanz? Nun, im genannten Zeitraum hat sich im Amtsverständnis, im Habitus und im Zugehen des Papstes auf das Heute mehr bewegt als in den vergangenen zehn Jahren. Das Halleluja, das selbst in säkularen Medien, allein schon wegen der Wahl eines Nichteuropäers, eines Südamerikaners, rund um den Erdkreis angestimmt wurde, will und will nicht verklingen.
Dieser Papst hat nicht nur viele Hoffnungen geweckt. Er ist drauf und dran, sie auch zu erfüllen. Gern spricht Franziskus noch immer von sich als Bischof von Rom, wohl auch mit einem Hauch von Koketterie, aber vor allem in profunder Kenntnis um die nicht unbeträchtlichen Deformationen des Papstamtes, die nicht nur theoretisch geeignet sind, die gesamte katholische Kirche zu schädigen. Der römische Zentralismus hoch zehn sorgte schließlich in den vergangenen Jahrzehnten für so manche Bischofsernennung, die besser unterblieben wäre. Leider auch in Österreich.
Franziskus hat von den ersten Momenten an versucht, sein neues Amt von Pomp und Ballast zu befreien. Er wohnt nicht im päpstlichen Palast – vorübergehend, wie es anfangs noch geheißen hat, als man im Vatikan noch lange nicht geahnt hat, wen die Konklaveteilnehmer da geschickt haben –, sondern noch immer im Gästehaus Santa Marta. Dieser Mann vom anderen Ende der Welt sieht seine Aufgabe offenbar als Dienst, als Petrus-Dienst eben, ganz und gar der Tradition verhaftet. Freilich einer längeren, biblischen, theologisch unanfechtbaren Tradition folgend. Und eben nicht jener Tradition, wie sie die katholische Kirche „erst“ seit dem 19.Jahrhundert kennt, ausgelöst durch das Erste Vatikanische Konzil mit seiner extremen Zuspitzung auf die Bedeutung des Papstes.
Kein Wunder, dass die noch von Benedikt XVI. zur Rückkehr in die katholische Kirche eingeladene Piusbruderschaft über Franziskus spöttelt und den Dialog mit dem Vatikan ins Leere laufen lässt. Franziskus seinerseits scheint keinerlei Ambitionen zu haben, einen derart fruchtlosen Dialog über Tradition und die Gültigkeit der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils fortzusetzen. Er greift lieber zum Telefon, um Angehörige eines bei einem Überfall Getöteten zu trösten. Oder schreibt einen Brief an den G20-Gastgeber, Wladimir Putin, den er anfleht, die USA von einem Militäreinsatz gegen Syrien abzubringen. Oder besucht die Flüchtlingsinsel Lampedusa, um einen nicht zu überhörenden Hilfsappell an die europäischen Staaten zu richten. Dass er sich mit diesen hoch politischen Interventionen angreifbar macht, ist klar.
Oder er beruft mit Pietro Parolin einen Mann zum Kardinalstaatssekretär, der ab 16.Oktober die Nummer zwei im Vatikan sein wird. Ebendieser hat erst am Mittwoch neue Töne bei einem jener Themen angeschlagen, die nicht ohne Grund als heiße Eisen gelten und von Bischöfen gar nicht oder nur ungern angegriffen werden: dem Pflichtzölibat für Priester.
Zwar verwendet er reflexartig eine Wendung, wie sie in dem Zusammenhang nicht zum ersten Mal zu hören ist. Der Zölibat sei „kein Dogma“. Tatsächlich? Das hat einen ähnlichen Neuigkeitswert wie die Feststellung, dass der römische Präfekt Pontius Pilatus in der Provinz Judäa einen Mann namens Jesus von Nazareth hinrichten ließ. Wenn Parolin aber neben Treue zur Tradition die „Offenheit für die Zeichen der Zeit“ und den Priestermangel anspricht, dann, ja dann sind diese Worte im Gesamtzusammenhang doch als eine Ansage zu verstehen. Dass Franziskus so gar nicht damit übereinstimmt, kann ausgeschlossen werden. Ihm darf zugetraut werden, bei der Personalauswahl eine glücklichere Hand als sein Vorgänger zu haben.
Ohne die Tradition aufs Spiel zu setzen, befreit Franziskus die katholische Kirche also von unnötiger Last der Vergangenheit. Und er könnte, wie Indizien zeigen, die Kirche aus internen Pattstellungen befreien. Franziskus, der Befreier, also. Wahrlich nicht das schlechteste Programm für den Papst, der sich als Bischof von Rom versteht.
E-Mails an: dietmar.neuwirth@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2013)