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Was dreht sich um die Erde? Die Sonne, sagt das Publikum

Warum hat man es 500 Jahre nach Kopernikus immer noch nicht geschafft, den Heliozentrismus in (fast) alle Hirne zu bringen?

 

Das Schöne an Jahrestagen ist ihre Zufälligkeit. Der Kalender nimmt einem wenigstens zum Teil die unzumutbare Entscheidung ab, was vom Grund der Geschichte an die Oberfläche der kollektiven Erinnerung gespült werden soll. Und er liefert einen Vorwand, um sogar über so „exotische“ Ereignisse wie die Geburt des gut funktionierenden Reißverschlusses zu schreiben (den man heute wieder oft vermisst).

2014 wird vom Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs beherrscht, doch zur Auswahl stehen auch der 1200.Todestag von Karl dem Großen, der 250.Todestag der Madame de Pompadour, der 100.Todestag Bertha von Suttners, der 100.Geburtstag von Louis de Funès oder der 450.Geburtstag von Shakespeare.

Aber Nikolaus Kopernikus hat auch 1514 eine erste Skizze seiner heliozentrischen Theorie verfasst. Das Manuskript hielt er unter Verschluss, erst kurz vor seinem Tod veröffentlichte er sein großes Werk „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ („Über die Umschwünge der himmlischen Kreise“).

Zu diesem Jahrestag passt, dass auch Galilei 2014 seinen 450.Geburtstag hat. Er gehört zu den Lieblingspersonen öffentlicher Erinnerung, vor allem, wenn es darum geht, wie die katholische Kirche mit ihm umgesprungen ist. Allerdings verhielt sie sich nach damaligen Maßstäben gar nicht so arg unaufgeklärt. Sie verlangte nur, Galilei müsse von einer Hypothese statt von Wahrheit sprechen. Und im Fall von Kopernikus gehörten Bischöfe zu den größten Förderern seiner heliozentrischen Theorie.

Interessanter, als zum x-ten Mal an die „Verbrechen“ der Kirche zu erinnern, wäre zum Beispiel: Warum hat man es fast 500 Jahre nach der Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nach mindestens einem Jahrhundert Schulpflicht in Europa immer noch nicht geschafft, diese Erkenntnis in die Hirne aller oder auch nur fast aller Europäer zu bringen?

Ein paar Zahlen dazu: 32 Prozent der 2011 vom russischen Meinungsforschungsinstitut Wziom befragten Russen glauben, dass sich die Sonne um die Erde dreht – laut IfD Allensbach (2000) immerhin jeder sechste Deutsche, laut einer US-Umfrage von 2006 jeder fünfte Amerikaner und einer Eurobarometer-Umfrage von 2001 zufolge 26Prozent der Europäer. 56Prozent des Publikums in der französischen Millionenshow schließlich antworteten 2007 auf die Frage, was sich um die Erde dreht (Mond, Sonne, Mars, Venus): die Sonne.

Zum Glück gibt es zu Fragen der Wissenschaft keine demokratischen Wahlen. Obwohl: Der Heliozentrismus ist eigentlich viel leichter als die österreichische Politik zu verstehen.

 

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2013)