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Martin Hollinetz: Offene Labors für Kreative auf dem Land

Martin Hollinetz
Martin Hollinetz(c) © Stephan Rauch Photo
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Der Oberösterreicher Martin Hollinetz hat mit den Otelos ein Open-Source-Modell für Kreative auf dem Land entwickelt. Offene Räume für Kreatives aller Art sollen ein „Nährboden“ sein, der den Braindrain stoppt.

Manchmal ist das Landleben ein „Schock“. So war es auch für Martin Hollinetz, erzählt er. Damals, als er nach elf Jahren in der Stadt wieder ins heimatliche Vorchdorf gezogen ist. Schließlich ist das Örtchen nahe Gmunden kein Platz, an dem man junge Kreative, Innovationsgeist oder Hightech unbedingt erwarten würde. „Dann habe ich mir die Frage gestellt: Was für einen Rahmen braucht man auf dem Land? Was fehlt?“, sagt Hollinetz. Und so hat der Sozial- und Berufspädagoge, damals Chef des Regionalmanagements der Region Vöcklabruck/Gmunden, 2008 die Idee Otelo entwickelt. Die Abkürzung steht für Offenes Technologielabor. Offene Räume, die Gemeinden Kreativen zur Verfügung stellen und von sogenannten Nodes, also Gruppen, die am selben Thema oder in derselben Sparte basteln, genutzt werden:
Das geht von der Entwicklung von 3-D-Druckern bis zu Filmemachern, Schmuckdesignern, Seifensiedern, Medientechnikern oder Elektrotechnik-Workshops für Kinder. Die Räume, so Hollinetz, sollen ein Nährboden für Kreative sein, damit die nicht gezwungen sind, nach Wien oder Berlin abzuwandern. Offene Räume, die den Braindrain, das Abwandern kreativer, innovativer Köpfe, bremsen. Ganz neu ist die Idee nicht, in Städten existieren ähnliche Zentren zum Experimentieren bereits: Das FabLab/Happylab oder das Metalab etwa in Wien. Aber der Bedarf ist auch auf dem Land groß.

Die Idee Otelo kann jeder, der einen solchen Raum schaffen möchte, quasi als Open-Source-Modell eigenständig aufgreifen. „Raum mal Bürgerengagement ergibt Otelo“, erklärt Hollinetz den „Baukasten“, der aus einem Raum, aus der Basisinfrastruktur und den Otelo Five, einem fünfköpfigen Gründungsteam, besteht.
Raum und die Infrastruktur stellen die Kommunen (nach einem Beschluss des jeweiligen Gemeinderates) zur Verfügung. Das kann ein leerstehendes Gebäude sein, ein ungenutzter Raum in einer Schule oder ein alter Keller. Auch lokale Unternehmen unterstützen die Otelos. Vor allem solche, die besonderes Interesse daran haben, dass Innovationsgeist und Kreativität in ihrer Umgebung bleiben – in Hollinetz' Gegend etwa Lenzing AG oder Miba.

Otelos expandieren ins Ausland

Heute sind bereits fünf Otelos in Österreich in Betrieb: 2010 wurden die ersten beiden parallel in Vöcklabruck und Gmunden eröffnet, dann kamen Otelos in Ottensheim, in Kirchdorf und in Vorchdorf dazu. Mittlerweile gibt es auch den ersten Auslandsableger im deutschen Angermünde. Und das Interesse an dem Modell ist groß: Im deutschen Eberswalde ist ein Otelo geplant, genauso wie in Krems, in Waidhofen, im Waldviertel und in Kärnten.
Angesichts der neuen Otelos werden diese nun organisatorisch auf neue Beine gestellt: Aus dem Verein wurde mittlerweile ein dezentrales Netzwerk aus einzelnen Vereinen, parallel läuft aktuell die Gründung einer Genossenschaft.

Über die Genossenschaft, erklärt Hollinetz, sollen sich dann einzelne Kreative aus den Otelos selbst anstellen und selbstständig arbeiten können. Schließlich haben sich aus den freien Räumen zum Basteln und Experimentieren schon Geschäftsideen – vom Entwickler von 3-D-Druckern bis zu Videokünstlern oder Medienpädagogen – entwickelt. Etwa 15 Otelo-Kreative gebe es schon, die sich über diese Genossenschaft anstellen lassen wollen, die von ihren Otelo-Arbeiten mittlerweile leben. Und auch Martin Hollinetz betreibt das Management des Otelo-Netzes mittlerweile hauptberuflich. Zumindest für ein Jahr. Das sichere ihm die finanzielle Unterstützung des Social-Entrepreneur-Netzwerks der Organisation Ashoka, in das er Anfang des Jahres als Fellow aufgenommen wurde, erzählt Hollinetz.

Genossenschaft aus Kreativen

Die Genossenschaft als Arbeitsmodell für Kreative soll auf dem Land zu einer besseren Vernetzung beitragen. Schließlich, erzählt Hollinetz, seien diese auf dem Land kaum – und wenn, dann in den nächsten Städten – vernetzt. Mit den Otelos soll sich das ändern. Und dann ist vielleicht auch der Schock nicht mehr so groß, wenn es Kreative statt vom Land in die Stadt in die umgekehrte Richtung zieht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2013)