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Pannen-Peer Steinbrück streckt provokant den Mittelfinger aus

Deutschlands Wahlkampf wird durch eindeutige Gesten belebt. Der SPD-Kandidat setzt auf ein antikes Symbol, die Bundeskanzlerin hält ihre Mitte digital bedeckt.

 

Sagen Sie jetzt nichts“ ist eine beliebte Fotoserie im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“: Spontan, aber stumm posieren Prominente zu Fragen. Ihre Körper sollen sprechen. Es wäre naiv zu glauben, dass die Abgelichteten ihre Meinung verbergen können. Meistens wirkt Zeichensprache ehrlicher als jede Falschaussage.

Soeben hat es Peer Steinbrück erwischt, den Spitzenkandidaten der oppositionellen SPD, der gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel von der Union abzustinken droht. War es die irreale Aufholjagd, die Steinbrück alle Vorsicht vergessen ließ? War es Kalkül? Er machte bereitwillig den Clown. Und auf eine Frage über Spitznamen wie Pannen-Peer, Problem-Peer oder Peerlusconi zeigte er entschlossen-arrogant den Mittelfinger – politisch korrekt mit der sonst zur Faust geballten Linken, die Rechte fest in der Armbeuge. Wäre Steinbrück Italiener oder Grieche, hätte er nur Zeige- und Ringfinger geknickt. Am Mittelmeer sieht man Verachtung entspannter als in Hamburg, Berlin oder Brömsenknöll.

Ob diese Geste kurz vor der Wahl intelligent war oder der Verzweiflung entsprang, bewegt die Abteilung der Zeichendeuter im „Gegengift“ nicht. Das sollen berufene Politologen analysieren. Uns interessiert, woher der digitale Einsatz Steinbrücks stammt. Zu klären wäre auch, warum Merkel häufig beide Hände verwendet, um zum deutschen Volk zu sprechen. Sie legt die Finger an der Körpermitte geziert zusammen. Ihr gestisches Repertoire, das man inzwischen die „Raute der Macht“ nennt, variiert sie nur subtil. Ist dieses Zeichen, das die CDU vor ihrer Zentrale als gewaltiges Wahlplakat verwendet, gar ein okkultes?

Die Erklärung scheint so einfach wie Merkels Rhetorik. Solch typisch weibliches Fingerspiel signalisiert Besonnenheit und kann sogar als Wille zum Konsens missverstanden werden. Zeigen aber die Fingerspitzen nach vorn, geben sie ein Signal zum Angriff.

Man sieht, aus der souveränen Kanzlerin wird ein Exeget nicht unbedingt klug. Viel leichter ist es tatsächlich, Steinbrück zu erklären. „Er hat es schon einmal getan...“, meldete sofort die feinsinnige „Bild“-Zeitung, die sonst jede Vulgarität verachtet, anklagend als Schlagzeile. Das Massenblatt vergleicht den Zeiger des Kandidaten mit einem, den er bereits 2006 als Finanzminister machte. Da wirkte die Restfaust noch nicht so energisch, die Miene blieb relativ entspannt, der Blick war fast nachdenklich, nicht so feindselig wie für das Magazincover.

Wen aber zitierte Steinbrück? Den Fußballstar Stefan Effenberg, der 1994 für das Präsentieren des Stinkefingers bei der Weltmeisterschaft in den USA aus dem Team ausgeschlossen wurde? Zwar hatte Deutschland gegen Südkorea gewonnen, aber Teamchef Berti Vogts kannte kein Pardon, sein Zeigefinger wies Richtung Atlantik. Der Täter musste heimfliegen. Sportbegeisterte sprachen hinfort vom „Effe“, wenn sich der Mittelfinger zu einem Solo streckte. Wird dieser derbe Gruß nun zum „Stinke-Peer“?

Das wäre gemein. Wir im „Gegengift“ wollen dem Kandidaten lieber unterstellen, dass er bloß klassische Bildung bewies. Mit angewandter Proktologie hatte der „digitus impudicus“, den schon die Völker der Antike kannten, einst wenig zu tun, eher mit dem unverschämten Phallus: „Schaut her, wie stark ich bin!“ Schon der sensible Liebesdichter Catull empfahl die Geste Dieben als Gegenzauber. Im Mittelalter präsentierten Bogenschützen den Angreifern triumphierend die intakten Mittelfinger. Sie waren zum Spannen der Waffe nötig. Feinden und Wilderern wurden sie abgeschnitten.

Steinbrück hat zwar nicht geredet, aber eigentlich wollte er wohl sagen: „Euch schieße ich alle ab, ihr Rauten!“

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2013)