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Anosmie: Eine Welt ohne Rosenduft ist taub

Eine Welt ohne Rosenduft
Nase(c) www.bilderbox.com (BilderBox.com)

Andrea Pfligl kann ihre Kinder nicht mehr riechen. Für sie ist auch der Flieder geruchlos und es duftet nie nach frisch gebackenem Kuchen. Die 43-Jährige hat bei einem Unfall den Geruchssinn verloren. Sie leidet an Anosmie.

Ich kann dich nicht mehr riechen.“ Was die einen vielleicht in einem Streit gedankenlos aussprechen, kann für andere realer Albtraum sein. Für Menschen, die nicht riechen können, geht ein Teil der Welt verloren. Gerüche wirken direkt auf das sogenannte limbische System, das eng mit unserer Gefühlswelt verbunden ist.

„Am schlimmsten traf mich die Tatsache, dass ich meine Kinder nicht mehr riechen konnte und kann. Dass ich nichts mehr rieche, wenn wir kuscheln, wenn sie frisch gebadet sind. Oder, dass ich den Babyduft meiner kleinen Lisa nicht mehr wahrnahm“, erzählt Andrea Pfligl. Die Folgen eines schweren Sturzes mit Kopfverletzung nahmen der Niederösterreicherin vor fünf Jahren den Geruchssinn – als Lisa gerade sieben Monate alt war.

„Als ich damals nach dem Unfall aus dem künstlichen Tiefschlaf erwachte, war ich heilfroh, dass ich erstens überhaupt noch lebte und zweitens nicht querschnittgelähmt war. Dass ich kaum mehr etwas roch, störte mich anfangs nicht“, erzählt die 43-Jährige.

Doch mit der Zeit wurde ihr der Verlust immer bewusster. „Wer das nicht kennt, kann nicht nachvollziehen, dass die Welt ohne Geruch grauer, reizloser ist. Man verbindet doch verschiedene Orte und Erlebnisse mit Gerüchen. Wie es damals bei der Oma roch, wie man das erste Mal Waldluft schnupperte, das ist alles ausgelöscht.“ Es duftet nicht mehr nach frisch gebrühtem Kaffee, es riecht nicht mehr nach Grillabend oder neuer Ledertasche, Vergangenheit ist auch der herrliche Geruch frisch gebackenen Kuchens. „Es passiert immer wieder, dass mir Kuchen oder Kekse anbrennen, ich rieche es nicht mehr.“

Geruchsunfähigkeit verdirbt auch Geschmack und Appetit. „In den ersten Monaten hatte ich kaum mehr Interesse am Essen, nichts schmeckte nach etwas. Ich habe etwa 15 Kilogramm abgenommen und keinen Kochlöffel mehr angerührt. Ich war komplett verunsichert.“ Doch schön langsam fand die einst „leidenschaftliche Köchin“ wieder Spaß an der Zubereitung von Speisen, lernte auch wieder zu essen. Freilich fehlt der Gusto, der Gesunde überkommt, wenn ihnen der Duft von frischem Brot oder Pizza in die Nase steigt. „Ich esse stark mit den Augen und da schmecke ich sogar etwas. Vielleicht kommt der Geschmack auch nur aus der Erinnerung, aber immerhin.“

Pappkarton statt Zwiebelrostbraten. „Menschen mit komplettem Verlust des Geruchssinns, also mit Anosmie, schmecken so gut wie gar nichts mehr. Die erzählen dann, sie könnten genauso gut einen Pappkarton wie einen Zwiebelrostbraten essen, geschmacklich würde sich da nichts ändern. Viele verlieren so ihren Appetit komplett“, sagt Marcus Franz. Er ist Facharzt für innere Medizin, ärztlicher Direktor des Wiener Hartmannspitals, Geruchsforscher und Autor des Buches „Gerüche, der sechste Sinn“, das er gemeinsam mit der bekannten Medizinjournalistin Karin Gruber verfasst hat.

Eine Welt ohne Gerüche ist taub. Für Andrea Pfligl gibt es keinen Frühlingsduft mehr, auch der Flieder ist geruchlos, es riecht nicht mehr nach frisch gemähtem Gras oder Grillfeuer, es gibt keinen Schneegeruch, keinen Tannenduft. Auch Weihnachtsmärkte und Bäckereien sind geruchlos, sind blass. „Es ist ein bisschen so, als würde man den ganzen Tag fernschauen, als würde man draußen bleiben.“

Geruchsarmut verändert auch die Zeitwahrnehmung. „Es riecht bei mir nie, nicht in der Früh nach Kaffee, nicht nach den Kollegen im Büro, nicht nach Essen zu Mittag in der Kantine, nicht nach Nachtluft, nicht nach Regenluft. Die Zeitenabfolge ist irgendwie geradlinig, flacher geworden, irgendwie sogar eintönig.“

Traurig, nein traurig ist sie nicht. Dennoch kann sie verstehen, dass sehr viele Betroffene depressiv werden. „Ich habe meinen Fokus eben auf andere Dinge gerichtet. Ich spüre mehr, sehe mehr, habe mich zum Teil auch aufs Haptische verlegt und beschäftige mich auch spirituell. Und ich denke nicht dauernd daran, dass ich kaum etwas riechen kann.“ Freilich ist es schade, dass sie, die früher so viel Freude mit tollen Parfums hatte, nun keinen Sinn mehr dafür hat. Allerdings kommt auch da schön langsam wieder Geruchsleben hinters Ohrläppchen. „Jahrelang habe ich komplett auf Parfum verzichtet, jetzt aber verwende ich es wieder. Ich muss halt Freunde oder meine Mutter fragen, ob das zu mir passt.“

Unterstützung findet die zweifache Mutter auch bei ihren Kindern Niko, neun, und Lisa, sechs Jahre. „Die kommen immer wieder und sagen, Mama, Mama, das riecht nach diesem und jenem, das riecht so stark, das könntest du vielleicht doch riechen.“

Gerüche wecken viele Erinnerungen, viele Gefühle in uns, sie heben die Laune, lösen Freude oder Antipathie aus. Franz: „Nicht umsonst arbeitet auch die Industrie mit Gerüchen, sei es nun die Kosmetik-, Auto- oder Lebensmittelindustrie, auch in vielen Kaufhäusern wird mit Düften zum Kauf gelockt.“ Mercedes, so der Arzt, habe eine eigene Abteilung, die sich nur mit der Entwicklung neuer Düfte für Autos befasse. Und Gerüche gehen noch viel weiter. Franz: „Angstschweiß riecht anders als der Schweiß eines Kranken. Es gibt wissenschaftliche Beweise dafür, dass der Geruch von Angstschweiß eines Menschen bei Unbeteiligten eine höhere Alarmbereitschaft hervorrufen kann, er steigert die Bereitschaft zu Flucht oder Kampf.“

Angst aufgrund ihrer Anosmie kennt Andrea Pfligl auch. Vor allem in den ersten Jahren war es nicht immer einfach. „Wenn man allein unterwegs ist und einfach nichts riechen kann, verunsichert das schon sehr, man fühlt sich ziemlich verloren.“ Auch zu Hause ist ein wenig Unsicherheit geblieben. „Ich kann ja nicht riechen, wenn es brennt. Und ich kann auch nicht riechen, ob es irgendwo einen unangenehmen Geruch in der Wohnung gibt oder ob mein Gewand nach einem Lokalbesuch dementsprechend riecht oder nicht.“

Geruch und Partnerschaft. Der Verlust der Riechfähigkeit macht aber auch die Begegnung mit anderen Menschen komplizierter. „Früher habe ich Menschen schon auch mit der Nase wahrgenommen, heute schaue ich viel mehr auf Details“, sagt Pfligl. „Der Geruchssinn ist auch bei der Partnerwahl enorm wichtig. Fruchtbarkeit und Geruchssinn hängen eng zusammen“, sagt Arzt Franz. „Frauen haben um die Zeit des Eisprungs einen wesentlich schärferen Geruchssinn und können so besser entscheiden, ob der Partner zu ihnen passt oder nicht.“ Je unterschiedlicher die Immunsysteme zweier Menschen seien, so der Mediziner, desto besser könnten sich die beiden gegenseitig riechen, desto besser sei die Beziehung und desto besser seien die Voraussetzungen für den Nachwuchs.

Riechabsturz nach Jahren. Retrospektive Studien belegen: „Ein sehr hoher Prozentsatz von Paaren, die sich getrennt haben, konnte sich einfach nicht mehr riechen“, erzählt Franz. Aber hat man das nicht von Anfang an gerochen? Warum kommt erst nach Jahren ein Riechabsturz? Franz: „Da irritieren Parfums oder das Rasierwasser, da versteht man sich gut, hat gleiche Interessen, ist beeindruckt von smarter Eloquenz, schönen Beinen oder charmantem Kavalierstum. In der ersten Zeit ist also alles paletti. Wenn die Schmetterlinge im Bauch jedoch Alltagstrott gewichen sind, kommt das Riechen- oder Nicht-Riechenkönnen wieder in den Mittelpunkt.“

Andrea Pfligls Mittelpunkt sind ihre Kinder. Auch Freunde, Job und Hobbys sind ihr wichtig. „Ich bin keineswegs unglücklich, mein Leben ist gut und o. k. Aber manchmal fühle ich mich schon abgeschnitten vom Rest der Welt.“ In ihrer Welt – einer Welt ohne Rosenduft.

Wenig Geschmack.Wenn wir ein Wiener Schnitzel, eine Pizza oder sonst etwas essen, machen die von den Geschmacksknospen auf der Zunge aufgenommenen Informationen nur zehn bis 20 Prozent des Geschmackseindruckes aus.

Riechzellen. Der weitaus größere Teil des Geschmackserlebnisses entsteht über die Riechzellen in der Nase, wenn die Speisen im Mund zerkleinert, verteilt und eventuell erwärmt werden, und die Aroma- beziehungsweise Duftstoffe über den Rachenraum in die Nase steigen.

Tausende Gerüche.Die Zunge erkennt nur fünf Geschmacksrichtungen, die Nase aber tausende Gerüche.

Aufgeblättert: Aus dem Buch „Gerüche, der sechste Sinn“, Marcus Franz, Karin Gruber, Verlagshaus der Ärzte, 160 Seiten, 14,90 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2013)