Mariahilfer Straße: "Da kommst dir gefrotzelt vor"

Moritz Baier, Chef von vier Betrieben nahe der Mariahilfer Straße, will auch die Zollergasse umgestalten.
Moritz Baier, Chef von vier Betrieben nahe der Mariahilfer Straße, will auch die Zollergasse umgestalten. Die Presse (Fabry)
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Zu viele Autos, zu viel Stau, zu viel Chaos: Gastronomen und Geschäftsleute rund um die Mariahilfer Straße sind unzufrieden. Fans genauso wie Gegner der Verkehrsberuhigung.

Zufrieden ist niemand, und eines, da sind sich alle einig, egal, ob sie Fans oder Gegner des neuen Verkehrskonzepts auf und rund um die Mariahilfer Straße sind, fehlt: eine Lösung. „Der Siebte, so wie ich ihn kenne, ist seit 20 Jahren etwas Besonderes. Jetzt verliert er das“, sagt Moritz Baier. Der Verkehr sei zu viel, er vernichte das Lebensgefühl, das „Soho-Mäßige“, wie er sagt.

Dort, wo in der Zollergasse Autos parken, würde er lieber Tische seines Lokals „Liebling“ aufstellen, das er seit gut einem Jahr betreibt. „Da kommst dir schon gefrotzelt vor. In den vergangenen Jahren hat sich hier nichts für die Betriebe getan“, sagt der 32-Jährige, der in der Zollergasse auch den Modeladen „Useabrand“ betreibt, das Lokal „Schadekgasse 12“ in Mariahilf und den Vintageshop „Burggasse 24“.

Anders als vielen anderen geht Moritz Baier die Umgestaltung der Mariahilfer Straße zu wenig weit. Er hätte eine solche auch gern in der Zollergasse. „Ich bin mit dem Auto da, kenne die Probleme der Lieferanten. Dafür gibt es Alternativen. Aber das hier“, sagt er und deutet auf die Autos vor den Lokalen der Gasse, „das ist Steinzeit. Sechs Autos verhindern, dass hier über den Tag verteilt hunderte Leute sitzen.“ In den drei Sommermonaten, in denen die Gastronomen zwischen der Ecke zur Mariahilfer Straße bis zur Ecke Lindengasse auf der Parkspur ihre Terrassen aufbauen dürfen, ist das eine der lebendigsten Lokalzeilen des Siebten.

Seit Ende August stehen vor dem „Liebling“ nur drei kleine Tische. „Man kann nicht die Kommerzstraße drüben schön gestalten und für die anderen nichts machen“, ist er enttäuscht, waren doch einst die ersten knapp hundert Meter der Zollergasse ebenfalls als Fußgängerzone im Gespräch. „Ich sehe das rein wirtschaftlich: Mehr Platz für Lokale bedeutet mehr Umsatz. Und er sorgt für das Lebensgefühl, das Flair, das der Siebte einmal hatte.“


Kunden fahren im Kreis. Auch Simon Jacko, ein anderer Jungunternehmer in einer Seitengasse der Einkaufsmeile, hat ein Problem mit den parkenden Autos. Allerdings, weil sie seinen Kunden, die zum „Feinkoch“, einem Spezialitätenladen in der Theobaldgasse, kommen wollen, den Platz verstellen. „Seit der Umgestaltung gibt es weniger freie Parkplätze. Mir erzählen Kunden, sie seien eine halbe Stunde auf Parkplatzsuche im Kreis gefahren“, sagt er. Generell beobachtet er in der Theobaldgasse im Sechsten nun mehr Verkehr. Mehr Laufkundschaft, wie sie von Planern der neuen Fußgängerzone auch für die Seitengassen angekündigt war, sei noch nicht gekommen. Trotzdem will Jacko den Plänen zur Verkehrsberuhigung eine Chance geben. „Das Konzept ist verbesserungswürdig, aber man muss sich das schon ein paar Monate anschauen“, sagt er.


„Früher war das eine gute Lage.“ Eine andere Anrainerin auf der Seite des Sechsten hat sich indes schon eine klare Meinung gebildet. Es sei ein „Wahnsinn, eine Katastrophe“ für sie, erzählt Sibylle Bauer-Schmidt. Sie betreibt seit 15 Jahren eine Schneiderwerkstatt samt Shop in der Otto-Bauer-Gasse. „Ich war immer zufrieden, früher war das eine gute Lage. Jetzt ist das für mich eine schlechte Lage“, sagt sie und erzählt von Kunden, die, verunsichert vom Chaos um die Umgestaltung, anrufen und fragen, wie sie zufahren und parken können. „Und dann kommen sie erst recht nicht“, sagt Bauer-Schmidt, spricht von Existenzängsten.

„Üblicherweise geht der Betrieb Anfang September wieder los. Jetzt ist die Otto-Bauer-Gasse ruhig wie im Hochsommer. Dass keine Laufkundschaft komme, räumt sie ein, könne auch an Baustellen liegen. Sie jedenfalls müsse mit Monatsende eine ihrer drei Mitarbeiterinnen kündigen, so dramatisch sei ihr Umsatz seit Mitte August zurückgegangen.

Wolfgang Meznik hat seinen Betrieb zwar ein Stück weiter weg von jener Straße, die in Wien nun seit Wochen die Geister scheidet: in der Burggasse. Dort, vor allem im unteren Bereich, klagen die Anrainer nun über Ausweichverkehr. Und über Stau. „Wer setzt sich in den Garten, wenn davor ein Lkw im Stau steht und pausenlos seine Abgase hineinbläst?“, sagt der Wirt des Restaurants „Zu ebener Erde und erster Stock“, erzählt von langen Wegen bei Besorgungen, von Klagen der Lieferanten. Im Gastbetrieb selbst bemerke er – abgesehen davon, dass die Mariahilfer Straße und die 30er-Zone, zu der die Burggasse im Zuge der Umgestaltung wurde, bei den lokalen Gästen Thema ist – aber nichts. Acht von zehn seiner Kunden seien Touristen, diese kommen nicht im Auto.


Blockade der Burggasse geplant. Andere Geschäftsleute des unteren Teils der Burggasse erzählen auch von Einbußen in ihren Geschäften. Einige von ihnen haben sich nun zusammengetan und wollen kommenden Donnerstag die Burggasse mit einem Sitzstreik blockieren. Und mit dem gemeinsamen Protest, so sagt Meznik, habe die ganze Aufregung immerhin etwas Positives: „Ich habe noch nie so viele Leute im Bezirk kennengelernt. Manche habe ich 1000-mal gesehen, aber jetzt spricht man sich an, hat ein gemeinsames Thema.“ So unterschiedlich die Einschätzungen der Geschäftsleute der Gegend dann auch sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2013)

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