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Volksoper: Applaus für das Rasiermesser-Massaker

Volksoper Applaus fuer grosse
Sweeney Todd(c) APA/HARALD SCHNEIDER (HARALD SCHNEIDER)

Stephen Sondheims Musical "Sweeney Todd" begeistert überwiegend. Die Inszenierung ist traditionell, Morten Frank Larsen ein adretter, wohltönender Massenmörder. Perfekt einstudiert klingt die schwierige Musik.

Die Vereinigten Bühnen Wien müssen sich langsam warm anziehen. Beim Musical droht ihnen die Volksoper den Rang abzulaufen. „Natürlich blond“ im Ronacher gegen „Sweeney Todd“ im Haus am Gürtel: Der Ausgang dieses Matches ist klar. „Sweeney“ hat die bessere Musik, die bessere Geschichte – und wird wohl auch Jugendliche anlocken, dank der Verfilmung mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter vor sechs Jahren. Diese war allerdings vor allem ein technisch aufwendiges Blutbad.

Die Grundfrage lautet: Soll man den Mystery-Thriller vom Barbier, dem der Richter Frau und Tochter wegnimmt und der nach 15 Jahren in der Verbannung zur Rache schreitet, ernst nehmen oder ironisieren? Regisseur Matthias Davids entschied sich für Realismus. Die Aufführung könnte witziger sein, zeitgemäßer ins Deutsche übersetzt, aber so wie sie ist, überzeugt sie.

 

Robert Meyer als schauriger Richter

Sondheims Musik ist ein halsbrecherischer Dissonanzengalopp, umso mehr beeindruckt die tolle Einstudierung. Das Werk stellt quasi eine Oper als Opernparodie dar: Sondheim mischt Ballade, Arien. Auch wenn gesprochen wird, müssen die Sänger gegen schräge Töne aus dem Orchestergraben ankämpfen, die Tempiwechsel und jene von einer Nummer zur anderen sind extrem hurtig. Dirigent Joseph R. Olefirowicz, Amerikaner mit Erfahrung in der deutschen Musical-Industrie – von „Starlight Express“ bis zum „Glöckner von Notre Dame“ – sorgt für ein Effektfeuerwerk, das manchmal etwas lautstark ist. Aber es bringt eine die grausige Geschichte erfrischend konterkarierende Fröhlichkeit in die Aufführung. Wie Johnny Depp ist auch Morten Frank Larsen als Sweeney Todd gegen den Typ besetzt. Sweeney sah man früher als schmierigen Kerl. Depp und Larsen sind viel zu adrett für die Rolle. Doch Larsen spielt den Sweeney mit Bravour und Stummfilm-Elementen, stimmlich hat er als Opernsänger keine Probleme. Und die kräftige Portion romantische Emotion, die Larsen ins große Rasiermesser-Massaker einbringt, wirkt recht charmant.

Robert Meyer ist ein großartiger, wahrhaft dämonischer und unsympathischer Richter Turpin, der sich selbst geißelt im Zwiespalt zwischen der Vater-und der Liebhaberrolle. Schließlich ist ihm alles eins und er will sein Mündel Johanna zur Heirat zwingen. Sie versucht zu fliehen. Gesanglich kann Meyer gut mithalten mit den Kollegen. Die Mikroports funktionieren tadellos, kaum hässliche Töne, keine Übersteuerung.

„Sweeney Todd“ ist auch eine Satire, in der sich Gesellschaftskritik der 1960er-, 1970er-Jahre – das Broadway-Musical wurde 1979 uraufgeführt – mit jener an der brutalen Industrialisierung, der Zeit, in der das Stück spielt, verbindet: Es geht gegen Prälaten, Advokaten, Polizei, eine korrupte Gerichtsbarkeit, Willkür, Machtmissbrauch.

Dagmar Hellberg ist eine herrlich komödiantische Mrs. Lovett, ihre schauspielerischen Fähigkeiten sind stärker ausgeprägt als die gesanglichen. Alexander Pinderak und Anita Götz malen als junges Paar helle, lyrische Farben in das düstere Gemälde dieses Werks. Vincent Schirrmacher gibt den skrupellosen Haarwasser-Geschäftemacher Pirelli, Tom Schimon den armen Jungen Tobi, der an Charles Dickens erinnert; er sucht Schutz bei Mrs. Lovett vor dem grausamen Leben in der Metropole London, wird mit Pasteten aus Menschenfleisch und mit Gin abgefüllt und in den Keller gesperrt.

 

Standing Ovations für Sondheim

Kurt Schreibmayer singt den Büttel. Patricia Nessy, Volksopern-Debütantin, spielt die Bettlerin, die Sweeney zu spät als seine ehemalige Frau erkennt. Es gibt schon hörbare Unterschiede zwischen Opern-und Musicalstimmen, aber sie stören nicht.

Mathias Fischer-Dieskaus Bühnenbild, eine Maschine, zeigt einen unheimlich flackernden Keller, der an eine Kathedrale erinnert, Höhlen, aus denen die Irren springen, eine Terrasse für Johannas Zimmer. Die Optik verweist auf ein religiöses Symbol des antiklerikalen „Sweeney“: In diesem Credo wird hinabgestiegen in das Reich des Todes, die Auferstehung ist gestrichen.

„Sweeney Todd“ gibt es bei iTunes zum Herunterladen, ganz schön teuer: 20 Euro. Trotz des Mangels an Ohrwürmern ist das Stück als Ganzes ein Ohrwurm. Das liegt an Sondheims grandioser Musik, die zwischen Spätromantik und elegischen Musicals wie Webbers „Phantom der Oper“ angesiedelt ist. Sondheim ist ein echter Pionier des Genres. Viel Kommerz wächst nach. Der 83-jährige Großmeister einer Unterhaltung im besten Sinne, mit Pfiff und Substanz, wurde am Ende der Premiere Samstagabend in der Volksoper mit Standing Ovations bedankt, auch das Ensemble bekam viel Applaus. Im Foyer wurden Pasteten gereicht. Das Publikum griff freudig zu. Sehr groß kann also der Schrecken nicht gewesen sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2013)