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Donald Ray Pollock: „Nette Geschichten kann ich nicht“

Donald Pollock
Donald Pollock(C) Donald Pollock /Facebook
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Nach 32 Jahren Arbeit in der Papierfabrik wurde Donald Ray Pollock mit brutal-schönen Geschichten bekannt. Heute liest er bei der Kriminacht.

Manchmal, da prallen Welten aufeinander. Zum Beispiel, wenn man mit Donald Ray Pollock im Wiener Hotel Imperial sitzt, und mit diesem sanften älteren Herrn über seine Herkunft spricht. Donald Ray Pollock wurde in Knockemstiff geboren. Und er schreibt Geschichten, wie man sie von jemandem erwarten würde, der aus einem Ort stammt, der „Schlag sie tot“ heißt. Nur noch gewalttätiger. Und besser.

„Die perfekte amerikanische Kurzgeschichte“, schrieb die „FAZ“ über seinen ersten Erzählband „Knockemstiff“, und: Er haue einen „glatt aus den Schuhen“. Drei Geschäfte, eine Bar, eine Kirche, mit 250 der 450 Einwohner war er verwandt – das sind die Eckdaten des Kaffs in Ohio, in dem Pollock seine literarische Welt entstehen lässt. Eine Welt des Missbrauchs und der Gewalt, garniert mit Schweinefett und Fliegen. Er habe ja versucht, sagt der Mann auf dem Sofa im Imperial, auch nette Geschichten zu schreiben. „Aber das funktioniert bei mir einfach nicht.“

Weil er über das schreibe, was bei ihm früh Eindruck hinterlassen hat. Der Vater, bei einer Messerstecherei verletzt. Nicht richtig arm, aber trotzdem gewalttätig. „Ich habe immer aufgepasst, nichts zu tun, das ihn reizen könnte. Ich habe die Gewalt immer sehr genau beobachtet, weil ich Angst vor ihr hatte. Und wenn man mit so etwas aufwächst, ist es immer da.“ Später kommen dazu Jahre, in denen er, neben ein paar Ehen und wachsenden Schulden, all seine freie Zeit in der Bar verbringt, „und im südlichen Ohio lag da immer eine Schlägerei in der Luft“.


Auf dieser Melange aufbauend hat der 58-Jährige auch seinen ersten Roman geschrieben. In „Das Handwerk des Teufels“ ziehen predigende Mörder durchs Land, ein Pärchen jagt und tötet im Urlaub, ein Vater begeht blutige Opferhandlungen. „Natürlich“, sagt Pollock, „ist nicht jeder in Ohio wie die Leute in meinem Buch. Aber es gibt einen Teil der Gesellschaft, der ist so – oder noch schlimmer. In unserer Lokalzeitung kann ich jede Woche zwei, drei Dinge finden, die schlimmer sind als alles, was ich geschrieben habe.“

Allein dass Pollock schreibt, ist bemerkenswert. Begonnen hat er damit mit 45 – in der Midlife Crisis. „Ich nenne es ungern so, aber es trifft wohl zu.“ Damals war sein Vater gerade in jener Papiermühle in Pension gegangen, in der auch Pollock 32 Jahre lang gearbeitet hat, die meiste Zeit als Lkw-Fahrer für die anfallende Asche. „Ich habe meinem Vater zugeschaut, wie er nach Hause gegangen ist und sich vor den Fernseher gesetzt hat“, erzählt Pollock. „So wollte ich nicht enden. Also habe ich angefangen zu überlegen, was ich tun könnte – und schreiben war die einzige Sache, die mich gereizt hat.“Fünf Jahre gab er sich. „Wenn bis dahin nichts passiert wäre, hätte ich mir erlaubt, wieder aufzuhören.“ Mit 50 hatte er fünf, sechs Kurzgeschichten veröffentlicht und bekam ein Stipendium für die Ohio State University. Er kündigte seinen Job und nahm an, „weil ich da zum ersten Mal unter Leuten war, die sich auch fürs Schreiben interessierten. Und ich war nicht einmal der älteste.“ Noch während er studierte, bekam er die Zusage seines Verlags.

Heute Abend ist Pollock in Wien Gast bei der Kriminacht. Die deutsche Übersetzung liest Karl Markovics. Eine weitere Leserin hat Pollock vergangene Woche dazubekommen. Die Frau von T. C. Boyle, erzählt Kriminacht-Organisator Franz Schubert, habe ihn nach einem Tipp gefragt. „Sie hat bis fünf in der Früh gelesen.“ Pollock beobachtet die Vorgänge noch immer ein wenig ungläubig. Die Reisen macht er nicht zuletzt seiner Frau zuliebe. Bis heute wohnt er nur 13 Meilen von Knockemstiff entfernt. „Wenn es nach mir ginge, würde ich nur in Ohio bleiben.“

Auf einen Blick

Die Wiener Kriminacht bringt heute Abend zum 9. Mal nationale und internationale Autoren in Wiener Kaffeehäuser. Es stehen insgesamt 56 Lesungen an 52 Schauplätzen auf dem Programm. Zu den Autoren zählen Martin Walker („Bruno“-Romane), das Krimi-Ehepaar „Nicci French“, Eva Rossmann, Thomas Raab und Stefan Slupetzky. Donald Ray Pollock liest
zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum. Infos: www.kriminacht.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2013)