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Pop

Elvis Costello und die vagen Ängste

Elvis Costello
Elvis Costello(C) BlueNote
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Elvis Costello hat sich mit den Roots zusammengetan. Das musikalisch famose Album „Wise Up Ghost“ versucht, die Protestsongkultur ins 21. Jahrhundert zu beamen.

Er glaube nicht daran, dass Bücher und Alben die Welt verändern könnten, sagt Elvis Costello. Solche Statements stehen ihm wie seine schmalen Anzüge. „Wir hatten keine große Theorie außer der alten Idee des musikalischen Dialogs“, das brummelt just einer, der denselben öfter an seine Grenzen gebracht hat. Etwa bei seiner Zusammenarbeit mit Opernsängerin Anne Sofie von Otter. Positiv fielen hingegen Costellos Kooperationen mit Burt Bacharach und New-Orleans-Legende Allen Toussaint aus.

Als nun bekannt wurde, dass er gemeinsame Sache mit The Roots macht, war niemand sehr überrascht: Die Band des genialen Drummers Ahmir „Questlove“ Thompson gilt als die virtuoseste Hip-Hop-Kombo der Geschichte. Sie hat selbst einer so ätherischen Folk-Elfe wie Joanna Newsom Blut in die Venen gepumpt. Trotzdem schweigen auch The Roots verschämt dazu, dass sie nun versucht haben, mit „Wise Up Ghost“ einen Songzyklus zu gestalten, der die Katerstimmung in der US-Bevölkerung auf ähnliche Weise reflektiert wie die berühmten Soul-Konzeptalben der Siebzigerjahre. Für heutige Ohren klingen Klassiker wie Marvin Gayes „What's Going On“ und Curtis Mayfields „There Is No Place Like America Today“ ja seltsam ambivalent, zuweilen naiv. Die Wirklichkeit ist komplexer geworden.

 

Raffinierte Selbstzitate

„Große Antworten haben wir selbstverständlich nicht“, wiegelt Costello ab: „Für die Lyrics habe ich diesmal eher wie ein Reporter gearbeitet.“ Zu den Techniken, die er anwendete, zählt das raffinierte Selbstzitat. Im verwegen groovenden „Stick Out Your Tongue“ wiederholen sich Bilder aus „Pills And Soap“, das einst von Hip-Hop-Ikone Grandmaster Flash inspiriert war. Zudem tauchen darin Versatzstücke von „Hurry Down Doomsday“ und „National Ransom“ auf. Costello tauchte tief in sein Werk ein, förderte Metaphern zutage, die in veränderten Zusammenhängen neue Schärfe gewannen. Solch Rekontextualisierung charakterisiert die ganze Krux der Protestgegenwart: Die alten Losungen passen nur zu gut auf aktuelle Situationen.

Für „Cinco Minutos Con Vos“ begab sich Costello ins Jahr 1982, als für wenige Wochen der Falkland-Krieg zwischen Großbritannien und Argentinien aufbrandete. Einer seiner großen Songs damals war „Shipbuilding“, ein Versuch, im Licht der Tragödie eines Krieges das sonst verschattete Dasein von Werftarbeitern zu thematisieren. Nun erzählt Costello ein argentinisches Schicksal, einen Abschied für immer, und bekennt: „Es ist natürlich ein wenig seltsam, wenn ich 25 Jahre später einen Song über die damalige Situation schreibe, aber der Grund ist einfach, dass ähnliche Techniken der Unterdrückung heute im Namen unserer Sicherheit benützt werden. Unter dem Schutz des Arguments, dass man gegen den Terror kämpft, werden viele Verbrechen begangen.“ Obwohl er Edward Snowden nicht explizit erwähnt, beklagt er den Umstand, dass Menschen Idealismus mit ihrem persönlichen Wohlergehen bezahlen müssen. „Offensichtlich geht im Hintergrund etwas vor, vor dem man sich fürchten sollte“, sagt er kryptisch.

So grimmig die Grooves des neuen Albums tönen, textlich bleibt Costello meist vage. Griffigen Losungen wie „Phony prophets offer hope, that's a different kind of dope“ stehen Passagen gegenüber, die der Hörer mit eigener Imagination füllen muss. Die gesellschaftlichen Konflikte werden mithilfe musikalischer Kollisionen zwischen Hip-Hop und Rock, süßem Soul und jazziger Dissonanz fühlbar. Lieder wie „Sugar Won't Work“ und „Walk Us Uptown“ sind von unterschwelliger Bedrohlichkeit. Dennoch spiegelt die Dringlichkeit in Costellos Gesang letztlich nur die allgemeine Hilflosigkeit wider. „If I could believe, then I know I might“ heißt es ganz am Ende.

Die Flucht ins Literarische demonstriert auch das nostalgische Cover im Design einer berühmten Taschenbuchreihe des City-Lights-Buchladens in San Francisco, eines Zentrums der störrischen Gegenkultur der Sechzigerjahre. Deren klare Slogans würde man sich zuweilen wieder wünschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2013)