Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter drängen auf Verbesserungen: zweites Kindergartenjahr, mehr (Sprach-)Lehrer für Kinder aus benachteiligten Schichten und eine neue Schulfinanzierung.
Bad ischl/Ett/Apa. Es war nicht das erste Mal, dass die Sozialpartner Druck auf die Regierung ausüben und Reformen im Bildungswesen fordern. Schon vor zwei Jahren haben die Präsidenten der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen bei ihrem traditionellen Treffen in Bad Ischl diesbezüglich Änderungen verlangt. Er sei daher schon etwas ungehalten, betonte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl (ÖVP) nun am Montag: Von der künftigen Regierung erwarten sich die Spitzenvertreter von Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund, Landwirtschafts- und Wirtschaftskammer jedenfalls, dass ihre Anliegen auch umgesetzt werden: Der Forderungskatalog reicht von einem verpflichtenden zweiten Kindergartenjahr über den Ausbau ganztägiger Schulformen bis zu mehr Lehrpersonal für die Sprachförderung.
Auch wenn der Wirtschaftskammer-Chef ungehalten darüber ist, dass ÖVP und SPÖ zu wenige Verbesserungen im Bildungswesen erreichen. Von „abgesandelt“, wie Leitl die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Österreich noch im August in Alpbach bewertet hatte, wollte er in Bad Ischl bei der Bildung nicht sprechen.
Im Vorfeld der Nationalratswahl und um die Chance auf eine Realisierung der Forderungen zu erhöhen, seien „Reizbegriffe“ in dem mehr als 30 Seiten umfassenden Papier „Perspektiven für die Jugend“ bewusst vermieden worden, erläuterte der Wirtschaftskammerpräsident. Daher wurde auch das Reizwort Gesamtschule für Zehn- bis 14-Jährige, die von der SPÖ im Wahlkampf vehement gefordert und von der ÖVP-Spitze entschieden abgelehnt wurde, ausgeklammert.
Allerdings findet sich in dem Katalog doch ein vorsichtiger Hinweis, dass die Entwicklung künftig in Richtung einer gemeinsamen Schule gehen solle. Die Potenziale der Kinder müssten stärker gefördert werden. Dies solle durch „eine individuelle Leistungsdifferenzierung ohne beschränkende Festlegung durch eine frühe Bildungsentscheidung“ erfolgen, was als Signal für eine gemeinsame Schule ab zehn Jahren angesehen wird. Leitl legte sich allerdings auch bei der Präsentation in diesem Zusammenhang nicht auf einen bestimmten Schultyp fest: Es solle „keinen Eintopf, sondern ein differenziertes Eingehen auf Stärken und Schwächen geben“.
•Zweites Kindergartenjahr: Völlig einig waren sich die Sozialpartnerpräsidenten Leitl, AK-Präsident Rudolf Kaske, Landwirtschaftskammer-Chef Gerhard Wlodkowski (ÖGB-Chef Erich Foglar wurde wegen gesundheitlicher Probleme durch ÖGB-Vizepräsidentin Sabine Oberhauser vertreten) in anderen Punkten, speziell beim Ausbau der Sprachförderung. Erklärtes Ziel ist demnach die Einführung eines verpflichtenden zweiten Kindergartenjahres. Bei der frühkindlichen Bildung müsse bereits die Sprachförderung in Deutsch einsetzen.
•Sprachförderung: Auch im Regelschulwesen ab der Volksschule müsse auf Sprache und Lesen mehr Augenmerk gelegt werden. Zu diesem Zweck wird auch der Einsatz von mehr Lehrern in den Klassen mit erhöhtem Bedarf an Sprachförderung verlangt. Darüber hinaus müssten auch die Eltern von Kindern aus „bildungsfernen und nichtdeutschsprachigen“ Gruppen der Bevölkerung unterstützt werden.
•Finanzierung: Die Sozialpartner schlagen deswegen eine neue Art der Mittelzuteilung „nach sozialen Kriterien“ und eine Änderung bei der Finanzierung von Schulen vor. Es müsse „mehr Geld und Personal für Schulen“ mit vielen Schülern „mit bildungsfernem Familienhintergrund“ bereitgestellt werden. Die Zuteilung von Geld solle sich nicht mehr nach der Zahl der Schüler, sondern nach der Zahl der Absolventen richten.
•Mehr Ganztagsschulen: Grundsätzlich befürworten die Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter den Ausbau ganztägiger Schulformen in allen Regionen („bedarfsorientiert und wohnortnah“), beginnend ab der Volksschule. Damit die Nachmittagsbetreuung für die Eltern tatsächlich leistbar werde, werden österreichweit einheitliche und sozial gestaffelte Beiträge verlangt. Zumindest damit liefen sie bei den anwesenden Regierungsvertretern, Familien- und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) und Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) offene Türen ein. Mitterlehner ist grundsätzlich auch für den Ausbau des zweiten Kindergartenjahres, dies sei allerdings abhängig von der Finanzierung, die in manchen Bundesländern schwierig werden könnte.
•Jugendcoaching: Der Sozialminister unterstützt vor allem die Forderungen nach einer Ausweitung des Jugendcoachings, eine Aktion, die schon für Jugendliche angelaufen ist, die Schule und Ausbildung abbrechen. Die Sozialpartner wollen ein Coaching ab der achten Schulstufe in allen Schulformen, notfalls bis zum 25. Lebensjahr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2013)