Tord Boontje: In der Natur der Dinge

Tord Boontje: In der Natur der Dinge
Tord Boontje: In der Natur der Dinge(c) Beigestellt / tordboontje.com
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Ein Luster wie ein Sternenhimmel, ein Stuhl wie ein Garten, eine Wand wie ein Wald: Der Designer Tord Boontje liebt die natürliche Eleganz.

Luster. Für Swarovski entwarf Tord Boontje den Stellar Doma: einen Sternenhimmel aus Kristallen.
Luster. Für Swarovski entwarf Tord Boontje den Stellar Doma: einen Sternenhimmel aus Kristallen.(c) Beigestellt
Gekräuselt. Der „Shadowy“-Sessel für Moroso.
Gekräuselt. Der „Shadowy“-Sessel für Moroso.(c) Beigestellt
Tierwelt. Boontje gestaltete das Artwork an der Wand der Kinderabteilung des Royal London Hospital.
Tierwelt. Boontje gestaltete das Artwork an der Wand der Kinderabteilung des Royal London Hospital.(c) Beigestellt

Licht löst Emotionen aus.  Die Lichtspender können das auch, wenn sie die richtigen Designer haben. Und gerade Tord Boontje ist so einer, der gar nicht anders kann, als dem Licht noch etwas mitzugeben auf dem Weg ins Auge des Betrachters. Eine Konnotation etwa, eine Analogie vielleicht. Eine Referenz in jedem Fall, meist an die Natur, die die Welt mit Schönheit und Eleganz viel mehr überwältigt, als es ein Designer je könnte, wie Boontje meint. Beim Luster Stellar Doma, den der holländische Designer für Swarovski entworfen hat, sind es natürlich nicht nur die LED-Lampen, die strahlen, die Kristalle sind es, die ihre Eleganz aussenden. Bei Boontje scheint die Inspiration immer irgendwo im Universum zu lauern, bei Stellar Doma war es der Blick nach oben, in den nächtlichen Himmel. Tausende handgesetzte Kristalle formen in der Himmelskuppel zwei unterschiedliche Motive: Stardust und Blossom.

Die Verbindung mit der Natur sucht Boontje gern, egal, ob er das Artwork entwirft, das später als Tapete in einem Londoner Kinderspital an der Wand klebt, oder Stühle, die sich für den Hersteller Moroso kräuseln, als wären sie exotische Pflanzen. Oder Stühle und Bänke, die Petit Jardin heißen und aus einem ganzen Garten geflochten scheinen.

Gern mixt Boontje den Zugang zur Natur mit Technologie, Handgemachtes mit industriell Produziertem. Wenn in der Fensterfront seines Londoner Designstudios die Eichhörnchen grafisch auftauchen, dann wissen die Passanten: Da entsteht schon wieder eine neue Kollektion, die Boontje auch selbst über einen Shop vertreibt. Sogar Schuhe waren schon darunter. Oder Leuchten aus Bambus, die nur stehen, wenn man sie selbst mit eigenen Objekten beschwert, die Lightweight-Tischlampe. Im Gespräch mit dem „Schaufenster“ erklärt er die Macht des Ornaments und warum auch der Instinkt ein Designweg sein kann, dem man getrost folgen kann.

Ihr Name und Ihre Entwürfe tauchen sehr oft im Zusammenhang mit Natur auf, aber auch mit dem Begriff „ornamental“. Wie halten Sie’s mit Adolf Loos, der Ornamente abgelehnt hat? 

Ich glaube, dass diese Interpretation nicht ganz korrekt ist. Adolf Loos wurde auch ein wenig falsch verstanden. Bei Loos kann man zwei Ebenen bemerken, ich habe einige Häuser von ihm besucht, ich mag sie sehr. Sie sind klar und funktionell, ja. Aber auf der anderen Seite zeigen sie sich oft auch in edlem Holz und Marmor, mit Musterungen und Strukturen, die durchaus ins Ornamentale gehen. Da finden sich durchaus einige Elemente in seinem Werk, die über das Funktionale hinausgehen. Was er mit seinem „Ornament ist Verbrechen“ meinte, ist, glaube ich, dass es kein guter Designweg ist, wenn das Ornament zur Obsession wird, wie im Stil des Barock oder Rokoko. Adolf Loos und die Wiener Werkstätte waren ja Parallelbewegungen zur Art-Nouveau-Haltung, die sich mit all diesen neuen Technologien und Materialien auseinandersetze, um Objekte zu schaffen. Der radikalste Gedanke damals war „Form follows function“, und wurde lange formuliert, bevor es Louis Sullivan tat, der als Urheber des Satzes gilt. Auch sehr funktionalistische Designer waren immer schon von der Natur inspiriert.

Ihre Arbeit scheint besonders intensiv von der Natur inspiriert, von ihrer unzweifelhaften Schönheit. Liegt dieser Zugang in Ihrer eigenen Natur?
 Ja, zum Teil sicherlich. Wir alle, die wir auf der Welt leben, formen sie mit. Es gibt viele Bereiche, die mir nicht so gut gefallen, weil sie zu kalt gestaltet sind, zu steril oder zu mechanisch. Es ist zum Teil keine sonderlich menschliche Welt mehr, in der wir leben. Besonders heute, nach den vielen Kriegen in diesem Jahrtausend, wir leben ja irgendwie im permanenten Kriegszustand, durchleben ökologische, finanzielle und soziale Krisen. Gerade jetzt ist es wichtig, zu fundamentalen menschliche Werten zurückzukehren. 

Heißt das auch, wieder mehr auf den Bauch, das Gefühl und den Instinkt zu hören? 
Ja, das bedeutet einfach auch Mensch zu sein. Und Mensch zu sein wiederum heißt auch, Teil der Natur zu sein. Es darf nicht darum gehen, Städte etwa so konfrontativ, so hart, so unmenschlich zu bauen. Man muss sich auch mal mit dem „soften“ Design beschäftigen, mit den menschlichen Faktoren der Dinge und mit den sozialen Aspekten der Enwürfe.

Menschen bringen gestalteten Dingen, auch gebauten Häusern etwa, vor allem den alten, Gefühle entgegen. Doch das historische Erbe wird oft nicht sehr respektiert in der gebauten Umwelt.  
Ich persönlich mag Geschichte sehr. Aber auf der anderen Seite will ich nicht blind die Vergangenheit hochhalten. Ich sehe auch dann und wann altmodische Luster, die mir so gar nicht gefallen. Genauso wenig finde ich es passend, zeitgenössische Häuser im Stil der Vergangenheit zu bauen. Aber gleichzeitig muss man sich auch bewusst sein, was man da aus dem Gedächtnis ausradiert, wenn man wie in China einfach ganze Stadtkerne demoliert.

Sie versuchen auch in vielen Ihrer Projekte, sozial nachhaltig zu agieren. 
Ja, wir haben etwa auch einen Luster gemeinsam mit einem Kunsthandwerkerkollektiv in einer Favela von Rio de Janeiro herstellen lassen. Später haben wir auch mit Kunsthandwerkern in Guatemala zusammengearbeitet. Meine Frau und ich haben eine Serie von Glasobjekten aus recyceltem Material entworfen, Vasen, Krüge und so weiter. Zunächst haben wir selbst in unserem Studio in London produziert, dann wurde es uns zu viel. Wir hatten einen Kontakt in Guatemala City, haben dort eine Werkstatt eingerichtet, wie auch eine Glassammel-Infrastruktur.

Was kann man als profilierter Designer von solchen Kollektiven lernen?  
Beim Reisen lernt man ja immer Menschen kennen, die unter ganz unterschiedlichen Umständen arbeiten. Wenn man mit der Indus-trie zusammenarbeitet, läuft immer alles sehr präzise ab, alles läuft nach exakten Skizzen, Plänen, technischen Zeichnungen. Aber wenn man mit Kunsthandwerkern arbeitet, dann kommt man mit einer rohen Skizze zu ihnen. Das lässt Platz für ihre Interpretationen, schließlich haben sie ihre eigene Art und Weise der Gestaltung und lebenslange Erfahrung darin. Die brasilianischen Kunsthandwerker etwa, die wussten mehr über Textilien, als ich je wissen werde.

Sie haben in Frankreich auf dem Land gearbeitet, sind aber kürzlich wieder nach London gezogen, wo Sie Ihr Studio haben. Braucht man als Designer die Stadt, die Begegnungen und die kreativen Milieus?
Ja, wir haben ein Haus in der Nähe von Lyon. Wir nützen es noch im Urlaub. Aber wir sind zurück nach London gezogen, weil wir einfach die Freunde und die Familie vermisst haben. Ich glaube, man kann natürlich auf dem Land leben und Wolkenkratzer für die Stadt entwerfen. Und umgekehrt kann man in der Stadt sein und von der Natur inspirierte Dinge gestalten. 

Aber fehlt nicht auf dem Land diese Zufälligkeit der Inspiration, die auch durch Menschen kommt, die man trifft, zufällig oder gewollt?
Oft ist man ja in der Stadt ohnehin viel zu beschäftigt, um Leute zu treffen. Man hat gar keine Zeit dazu. Auf der anderen Seite kommt die Inspiration oft nicht im Kaffeehaus zwischen zwei Terminen, sondern auch, wenn dich gute Freunde in deinem Haus auf dem Land besuchen, wenn sie zwei Tage bleiben, wenn man gemeinsam isst und eine Flasche Wein trinkt. Dann gehen die Gespräche in die Tiefe. Aber natürlich zieht man auch Inspirationen aus ganz anderen Dingen, wie Ausstellungen, Kunst oder auch Filmen natürlich.

Haben Sie jemals auch Set-Design gemacht für Filme? Oder würde Sie das interessieren? 
Das habe ich noch nie gemacht, leider. Es ist auch nicht so einfach als Designer, zu einem Regisseur hinzugehen und zu sagen: „Lass mich deinen Film designen.“ Die Filmemacher sind schon auf einer anderen Spur unterwegs als die Designer. Sie würden kaum daran denken, einen Designer wie mich zu fragen.

Als Set-Designer könnten Sie dann die Wohnungen und Häuser der Hauptdarsteller je nach Charakter einrichten. 
Ja, letztens habe ich im Film „Vergebung“, diesen Krimi von Stieg Larsson, die Leuchte Midsummernight von mir gesehen. Ach ja, und auch im zweiten Teil der „Twilight“-Saga kam eine Leuchte von mir vor. Aber da bin ich ja nicht vorher gefragt worden.

Sie haben tatsächlich „Twilight“ gesehen?
Ja, ich habe eine 13-jährige Tochter, da ist es nicht ganz so leicht, „Twilight“ nicht zu sehen.

Was hat es mit Ihrem faszinierendem Projekt „Shipwrecked“ auf sich? Leuchten, die wie Muscheln aussehen. Farne auf Vorhängen, Passionsfrüchte auf Tellern?
Ja, es war vom Meer inspiriert. Wir haben dazu auch Meeresmuscheln eingescannt und Lampenschirme mit der Muscheltextur ausgedruckt. Im Sommer war ich im Garten bei meiner Mutter in Schweden, da wächst so viel Gemüse für den Eigenbedarf. Und dann hörte ich diese unglaubliche Geschichte von den Schiffbrüchigen. Sie sind auf einer Insel gestrandet und verhungert. Und das, obwohl fast alles, was dort auf der Insel wuchs, essbar gewesen wäre. Aber sie haben es einfach nicht gewusst.

Glauben Sie daran, dass es so etwas gibt wie den evolutionären Nutzen von Schönheit, also, dass unser Schönheitsempfinden angeboren ist? 
Das glaube ich tatsächlich. Und ich glaube auch, dass die Natur sehr gut darin ist, extrem effizient zu sein. Sehen Sie sich den Eiffelturm an: Er ist auch deshalb so schön, weil einfach minimal Material
verwendet wurde. Auch in Bezug auf Proportionen ist die Natur unnachahmlich. Genauso wie mit Leichtgewichtsstrukturen. Und auch diese Sachen haben sehr viel mit Schönheit und Eleganz zu tun.

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