Der Patient Konjunktur kommt von der Droge nicht los

Patient Konjunktur kommt Droge
Patient Konjunktur kommt Droge(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)
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Wir sind Labormäuse im größten monetären Experiment der Finanzgeschichte. Leider stehen die Chancen nicht so gut, dass wir da ohne Blessuren herauskommen.

Der schwer drogensüchtige Patient macht jetzt einen etwas besseren Eindruck. Kein Wunder, ist er doch mit Ersatzdrogen vollgepumpt. Die um das Krankenbett versammelten Ärzte überlegen ernsthaft, die Dosis ein wenig abzusenken, also eine Art Ausstiegsprogramm zu starten. Bis der Primarius die Diskussion abrupt und überraschend beendet: Eine eingehende Untersuchung habe ergeben, dass die rosigen Wangen nur von Schminke stammen können. Der Patient sei insgesamt noch zu schwach, um eine Verringerung der Dosis auszuhalten.

Eine ähnliche Szene hat sich Mittwochabend im Offenmarktausschuss der US-Notenbank Fed (Federal Reserve) abgespielt. „Primarius“ Ben Bernanke hat befunden, dass der „Patient“ US-Konjunktur zu schwach sei, um auch nur partiell vom Tropf genommen zu werden. Die Fed wird also weiter 85 Mrd. Dollar im Monat frisch gedrucktes Geld per Ankauf von Anleihen und Immobilienpapieren in den Markt drücken, nachdem sie diesen in den vergangenen Jahren schon mit der unvorstellbaren Summe von 3000 Milliarden Dollar geflutet hat.

Das heißt: Die US-Konjunktur läuft bei Weitem nicht so rund, wie uns die offiziellen Zahlen vorgaukeln. Für Leute, die ein bisschen tiefer blicken, ist das keine Überraschung: BIP-Zahlen und Inflationswerte sind (wie überall auf der Welt) durch allerlei Tricks geschönt. Und die Arbeitslosenrate, die die Notenbanker zur wichtigsten Kennzahl für ihr Tapering (also den langsamen Ausstieg aus der Liquiditätsschwemme) erkoren haben, ist nur deshalb so stark gesunken, weil sich immer mehr Amerikaner nach Auslaufen der Unterstützungen gar nicht mehr arbeitslos melden.

Die Fed versucht seit Jahren vergeblich, diese unkomfortable Lage zu verbessern, indem sie ungeheure Mengen von Dollars in den Markt schüttet. Und sie wird das vorerst weitertun. Für uns ist das eine sehr schlechte Nachricht. Denn je länger dieses Quantitative Easing dauert, desto schwieriger wird der Ausstieg. Und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient dabei kollabiert.

Wir sind, weil die US-Wirtschaft nun einmal die dominierende auf diesem Globus ist, auch in Europa sozusagen die Labormäuse im größten monetären Experiment der Wirtschaftsgeschichte: Noch nie wurden solche Mengen von aus dem Nichts gezauberten Dollars in die Märkte geschüttet. Die USA finanzieren ihr Defizit schon zu mehr als der Hälfte über die eigene Notenbank. Und noch nie in der Wirtschaftsgeschichte hat so etwas gut geendet. Die normale Folge war der Wirtschaftszusammenbruch in Hyperinflation.

Diesmal ist alles anders, sagen uns die Notenbanker. Genau das haben uns die Gurus auch während des Aufblasens der Internetblase zur Jahrtausendwende versichert, als der Gewinn als wichtigste Börsenkennzahl vorübergehend von der Cash Burning Rate abgelöst wurde. Wer damals im Ernst geglaubt hat, dass man das wirtschaftliche Schwerkraftgesetz einfach so außer Kraft setzen kann, ist ziemlich unsanft auf dem Boden der Realität aufgeschlagen. Es ist schwer einzusehen, wieso es diesmal anders sein sollte.

Stimmt schon: Die Inflation ist derzeit weder hierzulande noch in den USA ein großes Problem. Das ist aber auch kein Wunder: Das Geld kommt in der Realwirtschaft nicht an. In den konsumgetriebenen USA gehen die Reallöhne seit Jahrzehnten zurück. Da kann keine konsuminduzierte Konjunktur zustande kommen.

Die Abermilliarden fließen überwiegend in die Finanzmärkte. Und dort haben wir bereits eine gewaltige Asset Inflation: Börsenhöchststände mitten in einer globalen Konjunkturschwäche. Wenn diese Börsenblase platzt, dann haben wir die nächste Wirtschaftskrise, die sich gewaschen hat. Die Kunst der Notenbanker besteht nun darin, die Luft aus dieser Blase so behutsam herauszulassen, dass es die Hülle nicht zerfetzt. Dass der Federal Reserve dazu noch nichts Gescheites einfällt, hat sie uns gerade bewiesen. „Kicking the can down the road“, wie das jetzt praktiziert wird, ist jedenfalls keine Lösung, sondern macht das Problem nur noch gewaltig größer.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2013)

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