Angeblich hätten 13 statt drei Cobra-Beamte eingesetzt werden sollen. Doch wegen Sparmaßnahmen sei der Einsatzplan geändert worden. Der Sprecher der EKO Cobra weist die Vorwürfe zurück.
Zwei Tage nach dem Amoklauf eines 55-jährigen Wilderers in Annaberg (NÖ) sind intern schwere Vorwürfe gegen die Einsatzleitung erhoben worden. Aufgrund von Sparmaßnahmen, so die Kritiker, wären lediglich drei statt der ursprünglich vorgesehenen 13 Beamten zum Einsatz gekommen. Der Wilderer hatte in der Nacht auf Dienstag drei Polizisten, darunter einen Cobra-Beamten, sowie einen Rettungssanitäter erschossen.
Bereits im Sommer sei von "Cobra-Taktikern" auf die Mängel des geänderten Einsatzplanes hingewiesen worden. Dadurch sei ein "unkalkuliertes Risiko entstanden", hieß es in einem an die Austria Presse Agentur (APA) gerichteten Mail. Diese "Gefährdung" sei von der Cobra-Führung "bewusst in Kauf genommen worden und die Rückänderung auf den ursprünglichen Einsatzplan wegen der zu erwartenden Kosten verweigert" worden.
Aus diesen Gründen habe der Wilderer nach dem Schusswechsel "nicht verfolgt werden können, da eine optimale Nachtkampftauglichkeit auf Grund von fehlenden und veralteten Nachtsichtgeräten/Gewehroptiken nicht gegeben" gewesen sei. Zusätzlich prangerte der anonyme Verfasser an, dass "auf den Cobra-Standorten nicht die entsprechende Mannschutzausrüstung vorhanden" sei, um "sich ausreichend gegen Jagdwaffen zu schützen. Einschubplatten als Schutz gegen Langwaffen sind lediglich für einige wenige Einsatzbeamte verfügbar und müssen, so wie auch in Kollapriel, unter Gefährdung vor Ort, also im unmittelbaren Gefahrenbereich, von Mann zu Mann weitergegeben werden." Die Einschubplatten für Kurzwaffen (z. B. Pistolen) seien "teilweise seit Jahren abgelaufen, jedoch in Verwendung".
Bei der Suche nach einem Wilderer war in der Nacht auf 17. September 2013 in Niederösterreich die Lage eskaliert: Der Mann schoss auf Polizei und Rettung, tötete dabei drei Menschen und flüchtete daraufhin mit einer Geisel von Annaberg nach Großpriel bei Melk, wo er sich auf einem Bauernhof verschanzte. Bild: Die Stelle bei Annaberg, wo ein Sanitäter getötet wurde. APA/ROLAND SCHLAGER
Die Geisel wurde später tot aufgefunden. Bild: Großpriel wurde großräumig abgeriegelt (c) EPA (ROBERT JAEGER)
Eine Nacht später wurde eine Leiche im Bauernhof des Verdächtigen aufgefunden. Es handelte sich um jene des Täters, des 55-jährigen Alois H. (c) APA (Georg Hochmuth)
Rückblick auf die Geschehnisse: Die Spezialeinheit Cobra war bereits bei den Straßensperren in Annaberg involviert, offenbar hatte die Exekutive mit einem gefährlichen Einsatz gerechnet. (c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)
Der mutmaßliche Wilderer Alois H. (55) durchbrach bei Annaberg bei der L101 mit seinem Auto die Sperre und soll daraufhin das Feuer aus einem Gewehr mit Kaliber 7,62 Millimeter eröffnet haben. Einer der Cobra-Beamten wurde durch seine Schutzweste angeschossen er verblutete.Im Bild: Das Auto der Cobra-Beamten. (c) APA (BMI)
Von seinem hinter der Sperre im Straßengraben feststeckenden Wagen aus soll H. weitergeschossen haben ... (c) APA (BMI)
... auch auf ein Rettungsauto, das zur Hilfe herangerufen worden war. Dabei traf er einen 70-jährigen Sanitäter. Der Mann, der vor 32 Jahren die Rotkreuz-Station in Annaberg mitgegründet hatte, starb noch am Tatort, ein weiterer Beamter wurde verletzt. (c) APA (BMI)
H. dürfte dann rund einen Kilometer zu Fuß durch den Wald geflüchtet sein. Auf einer anderen Straße überfiel er eine Polizeistreife mit zwei Beamten aus dem Bezirk Scheibbs. Einen der Männer soll H. sofort mit einem Kopfschuss getötet haben den zweiten nahm er als Geisel in dem Streifenwagen mit zu seinem Wohnhaus im 60 Kilometer entfernten Melker Ortsteil Großpriel. Dort, in der Garage des Hofs, sollten Cobra-Beamte die Leiche des Polizisten später in dem Streifenwagen finden.Im Bild: Am Boden markierte Blutspuren nahe Annaberg. APA/ROLAND SCHLAGER
Der Mann schoss von seinem Hof auf einer Anhöhe aus immer wieder auf die Polizei, die das Gelände abriegelte. (c) APA/PAUL PLUTSCH (PAUL PLUTSCH)
Auch drei Panzer des Bundesheeres wurden zur Unterstützung angefordert. Sie wurden eingesetzt, weil sie den besten Schutz bei der Annäherung boten. Es handelte sich um eine sicherheitspolizeiliche Assistenzleistung, am Polizeieinsatz selbst waren keine Soldaten beteiligt. (c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)
Die Versuche, mit dem Mann Kontakt aufzunehmen, blieben erfolglos. (c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)
Ein Auto der Polizei mit zerborstener Heckscheibe wird nahe Annaberg abtransportiert. (c) EPA (ROLAND SCHLAGER)
Im Bild: Das Gebäude in Großpriel nach der Stürmung. Der der Täter hatte sich hier stundenlang verschanzt, ehe der Einsatz der Cobra-Einheit begann. Der Polizeieinsatz dauerte rund sechs Stunden, ehe eine verkohlte Leiche gefunden wurde. (c) EPA (PAUL PLUTSCH)
In dem Haus wurde später ein wahres Waffenarsenal gefunden. Viele der Waffen könnte H. bei Einbrüchen erbeutet haben. APA/LPD NÖ
Großeinsatz mit Panzer-Unterstützung
Detlev Polay, Sprecher des EKO Cobra, wies die Vorwürfe zurück: "Durch die Kaltblütigkeit des Täters und sein überaus brutales und rücksichtsloses Vorgehen haben die angesprochenen Themen keinerlei Relevanz für die Auswirkungen. Es lag im vorliegenden Fall ein gemeinsam entwickeltes Einsatzkonzept vor, das allen eingesetzten Bediensteten bekannt war. Dieses basierte auf den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Aufgrund der äußeren Gegebenheiten, also Umgebung, Uhrzeit und Witterung, lag der Fokus der Ermittlungen auf dem Fahrzeug."
Der Einsatz sei zwei bis drei Wochen geplant gewesen, man wusste, dass der Wilderer Anfang September unterwegs sein wird. Auch die Ausrüstung sei auf dem aktuellen Stand. Für jede Einsatzkraft stehe eine beschusshemmende Weste zur Verfügung, so Cobra-Sprecher Detlef Polay, schusssichere Westen gebe es nicht. „Die Ausrüstung wäre dann so schwer, dass man sich nicht mehr bewegen könnte“, so Polay. Die verwendete Ausrüstung war fünf Jahre alt, mit einer Gewährleistung von zehn Jahren. Österreichweit gibt es 451 Cobra-Kräfte, 430 davon seien ständig verfügbar.
Bei dem Großeinsatz wegen eines geflüchteten mutmaßlichen Wilderers und Vierfachmörders am Dienstag waren in Niederösterreich unter anderem standen 135 Beamte der Sondereinheit Cobra im Einsatz. Einer von ihnen wurde von dem Täter erschossen.Weiter: Zahlen und Fakten zum Einsatzkommando Cobra (c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)
Kernaufgabe des Einsatzkommandos Cobra (EKO Cobra) sind Sondereinsätze mit "mittlerem und höherem Gefährdungsgrad". Bild: Cobra-Beamte 2008 bei einer Übung in Wiener Neustadt. (c) REUTERS (� Herbert Neubauer / Reuters)
Bei Flugzeugentführungen, Geiselnahmen, Amokläufen, Festnahmen nach Gewaltverbrechen, aber auch bei grenzüberschreitenden Situationen wird die Truppe tätig.Bild: Beamte simulieren im "Air Marshal"-Ausbildungszentrum der Cobra in Wr. Neustadt eine Flugzeugentführung. (c) APA (COBRA)
Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei der Analyse von durchgeführten Einsätzen: Die Cobra muss alle Schusswaffengebräuche der österreichischen Exekutive untersuchen. (c) REUTERS (� Herbert Neubauer / Reuters)
Abgesehen von "klassischen Antiterrormaßnahmen" soll die Sondereinheit vor allem den Polizeidienststellen bei Fällen mit erhöhter Gefährdungslage unter die Arme greifen. Auch die Unterstützung der Kriminalpolizei bei der Verhaftung gefährlicher Täter oder bei Zugriffen im Bereich der organisierten Kriminalität fällt in ihren Aufgabenbereich.Bild: Cobra-Beamte stürmen in Graz bei einer Übung einen Zug. (c) APA/�BB /EKO Cobra (�BB /EKO Cobra)
Das Hauptquartier des EKO Cobra befindet sich in der Ausbildungs-und Einsatzzentrale in Wiener Neustadt. Bild: Eine Cobra-Übung im November 2005 (c) Guenter R. Artinger
Insgesamt gibt es die fünf Standorte Wiener Neustadt, Wien, Graz, Linz und Innsbruck sowie die operativen Außenstellen in den Bundesländern Kärnten, Salzburg und Vorarlberg. Somit ist sichergestellt, dass das gesamte Bundesgebiet innerhalb von 70 Minuten von Cobra-Kräften erreicht werden kann. (c) APA (GUENTER R. ARTINGER)
Laut Homepage des Innenministeriums verfügt das Einsatzkommando österreichweit über einen Personalstand von rund 450 Beamten.Bild: Cobra-Beamte trainieren 2008 für Einsätze bei der Fußball Europameisterschaft. (c) APA (GNEDT)
Als der mutmaßliche Wilderer bei Annaberg eine erste Straßensperre durchbrach, feuerte ein Polizist auf sein Auto. H. tötete später drei Polizisten und einen Sanitäter.