Kenia: Wie man Wasser aus der Wüste holt

Wasser auf Rädern: In Kenias Wüstenregionen muss Wasser mühselig über weite Strecken herbeigebracht werden
Kenia: Wie man Wasser aus der Wüste holt(c) REUTERS (HANDOUT)

Wissenschaftler finden mit neuen Technologien unter der Wüste Wasserdepots. Sie könnten das Land 70 Jahre lang versorgen.

Vor etwa einem Jahr sah der Franzose Alain Gachet einem Mädchen zu, wie sie mit einem Plastikbecher Wasser aus Pfützen in einem fast ausgetrockneten Flussbett schöpfte und damit eine Ziege tränkte. „Sie wusste, dass wenn die Ziege kein Wasser bekäme, diese sterben würde. Dann hätte sie keine Milch mehr und würde selbst sterben.“

Das war in Turkana im Nordwesten Kenias, eine der ärmsten und trockensten Regionen des Landes. Rund 700.000 Menschen leben in der Wüstensteppe, meist nomadische Viehhirten. Hinzu kommen rund 100.000 Flüchtlinge aus Nachbarstaaten. Das größte Problem hier ist Wassermangel: ein schrumpfender See, der immer salziger wird, ein Staudamm im nördlich gelegenen Äthiopien, Bevölkerungswachstum und ausbleibende Regenzeiten. Insgesamt, so schätzt die UNO, haben rund 17 Millionen der 41 Millionen Kenianer keinen Zugang zu Trinkwasser.

Wenige Wochen nach seiner Begegnung mit dem Mädchen saß der Geologe Gachet wieder an seinem Schreibtisch in einem ehemaligen Ursulinenkloster in Tarascon im Herzen der Provence. „Es hat dicke Wände“, beschreibt er seine idyllische Familienunterkunft. „Ich mag es, weil es ruhig ist.“ Doch auf den vier Rechnern seiner Firma Radar Technologies International (RTI) ging es in den Monaten danach alles andere als ruhig zu. Milliarden über Milliarden von Pixels hatte sein Team eingekauft – von der Nasa, den Weltraumbehörden Kanadas und Japans, alles Daten, die von einem Space Shuttle und Satelliten gesendet wurden, die Kenia in 800 Kilometer Höhe überflogen hatten.

Viel mehr Wasser als im Bodensee

Wie Mosaiksteine fügten die Forscher die Daten zusammen. Es ergab sich ein überraschendes Bild: Unter dem heißen Wüstensand im Norden des Landes lagern 250 Milliarden Kubikmeter Wasser. Zum Vergleich: Der Bodensee, Europas größtes Trinkwasserreservoir, fasst „nur“ 50 Milliarden Kubikmeter. Und die jährliche Grundwasserneubildung beträgt geschätzte 3,4 Milliarden Kubikmeter.

Initiiert wurde das Forschungsvorhaben auf Anfrage der kenianischen Regierung durch die Unesco. Gemeinsam mit Casey Walther, Wasserspezialist bei der Unesco und nun Partner von RTI, entwickelte das Team eine Technologie zur Erkundung unterirdischer Wasservorräte, die auf Satelliten basiert: „Watex“, kurz für „Water Exploration“. Der revolutionäre Ansatz kombiniert Information aus dem All unter anderem mit vorhandenen topografischen Daten und Klimadaten sowie Messungen von Regenfällen und Magnetfeldern.

Bei Hunger kann man nicht warten

„Vor allem Ölfirmen haben oft gute Daten“, sagt Gachet. Im Fall Turkana war es die britische Firma Tullow, die dort jüngst Öl fand. Doch mit einem Forschungsbudget von nur 700.000 US-Dollar hatte das Team auf mehr Kooperation gehofft. Am Ende zahlte man 10.000 Dollar für Infos an die Ölfirma.

Für Gachet, der 20 Jahre für den französischen Ölkonzern Elf (heute Total) und später auf Vertragsbasis für Shell gearbeitet hat, sei das ethisch nicht vertretbar: „Vielleicht hätten wir die Daten nach langen Verhandlungen gratis bekommen. Aber Menschen hungern. Da kann man nicht warten.“

„Diese enormen Wassermengen im Turkana-Becken und Lotipiki-Becken sind sehr aufregend für uns“, sagt Judi Wakhungu, Kabinettssekretärin vom kenianischen Ministerium für Umwelt, Wasser und Ressourcen. Bis zu 70 Jahre könnten diese Wassermengen die Bevölkerung des Landes versorgen, heißt es optimistisch. Gachet fügt dem etwas vorsichtiger hinzu, dass das wohl nur gelte, wenn sie auch „sparsam und nachhaltig“ genützt würden – Bedenken, die viele Skeptiker teilen.

Außerdem gelte es zunächst einmal, der Bevölkerung diese Vorkommen zugänglich zu machen. Der weit größte Teil des entdeckten Wassers befindet sich in tief liegenden, Grundwasser führenden Schichten, 80 Meter und mehr unter der Erde. „Um an diese heranzukommen, brauchen wir gute Bohrer“, sagt Gachet. „Und die gibt es hier in Kenia nicht.“ Zwar würden lokale Vertragsfirmen das ständig behaupten – „aber wir brauchten jenes Equipment, das etwa US-Firmen in Texas zum Drillen und Fracken vier Kilometer unter der Erdoberfläche verwenden“.

Die von RTI benutzten Technologien erlauben es mit wenig finanziellem Aufwand, doch hoher Präzision, die Wahrscheinlichkeit unterirdischer Wasservorkommen vorherzusagen. „Arbeitet man nur mit einem Teil der Daten, die wir verwenden (wie etwa von klassischen hydrogeologischen Messungen, Anm.), und bohrt auf deren Basis, liegt die Trefferrate bei 33 Prozent.“ Voraussagen mit „Watex“ hätten jedoch eine Trefferrate von 98 Prozent, so die Wissenschaftler.

Verdursten über der Quelle

Gachet ist fasziniert von dieser Treffsicherheit, vergisst aber nicht auf die humanitäre Seite, während er enthusiastisch über technische Spezifikationen spricht. „Ich werde Darfur nie vergessen“, so Gachet über einen der ersten Einsätze der Technologie im Jahr 2004. „Menschen starben wie Fliegen an Hunger und Durst. Und nur 30 Meter unter ihnen war all dies Wasser!“
Ähnlich erstaunt hätten nun Menschen in Turkana reagiert, als aus einem nur wenige Meter tiefen Bohrloch Wasser schoss, wo vorher nichts als Sand war.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2013)