Romuald Hazoumè, Kunststar aus Afrika, sammelt in Benin für notleidende Weiße. Eine kluge und lustige Schau im Kunsthaus Graz.
Hey, du da, magst du nicht spenden? Ich sammle für die Weißen! Sie stecken in der Krise!“ „Was? Für wen sammelst du?“ – fassungslose Gesichter am afrikanischen Straßenrand. „Für die Weißen! Sie leiden, auch dort gibt es Arme, die nichts zu essen haben! Glaub mir!“ „Du kümmerst dich um die Weißen?“ – immer noch Fassungslosigkeit...
Der Film, den Romuald Hazoumè über die Arbeit seiner NGO-Gruppe „SBOP“ gedreht hat, ist unglaublich lustig. Die Leute in Benin, wo Hazoumè lebt, wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Sie sollen für die Weißen spenden? Das kann nicht wahr sein! Es entspinnen sich so köstliche wie absurde wie anregende Diskussionen. An deren Ende doch immer eine Münze in dem knallroten Ölkanister landet, der als Spendenbox dient. Mit den besten Wünschen oder Flüchen, je nachdem.
„SBOP“ ist die französische Abkürzung für „Beninische Solidarität für gefährdete Westler“. Und Hazoumè, einer der großen zeitgenössischen Kunststars aus Afrika, meint das durchaus ernst. Empowerment heißt diese Strategie der Selbstermächtigung: Er will seinem Volk, wie er sagt, klarmachen, dass sie nicht auf Hilfe vom Westen warten sollen, sich selbst helfen sollen und können. „Meine ganze Kunst ist ausschließlich für meine Leute gedacht.“
Auch wenn sie praktisch ebenso ausschließlich nur im Westen ausgestellt wird? Wie etwa jetzt, im Kunsthaus Graz? „Ja, die Medien berichten ja, und alle schauen bei uns fern. Wenn ich das zu Hause ausstellen würde, würde ihm niemand einen Wert beimessen. Aber wenn man im Ausland damit Erfolg hat, bekommt alles mehr Gewicht.“ Bestes Beispiel das aus Ölkanistern gebaute Flüchtlingsboot, das Hazoumè bei der Documenta 12 (2007) vor einer idyllischen Landschaftstapete stranden ließ. Es war damals eines der meistfotografierten Objekte.
„Ein Afrikaner muss doch Masken machen“
Ölkanister wurden sein Markenzeichen, „Mister Kanister“ wurde der 1962 im Benin geborene Künstler genannt. Immer wieder scheinen sie in seinen Installationen und Plastiken auf – als Spendenboxen für die beninische Hilfsaktion. Als Gepäck auf Motorräder geschnallt, die auf den gefährlichen Benzinschmuggel in Benin hinweisen, bei dem die Fahrer immer wieder bei Explosionen ihr Leben verlieren. Die Kanister dienen auch als Rohmaterial für die Hütte, die er im obersten Stock des Grazer Kunsthauses als NGO-Standpunkt aufgebaut hat. „50“ liest man überall auf den Wänden. 50 Liter sind damit gemeint.
Mit schrägen, fast surrealistischen Masken, die er ebenfalls aus Teilen der Kanister gemacht hat, ist Hazoumè in der internationalen Kunstszene berühmt geworden. „Ein afrikanischer Künstler muss doch Masken machen“, sagte er damals. Voilà. Es war die erste seiner vielen ironischen, ja sarkastischen Antworten auf die Klischees. Die NGO-Gründung ist seine bisher radikalste Ansage, sie dreht die Verhältnisse um, die Kunst wird zum Karneval – einmal darf alles anders sein.
Göttin der Liebe, mit Schlössern behängt
Sein Blick geht aber auch in die andere Richtung: Völlig anders würde in Benin, immerhin einem Zentrum des Voodoo, die europäische Mode interpretiert, an Brückengeländern Vorhängeschlösser als Zeichen der Liebe anzubringen. Und den Schlüssel dann mit pathetischer Geste in die Fluten zu werfen. „Wir machen das mit den Fußballspielern des gegnerischen Klubs. Schreiben deren Namen auf ein Vorhängeschloss und sperren es zu, solange das Spiel dauert. Damit sie nicht gut laufen können. Aber dann sperren wir wieder auf“, sagt Hazoumè. Und schüttelt fassungslos den Kopf. Wie kann man den Schlüssel wegwerfen? Verantwortungslos... Im Kunsthaus, direkt an der Mur-Brücke, die vor bunten Schlösslein nur so strotzt, hat er deshalb jetzt eine Göttin der Liebe aufgestellt. Handgeschnitzt in Afrika. Behängt mit besagten Schlössern. Umringt von Ritterrüstungen aus der Zeugkammer des Joanneums. Eine fusionierte Kultstelle europäischen und afrikanischen (Aber-)Glaubens.
Hazoumè ist in Graz kein Unbekannter, Peter Weibel, sagt er, habe ihn entdeckt, er war schon recht früh in seiner Karriere bei mehreren Ausstellungen vertreten. Trotz seines Erfolgs blieb er aber in seiner Heimat, in Benin, wohnen. Und gründete dort eine privat finanzierte Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst, die „Fondation Zinzou“. In sieben Jahren hatten sie 4,6 Millionen Besucher hier, vor allem Schulkinder, erzählt er. Sie werden mit einem eigenen Bus abgeholt und wieder zurückgebracht. „Die Kinder müssen wissen, was die eigene Kultur und Kunst bedeuten, wie wichtig sie sind“, sagt er. Politiker und Sammler aus dem Westen lieben das Projekt, EU-Präsident Barroso war schon hier, der französische Ex-Präsident Chirac oder der Kunstsammler Pinault. Nur einer habe es noch nicht geschafft: der Präsident des eigenen Landes, bemerkt Hazoumè spitz. „Die sind einfach zu blöd, um das zu verstehen, was wir hier schaffen.“ Jetzt wackelt die Finanzierung, der Mäzen dahinter hat kein Geld mehr.
Kunsthaus Graz, von 21. 9. bis 12. 1. 2014
Steirischer Herbst
„Liaisons dangereuses“ ist heuer das Leitmotiv beim Steirischen Herbst (bis 13.Oktober). Die zentrale Ausstellung „Liquid Assets“ im Exzollamt soll „den Mysterien und dunklen Flecken der weitgehend virtualisierten globalen Geldströme nachspüren“. Am Freitag hatten die Stücke „H, an incident“ und „Economic Theory for Dummies“ Premiere, eine Besprechung erscheint in der „Presse am Sonntag“. Das „ORF-Musikprotokoll“ (u.a. mit Robert Lepenik und Patrick Pulsinger) läuft von 3. bis 6.Oktober.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2013)