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Wie wir wohnen wollen

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Wieso nur lebt Hermann Maier in den Werbespots im herkömmlichen Eigenheim? Wider den Mythos vom Einfamilienhaus: für eine Trendwende im heimischen Wohnbau! Samt einigen attraktiven Beispielen.

Rund 80 Prozent der Österreicher träumen vom frei stehenden Einfamilienhaus im Grünen – oder haben sich den Traum bereits erfüllt. Dabei stellt sich diese Wohnform oft als zeitlich begrenztes Ideal heraus. Längst kennt die Immobilienbranche den Begriff des Scheidungshauses, das für keinen der beiden ehemaligen Lebenspartner mehr finanzierbar ist und zum Schleuderpreis verkauft werden muss. Aber auch im Falle intakter Familien erweisen sich die 100, 150 oder gar 200 Quadratmeter Wohnfläche als viel zu groß, sobald die Kinder ausgezogen sind. Und die Grundrisse sind nur selten so konfiguriert, dass ein Teil des Hauses problemlos vermietet werden könnte. Für ältere Menschen ist die Erhaltung eines solchen Gebäudes nicht mehr nur teuer, sondern auch zunehmend mühsam – ganz zu schweigen vom großen Garten und dem Swimmingpool. Ja, auch als eiserne Reserve taugt diese Form des Eigenheims vielerorts nur bedingt, zumal kaum eine Immobilie einem größeren Wertverlust unterliegt als ein Einfamilienhaus in peripherer Lage. – Die größte Hypothek ist in vielen Fällen aber die Abhängigkeit vom Auto, zumal das Häuschen im Grünen üblicherweise nicht in fußläufiger Entfernung von Kindergarten, Schule, Arzt und Supermarkt steht und ebenso wenig vom öffentlichen Verkehr erschlossen ist. Das bedeutet in Haushalten mit drei bis vier Erwachsenen in der Regel auch drei bis vier Pkws und die damit verbundenen Kosten. Und das verurteilt Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Alter nicht mehr Auto fahren können, zur Immobilität. Zudem belegen soziologische Untersuchungen seit Beginn der „Verhüttelung“ Österreichs in den 1960er-Jahren, dass die Vereinsamung der Menschen nirgendwo größer ist als in den klassischen Einfamilienhaussiedlungen.

Warum erfreut sich diese Wohnformdennoch so unverändert breiter Beliebtheit? Einerseits wohl, weil viel zu wenig über attraktive Alternativen bekannt ist – und diese von der Bauwirtschaft auch kaum angeboten werden. Andererseits erfährt das Eigenheim mit Garten in der Öffentlichkeit eine permanente Imagepflege. Hermann Maier lebt in den Werbespots seiner Bausparkasse nicht etwa in einer Reihenhausanlage, sondern im frei stehenden Einfamilienhaus. Und in jedem Fernsehfilm wohnen die Schönen und Erfolgreichen im Cottageviertel, die Verwahrlosten und Gescheiterten dagegen in der Großsiedlung. Freilich ist es nicht die Aufgabe von ehemaligen Skistars, für eine Trendwende im heimischen Wohnbau zu sorgen.

Dies wäre vor allem Pflicht der Politik, zumal des Österreichers vermeintlichesWohnglück einen wahren Schadensfall für die Allgemeinheit bedeutet – in ökologischer wie in ökonomischer Hinsicht: Es ist für den immensen Bodenverbrauch und die Zersiedlung unseres Landes ebenso mitverantwortlich wie für den weltweit neunthöchsten Motorisierungsgrad samt allen Folgen für Umwelt und Klima. Die Erschließung der Einfamilienhausgebiete mit Straßen, Strom, Gas, Wasser und Kanalisation kostet die öffentliche Hand ein Vielfaches im Vergleich zu kompakten Siedlungsformen. Und dasselbe gilt für die soziale Versorgung, sei es der Schulbus, seien es mobile Pflegedienste. – Es wäre hoch an der Zeit, alle relevanten Gesetze und Verordnungen, Steuern, Abgaben und Subventionen sozu gestalten, dass ein nachhaltigeres Siedeln und ein ganzheitlicheres Wohnen lukrativer und attraktiver werden: beginnend bei der Grundsteuer und den Infrastrukturabgaben, deren kostengerechte Anhebung eine 1000-Quadratmeter-Parzelleschlagartig zum Ausnahmefall machen würde, über Bauordnungen, Bebauungspläne und Stellplatzverordnungen, die das frei stehende Einfamilienhaus mit Doppelgarage zur Norm erklären, bis hin zur Wohnbauförderung, die raum- und verkehrsplanerische Aspekte des Wohnbaus ebenso ignoriert wie volkswirtschaftliche und soziale. – Mindestens so wichtig wäre es, die Ursachen dafür zu beheben, dass der Zustrom in die suburbanen Siedlungsräume Österreichs so ungebrochen groß ist: Unsere Städte bieten vor allem Familien mit Kindern nach wie vor kein optimales Wohnumfeld. Doch auch für andere Bevölkerungsgruppen schwindet der Reiz des Lebens in den Zentren, zumal diese mehr und mehr an Urbanität verlieren und in reine Wohn-, Einkaufs-, Büro- und Gewerbegebiete zerfallen. Nicht zuletzt ist die Stadtflucht alljährlich Tausender eine unübersehbare Kritik am städtischen Wohnungsangebot an sich und somit an den dafür verantwortlichen Politikern, Beamten, Bauträgern, Architekten.

In diesem Land, begnadet für das Schöne, herrscht auf der einen Seite viel zu wenig Bewusstsein für die Hässlichkeit all dessen, was per definitionem gar nicht unter Architektur fällt: banale Gewerbehallen und Bürokomplexe, Einkaufszentren und Supermärkte, Lärmschutzwände und aller Art Werbeträger im öffentlichen Raum. Auf der anderen Seite wird das, was mit baukünstlerischem Anspruch entworfen und von Jurien, Gestaltungsbeiräten, Bauausschüssen und Fachmagazinen kritisiert, kontrolliert und reflektiert wird, viel zu sehr nach Äußerlichkeiten beurteilt. Gerade im Wohnbau scheintdies aber zu kurz zu greifen: Auch wenn sich die Gestalt der Fassaden, dem Geschmack der Zeit folgend, periodisch verändert, ist dahinter seit Beginn des industrialisierten Bauens in den 1960er-Jahren im Wesentlichen alles gleich geblieben.

„Die meisten Bauträger machen keinen Wohnbau, sondern Wohnflächenproduktion“, kritisiert der Linzer Architekt Fritz Matzinger. „Ihr Engagement endet dabei an der Wohnungstür. Außerhalb davon gibt es nur noch technisch Notwendiges wie Aufzüge oder Tiefgaragen.“ Damit blieben aber jene Bedürfnisse, die nicht in den eigenen vier Wänden erfüllbar sind, auf der Strecke: soziale Kontakte und nachbarschaftliche Gemeinschaft ebenso wie Freizeitgestaltung und persönliche Selbstverwirklichung im unmittelbaren Wohnumfeld – also das, was sich Städter von einem Leben auf dem Land versprechen. Dem setzt der heute 72-jährige Architekt seit nunmehr vier Jahrzehnten sein Modell des nachbarschaftlichenWohnens entgegen, inspiriert von Dorfgemeinschaften in Westafrika und Südostasien: „Ich habe dort eine Gesellschaft kennengelernt, wie sie wahrscheinlich bei uns vor 100 oder 200 Jahren auch bestanden hat, in der es keine Kindergärten und keine Seniorenheime gibt, keine vereinsamten Menschen und keine Schlüsselkinder, wo Kinder unterschiedlichen Alters miteinander aufwachsen, nicht wie bei uns getrennt nach Jahrgängen, und wo sie die sozialen Strukturen der Gesellschaft von Anfang an ganz von alleine lernen.“

Nach der ersten Afrika-Reise hatte Matzinger den Prototyp seines Atriumhauses entwickelt und bereits zwei Jahre später, 1975, auf eigenes Risiko mit einer Gruppe Bauwilliger in Leonding bei Linz umgesetzt. In der aus zwei Häusern bestehenden Anlage, in der der Architekt selbst noch heute wohnt und arbeitet, umschließen jeweils acht zweigeschoßige Wohnungen einen großzügigen Hof, der bei Schlechtwetter durch ein Glasdach geschützt wird. Dieser Innenbereich dient als Wohnungszugang, ist vor allem aber Treffpunkt, Spielplatz, Veranstaltungsraum, Festplatz, Wintergarten, ja, eine Art Wohnzimmer der Hausgemeinschaft – und offenbart, was Menschen, die nicht nebeneinander, sondern miteinander leben wollen, alles teilen können: eine Feuerstelle zum Grillen, üppige Zimmerpflanzen, ein Klavier oder auch ein Aquarium ebenso wie Turngeräte und eine Bibliothek. An der Außenseite der Atriumhäuser ordnete der Architekt jeder Wohnung einen kleinen privaten Freiraum zu, lässt das Ensemble aber vor allem durch einen großen zusammenhängenden Gemeinschaftsgarten umfließen.

Dass seine Bauten, die er ursprünglich als kindergerechte Wohnform für Familien konzipiert hatte, auch in hohem Masse altengerecht sind, stellte sich für Fritz Matzinger erst im Laufe der Jahre heraus: „Im Alter gilt dasselbe wie in der Kindheit: Man ist nicht sehr mobil, hat aber viel Zeit – und will diese ohne großen Aufwand in unmittelbarer Wohnungsnähe mit anderen verbringen.“ Zudem fördere die intensive Form des Zusammenlebens in den Atriumhäusern die Bereitschaft, füreinander da zu sein. „Über kurz oder lang werden wir uns all die Seniorenheime nicht mehr leisten können“, ist Matzinger überzeugt. „Und da sind Wohnbauten, die generationsübergreifend ein soziales Geflecht herstellen, die einzige Lösung.“

36 Atriumhäuser in Österreich und Deutschland konnte Fritz Matzinger bisheute verwirklichen und damit in städtischenwie in suburbanen Lagen eine Alternative zum herkömmlichen Wohnblock sowie zum frei stehenden Einfamilienhaus bieten. „In meiner Philosophie von Architektur ist es nicht wichtig, wie die Fassade aussieht“, grenzt sich Matzinger von so manchem Kollegen ab. „Für mich ist die Fassade ein Abbild der Menschen, die dahinter wohnen. Sie sagen mir, was sie möchten, und ich versuche, die Wünsche in mein Konzept zu integrieren. Ich gebe also eine relative strengeGrundhaltung vor, die jedoch Platz lässt für individuelle Ausformungen. Nach demselben System sind auch die historischen Stadtplätzeentstanden, deren Häuser ganz unterschiedlichsind, sich aber in die Gesamtstruktur einfügen.“

Seine mangelnde Hinwendung zum Erscheinungsbild mag ein Grund dafür sein, dass manch Außenstehende die Wohnbauten von Harry Glück als recht spröde oder auch zu wuchtig empfinden. Die darin leben, attestieren dem 88-jährigen Architekten hingegen, die lebenswertesten WohnungenWiens geschaffen zu haben. Glücks Ziel ist seit den 1960er-Jahren, die Nachteile der dicht verbauten Stadt aufzuheben sowie eine städtische Alternative zum Einfamilienhaus anzubieten. Da sein Modell für möglichst alle Einkommensschichten erschwinglich – sprich: im Kostenrahmen des sozialen Wohnbaus realisierbar – sein sollte, setzte er auf ein dezidiert wirtschaftliches Bauen, was sowohl eine gewisse Größe als auch eine entsprechend zweckmäßige Gestaltung seiner Bauten bedingte. Diesen formalen Konzessionen steht freilich ein Höchstmaß an funktionaler Qualität gegenüber. So bieten die von Harry Glück entwickelten Terrassenhäuser jeder Wohnung einen privaten begrünbaren Freiraum unter offenem Himmel, indem die sich nach oben hin verjüngenden Gebäude mit jeder Etage ein Stück weit zurückspringen. Die Terrassen sind über die gesamte Breite mit ein Meter breiten Pflanztrögen ausgestattet. Darin finden sich kleine Obstbäume, Weinstöcke und Gemüse ebenso wie Biotope mit Schilfbewuchs. Die gemeinschaftlichen Grünflächen im Hofbereich wiederum sind merklichgroßzügiger als bei vergleichbaren Wohnbauten, zumal Glück mit seinen kompakten Baukörpern wertvollen Boden spart. Die Trakttiefe der Terrassenhäuser ergibt im unteren Bereich innen liegende Räume für gemeinschaftliche Freizeitnutzungen und ermöglicht auf dem Dach die Errichtung von Schwimmbädern mit Blick über die Stadt. – Am eindrucksvollsten gelang diese Verbindung aus privatenFreiräumen, halb öffentlichen Grünräumen, hochwertigen Gemeinschaftseinrichtungen sowie der unmittelbaren Nähe zu Wasser im Wohnpark Alt- Erlaa im Süden Wiens,den Harry Glück zwischen 1973 und 1985 schuf. 3200 Wohnungen für knapp 10.000 Menschen wurden dort in drei parallel verlaufenden, 400 Meter langen und 80 Meter hohen Häuserzeilen realisiert. Bis in das 13. Stockwerk verfügen alle Wohnungen über begrünte Terrassen. Darüber, vom 14. bis ins 27. Geschoß, gehört zu jederWohnung eine groß geschnittene Loggia, die ebenfalls Platz für Pflanzen bietet. So setzen sich die parkähnlichen Grünräume zwischen den drei Wohnscheiben die Fassaden entlang zumindest bis in eine Höhe von 40 Metern fort.

Der Sockel der Terrassenhäuser weist eine Breite von 60 Metern auf und bietet im Inneren Platz für sieben Hallenbäder, ein Fitnesscenter, Kinderspielräume, ein Theater sowie mehr als 30 Clubräume, die von Vereinen aus dem Wohnpark genutzt werden. Und auf den Dächern gibt es sieben Schwimmbäder, die laut Harry Glück die Kristallisationspunkte des regen Gemeinschaftslebens in Alt-Erlaa sind. Quer zu den Wohnbauten verläuft eine fußläufig erreichbare Versorgungsachse mit nahezu allen Funktionen, die es für das tägliche Leben braucht: einem Kaufpark mit rund 50 Geschäften, Dienstleistern und Gastronomen, einem Ärztezentrum, Kindergärten, einer Schule und einer Bücherei, Sporthallen und sogar einer Kirche. So überrascht es nicht, dass die Bewohner von Alt-Erlaa in ihrer Freizeit – sei es zum Einkaufen, sei es zu Erholungszwecken – vergleichsweise selten ihr Zuhause verlassen und so dementsprechend wenig zum Verkehrsaufkommen in der Stadt wie auch zur Zersiedlung des Stadtumlands durch Zweitwohnsitze beitragen.

Dies trifft auch auf die Bewohner der Gartenstadt Puchenau bei Linz zu. Hier hat Architekt Roland Rainer von 1965 bis 2000 in mehreren Etappen mit rund 1000 Wohneinheiten die größte seiner Gartenstädte in verdichteter Flachbauweise verwirklicht. Neben ein paar mehrgeschoßigen Wohnbauten schuf der 2004 verstorbene Doyen der österreichischen Nachkriegsarchitektur vor allem zweigeschoßige Reihenhäuser und ebenerdige Atriumhäuser mit jeweils eigenem Garten – jedoch derart konzentriert gestaltet, dass diese auf Parzellen von 105 bis 270 Quadratmetern Platz finden. Der Flächenverbrauch durch Straßen und Wege wurde ebenfalls auf ein Minimum beschränkt, zumal die autofreie Gartenstadt rein fußläufig erschlossen ist.

Die Wohnungen selbst schotten sich gegenüber dem öffentlichen Raum ab und sind auf die privaten Gärten hin orientiert – die Rainer mit 1,80 Meter hohen Mauern umgab, um sie vor Wind, Lärm und den Blicken von Nachbarn oder Passanten zu schützen. „Mein Vater war überzeugt, dass für ein zufriedenstellendes Leben der direkte Bezug des Wohnraums zum Außenraum wichtig ist, zum eigenen Garten, zu Tieren und Pflanzen – und dieser Naturkontakt speziell auch für das Aufwachsen von Kindern essenziell ist“, erläutert Architektin Johanna Rainer, die Tochter und zeitweilige Projektpartnerin Roland Rainers. „Um das auch flächen- und kostensparend zu ermöglichen, erschien ihm das Hofhaus als die geeignetste Form.“ Dazu studierte Rainer die alten Dorfstrukturen des Nordburgenlands mit seinen geschlossen bebauten Ortschaften ebenso wie die traditionellen Bauformen in Südosteuropa, Persien und China.

Ab den späten 1960er-Jahren wurde die Gartenstadt Puchenau mehrmals in wissenschaftlichen Studien auf ihre Wohnqualität und ihre Wirtschaftlichkeit hin untersucht. Ein Vergleich mit der nördlich angrenzenden Einfamilienhaussiedlung ergab dabei, dass die Parzellen dort mehr als fünfmal so groß sind wie in der Gartenstadt. Dementsprechend belaufen sich die Kosten für die Straßenerschließung im Einfamilienhausgebiet auf das Dreieinhalbfache der Rainer-Siedlung. Ähnliches gilt für die Versorgung mit Wasser, Gas, Strom und Kanalisation. In einem zu Vergleichszwecken herangezogenen Hochhaus in Linz wiederum verbringen die Bewohner ihre Wochenenden lediglich zu 23 Prozent daheim. Dagegen bleiben die Bewohner der Atriumhäuser in Puchenau zu 73 Prozent zu Hause – und steigen nicht ins Auto, um die Gartenstadt zu verlassen. Dementsprechend dicht ist hier auch das Netz an nachbarschaftlichen Kontakten.

„Es gibt aber natürlich auch Menschen, die kein Haus mit eigenem Garten wollen“, bekräftigte Architekt Johnny Winter kurz vor seinem Tod 2012 in einer Diskussion über den Wohnbau in Wien, „und für die könnte in der Stadt deutlich mehr geschehen als bisher.“ Winter bemängelte, dass die Wohnbauträger kaum Interesse an Innovationen hätten, was ein klassisches Marktversagen sei. Die Autoindustrie etwa schaffe es, so Winter, ihre Produkte permanent zu differenzieren und zu verbessern – und für jede Geldbörse ein Fahrzeug anzubieten, das demKunden nicht als Notlösung, sondern als optimaler Kauf erscheint. „Davon sind wir im Wohnbau weit entfernt.“

Aus diesem Grund schlossen sich Ende der 1980er-Jahre rund 40 Menschen zusammen, um ihre Vorstellungen von einem urbanen Lebensraum selbst umzusetzen. Gemeinsam mit einer Gruppe junger Architekten, dem Baukünstlerkollektiv um Johnny Winter, entwickelten sie auf dem Gelände einer alten Sargtischlerei inmitten der gründerzeitlichen Bebauung im Westen Wiens aus ihren Visionen für ein vollwertiges Wohnen mit sozialem, kulturellem und gesellschaftspolitischem Anspruch das Projekt Sargfabrik. Der mehrjährige Planungsprozess offenbarte dabei, wie viele Auflagen der Flächenwidmungs- und Bebauungsplanung, der Bauordnung, der Stellplatzverordnung oder auch der Wohnbauförderung die Umsetzung qualitätvollen Wohnbaus verhindernund zudem das Bauen verteuern.

Schließlich konnten die meisten Widerstände aber mit politischem Goodwill überwunden werden – und konnte neben der Sargfabrik auch noch das Folgeprojekt Miss Sargfabrik realisiert werden. Neben rund 100 Wohnungen und zwei betreuten Wohngemeinschaften umfasst die mehrteilige Anlage auch ein Kulturzentrum, einen Veranstaltungssaal, ein Restaurant, einen Kindergarten, Büros, Ordinationen und ein Badehaus, die alle auch von den Bewohnern des umgebenden Stadtteils angenommen werden. Trotz der dichten Bebauung ist ein durchgrüntes Quartier mit einer Vielzahl von Freiräumen entstanden: mit privaten Balkonen und halb öffentlichen Grünhöfen, mit gemeinschaftlichen Dachgärten sowie Fußwegen und Laubengängen, die nicht nur der Erschließung dienen, sondern auch als Frühstücksterrasse, Vorgarten oder Spielplatz.

Es scheint keine Frage der Dimension und Typologie eines Gebäudes zu sein, ob es eine umfassende und dauerhafte Wohnzufriedenheit ermöglicht. Auch zeigt sich, dass ein nachhaltiger Wohn- und Siedlungsbau an nahezu jedem Standort realisierbar ist – ob im städtischen, ob im vorstädtischen, ob im suburbanen Raum. Es liegt allein am Selbstverständnis der Architekten und Bauträger, am Willen von Politik und Verwaltung, ob ein Haus oder eine ganze Siedlung bloß Wohn- und Schlafstätte ist oder ganzheitlicher Lebensmittelpunkt des Menschen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2013)