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Schuldgefühle: Jetzt machen auch die Väter mit

Schuldgefuehle Jetzt machen auch
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Das ständig schlechte Gewissen, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen, war lange Jahre der exklusive Begleiter berufstätiger Mütter. In den USA erreicht es nun auch die Daddies.

Eine der letzten Bastionen der Frauen gerät ins Wanken: War es bisher nahezu ausschließlich dem weiblichen Geschlecht vorbehalten, sich nach einem anstrengenden 16-Stunden-Tag noch schuldig zu fühlen, holen die Männer in dieser Disziplin auf. Zumindest ist das das Ergebnis einer Umfrage des amerikanischen „Redbook“-Magazins: Mehr als 60 Prozent der befragten Väter empfinden einen deutlichen Konflikt zwischen Beruf und Familie, die große Frage im Leben der neuen Väter lautet „Enttäusche ich meinen Chef oder enttäusche ich meine Kinder?“

„The new daddy guilt“ – sinngemäß „Die neuen Schuldgefühle der Väter“ – taufte die Autorin des Redbook-Berichts, Jessica Baumgardner, das neue Phänomen, das laut den Umfrageergebnissen nicht nur eine Empfindung der um 1980 geborenen „Millennium-Väter“ ist, sondern durchaus von den Frauen dieser Generation bestätigt wird – auch wenn die Zahlen noch ein wenig auseinanderklaffen. Immerhin 40 Prozent der befragten Mütter beschreiben die Väter ihrer Kinder als extrem involviert, 72 Prozent bescheinigen ihnen, dass sie sich bemühen, deutlich bessere Väter zu sein als es ihre eigenen waren. Mit Erfolg, wie eine Studie des „Families and Work Institute“ bestätigt: Rund 4,1 Stunden pro Tag verbringt der in den 80er-Jahren geborene Vater mit seinen Kindern, fast doppelt so viele wie noch die 70er-Jahrgänge in ihren Nachwuchs investiert haben. Und auch der Stellenwert der Vaterschaft ist in der jüngeren Vergangenheit gestiegen, wie eine zitierte nationale Studie aus dem Jahr 2011 zeigt: Laut dieser halten es 77 Prozent der Männer für wichtig, ein guter Vater zu sein, aber nur 49 Prozent sagen das auch über die Bedeutung der beruflichen Karriere.


Sexy wie Brad Pitt. Soviel Engagement für die Familie kommt beim weiblichen Geschlecht an, wie Psychologe Joshua Coleman vom „Council on Contemporary Families“ an der Universität von Miami „Redbook“ bestätigt: „Bisher war es so, dass Frauen sich für Männer mit finanziellem Erfolg interessiert haben; heute geht es um Männer, die emotional involviert sind und sich an der Hausarbeit beteiligen“, beschreibt er die Veränderungen gegenüber Baumgardner, die etwas prägnanter formuliert, dass Brad Pitt mit seinen Kindern an der Hand beim Überqueren der Straße heute wesentlich sexier wirkt als George Clooney mit einer seiner Freundinnen am Arm.

Eine Attraktivität, die allerdings ihren Preis hat, wenn schon vor der Arbeit das Frühstück für den Junior bereitet, das Jausenpackerl gerichtet und der Weg zum Kindergarten mit ihm angetreten wird, ehe am Abend wieder einmal die Entscheidung zwischen einem gemeinsamen Abendessen und den vom Chef erwarteten Überstunden zu treffen ist. Das Ergebnis ist neben Erschöpfung immer auch das schlechtes Gewissen – ein Gemütszustand, der Frauen seit Jahrzehnten vertraut ist und Baumgardner in ihrem Essay zu der freundlichen Begrüßung „Welcome to our world, guys“ bewegt.

In Österreich sieht die Welt der Väter derzeit – noch – etwas anders aus, wie Erich Lehner, Männer- und Geschlechterforscher an der Alpen-Adria Universität, erklärt. Ein neues Schuldgefühl lasse sich empirisch nicht nachweisen, jedoch seien ein großes Bewusstsein und eine große Bereitschaft, mehr für die Kinder zu tun, sehr wohl vorhanden. Zwei Drittel der Väter seien heute bereit, in Karenz zu gehen, drei Viertel von ihnen können sich durchaus vorstellen, Teilzeit zu arbeiten. „Jedoch ist auch ein großes Bewusstsein dafür vorhanden, was dagegen spricht: nämlich die Angst vor Einkommensverlust und dem Karriereknick“, so Lehner über die nach wie vor vorhandenen Einschränkungen.

Vater spielt, Mutter sorgt. Natürlich engagieren sich die Väter heute, wissen wie man wickelt und spielen mit dem Nachwuchs; soweit, dass der Mann seinen Beruf danach ausrichte, sei es aber noch nicht. „Die 1. österreichische Männerstudie hat gezeigt, dass der Vater eher der Spielvater ist, die Mutter eher die Versorgungsarbeit übernimmt“, so der Männerforscher. Eine wirkliche Präsenz der Väter sieht er erst ab einer Verteilung der Versorgungsarbeit von 50:50 gegeben; eine Situation, die ohne eine Veränderung des derzeitigen gesellschaftlichen Systems aber nur schwer herbeizuführen sei. Die aber nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Kinder positive Auswirkungen haben könnte, weisen doch Studien seit Jahren darauf hin, dass Kinder von zwei präsenten Eltern in allen Bereichen des Lebens bessere Chancen haben als Kinder, die mit nur einem präsenten Elternteil groß geworden sind.

Und wie steht es um die Wertschätzung der involvierten Väter in Österreich? Sehr wohl sei das Ansehen der Vaterschaft in bestimmten – bürgerlichen – Kreisen in den vergangenen Jahren gestiegen, auch wenn nach wie vor die berufliche Ausrichtung im Vordergrund stehe. Die aber keinesfalls im Gegensatz dazu stehen muss: „Involvierte Väter haben heute eine andere Männlichkeit“, so Lehner, die durchaus auch Unternehmen schätzen, da diese oft verlässlichere Mitarbeiter mit weniger Ausfällen sind. Als „sexier“ will Lehner ihren Status aber noch nicht bezeichnen, der „Brad-Pitt-Effekt“ scheint hier noch ein wenig auf sich warten zu lassen. Zumindest, was wissenschaftliche, empirisch belegbare Ergebnisse angeht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2013)