Christine Scholten und Renate Schnee holen Frauen mit Migrationshintergrund aus ihrer Unfreiheit und Isolation. Im Verein "Nachbarinnen in Wien" werden Frauen zu Vermittlerinnen.
Wien. So unterschiedlich ihre Jobs, so ähnlich waren die Erfahrungen: Das haben Renate Schnee, Sozialarbeiterin und Leiterin des Zentrums „Bassena“ Am Schöpfwerk, und Christine Scholten, Internistin in Favoriten, schnell festgestellt, als die beiden vor wenigen Jahren zufällig bei einer Veranstaltung ins Gespräch gekommen sind. „Wir haben oft die Unfreiheit von Frauen mit Migrationshintergrund gesehen, Frauen getroffen, die nur in den Park gehen, aber keinerlei Kontakte haben, nicht arbeiten oder Deutsch lernen dürfen. Und die gesundheitlich schlecht versorgt sind“, erzählt Scholten.
Und ähnlich waren auch die Ideen der beiden, wie man diese Frauen unterstützen kann: So haben Scholten und Schnee zunächst, 2009, eine gemeinsame, wöchentliche Sozial- und Gesundheitsberatung im Bassena gestartet. „Wir haben gesehen, wie wir mit Kleinigkeiten schnell helfen können“, erzählt Scholten. Renate Schnee berichtet aber auch von Situationen, in denen klassische Sozialarbeit an ihre Grenzen stößt, in denen Österreicherinnen an kulturellen und sprachlichen Differenzen scheitern oder an viele Frauen gar nicht herankommen. So entstand die Idee der „Nachbarinnen“: Dabei werden Frauen mit ausländischen Wurzeln zu professionellen Vermittlerinnen ausgebildet, die Migrantinnen aus ihrer Isolation holen sollen.
Das Zauberwort „Empowerment“
Jüngst wurde das, was zuvor informell und ehrenamtlich passiert ist, professionell auf die Beine gestellt: Zehn Frauen sind seit Anfang September beim Verein „Nachbarinnen in Wien“ angestellt. Zuvor haben sie einen eigens in Kooperation mit der Klagenfurter Alpen-Adria-Universität entwickelten Lehrgang absolviert.
Eine dieser Frauen, erzählt Scholten, war davor selbst Klientin im Bassena. Schließlich heißt das Zauberwort der Frauen Empowerment: das Unterstützen der Frauen, damit diese eigenständig werden, Deutsch lernen, Arbeit finden. Damit das gelingt, sei oft nicht viel nötig, genauso scheitere Integration aber an Kleinigkeiten: Scholten erzählt etwa von einem türkischstämmigen Schüler, der wegen schlechter Sprachkenntnisse die erste Klasse Volksschule wiederholen musste; zu Semesterbeginn wurden seine Eltern schließlich informiert, ihr Kind komme, könne es bis Weihnachten nicht besser Deutsch, in eine Sonderschule. „Die Eltern konnten das nicht lesen, hätte die Nachbarin nicht übersetzt und Lernhilfe organisiert, dem Bub wäre damit der Lebensweg seines Vaters vorbestimmt gewesen“, sagt Scholten.
Die Vermittlerinnen sprechen Frauen in Parks an, kontaktieren isolierte Familien, von denen sie hören, bieten Hilfe bei Amtswegen, Schul-, Gesundheitsproblemen an, vermitteln ehrenamtliche Lernhelfer oder Studenten. Und sie fordern von den Frauen im Gegenzug ein, Deutsch zu lernen, sich an Frauengruppen zu beteiligen. Das Modell macht Schule: In Linz übernimmt es das Zentrum „Migrare“. In Wien sind die Nachbarinnen derzeit im zweiten, zwölften und 20.Bezirk unterwegs. Ist die weitere Finanzierung – die Kosten tragen private Spender, Stadt und Bund – gesichert, sollen weitere Nachbarinnen ausgebildet werden.
Und die Männer der Klientinnen, wie reagieren sie auf das Frauenprojekt? „Wir dachten auch, das wäre das Hauptproblem“, sagt Scholten. „Aber die Nachbarinnen reden mit den Männern, überzeugen sie von den Vorteilen, die es ihnen bringt, wenn ihre Frauen Befunde verstehen, ihre Kinder in der Schule unterstützen oder arbeiten können.“
Auf einen Blick
Im Verein „Nachbarinnen in Wien“ werden Frauen mit ausländischen Wurzeln zu Vermittlerinnen ausgebildet, um andere Frauen aus ihrer Isolation zu holen. Die Nachbarinnen durchlaufen einen Lehrgang, in dem sozialarbeiterische, beraterische und interkulturelle Kompetenzen vermittelt werden. Initiiert wurde der Verein von der Wiener Ärztin Christine Scholten und der Sozialarbeiterin Renate Schnee.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2013)