Die zweite Staffel der europäischen Serie über die machtgierige Familie rund um Papst Alexander VI. bringt noch mehr Gewalt und Sex, aber auch historische Ungenauigkeiten.
Können Serien Geschichte vermitteln? Ansatzweise bestimmt, nicht selten aber werden Realität und Fiktion bei historischen Stoffen vermischt. Die europäische Serie „Borgia“ hält sich zwar mehr an die Fakten der Geschichte von Rodrigo Borgia, der 1492 zum Papst Alexander VI. wurde, als die fast zeitgleich produzierte US-Produktion „The Borgias“. Doch ausgerechnet in der Auftaktfolge der zweiten Staffel passiert ein echter Schnitzer: Ein junger Prinz, noch fast ein Kind, hält da im Jahr 1497 vor den Kardinälen in Purpurrot bei Papst Alexander VI. (gespielt von John Doman) trotzig um die Hand von dessen Tochter Lucrezia an. Der Zeremonienmeister stellt ihn als Prinz Ferdinand von Habsburg vor, den Neffen von Kaiser Maximilian I. Doch der erste Habsburger, der den Namen Ferdinand trug, war Maximilians Enkel Ferdinand I. – und der wurde erst in jenem Jahr geboren, in dem Alexander VI. starb.
Richtig oder falsch – die Szene bleibt dennoch eine der amüsantesten. Auf die belustigte Frage des Papstes, was er denn mit Lucrezia tun würde, wenn er sie erst einmal geheiratet hat, antwortet der aufmüpfige kleine Prinz: „Ich werde mit ihr Kaiser machen“, und zieht dann weinend ab. Es ist eine der wenigen lustigen Szenen in der sonst so düsteren, brutalen Historienserie rund um die machtgierige Familie Borgia im späten 15.Jahrhundert. Stand in Staffel eins noch Rodrigo Borgia und sein Kampf um den Heiligen Stuhl im Mittelpunkt, drängen nun vor allem zwei seiner unehelichen Kinder in den Vordergrund, die er erst spät als seine Kinder anerkannte: Lucrezia und Cesare.
Depressiver Papst, mutige Kinder
Der Papst, der Sätze sagen darf wie „Gott siebt die Schwachen aus“, leidet seit dem Tod seines Lieblingssohnes Juan an einer depressiven Verstimmung. Cesare (Mark Ryder) kann seine Brutalität nicht zügeln, sein Vater macht ihn dennoch zum Vizekanzler Roms. Lucrezia (Isolda Dychauk) verbringt nach dem Tod ihres Bruders Juan, an dem sie Mitschuld trägt, die Tage in ihrem Schlafgemach. Auch, weil sie als Ledige ein Kind erwartet, was verheimlicht werden soll, da sie sonst nicht mehr verheiratet werden kann.
Mangelnde Faktentreue kann man US-Produzent Tom Fontana im Großen und Ganzen nicht vorwerfen. Er habe sich jahrelang mit dem Stoff befasst, erzählt er. „Ich besitze vermutlich 500 Bücher über diese Epoche und habe stundenlang in der Bibliothek des Vatikans verbracht.“ Staffel zwei soll den Wechsel vom Mittelalter in die Renaissance zeigen. Der Aufbruch in neue Zeiten soll auch durch Figuren wie Michelangelo, Leonardo da Vinci oder Machiavelli deutlich werden, die in kleinen Rollen auftauchen. Gedreht wurde sehr viel an Originalschauplätzen in Italien, wie jenem Palast im Ort Nepi, in dem die echte Lucrezia wirklich lebte.
Der Papst wird von vielen Seiten bedroht. Da die Osmanen vor Venedig stehen, müssen seine spanischen Truppen aus Rom abziehen, um die Lagunenstadt zu verteidigen. Doch bevor es zu blutigen Schlachten kommt, liefert die öffentliche Folter eines Mannes, der für sein „widernatürliches“ Verhalten, die Liebe zu Männern, bestraft werden soll, grausame Bilder. Der deutsche „Borgia“-Regisseur Christoph Schrewe hätte nicht eigens erwähnen müssen, dass die neue Staffel „natürlich noch mehr Sex, mehr Folter, mehr Gewalt, mehr Liebe“ enthält. Unübersehbar hat die Kostümabteilung diesmal weniger zu tun gehabt. Immerhin sind es nicht nur Frauen, sondern auch Männer (vor allem der stürmische Cesare), die nackt um Leben und Liebe ringen. Kein Wunder, dass sich die Protagonisten bei all den Lügen und der schamlosen Doppelzüngigkeit der Kirchenmänner in Glaubensdingen aus Verzweiflung die Kleider vom Leib reißen müssen. Dem Publikum dürfte es gefallen, Staffel drei wird gerade gedreht.
„Borgia“, ab heute, Mittwoch, 20.15 Uhr, ORF2
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2013)