„Kann man Erfolg am Kontostand ablesen?“

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bdquoKann Erfolg Kontostand ablesenldquo(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Ex-IV-Chef Veit Sorger und die frühere ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha über den notwendigen Wettbewerb im Studium, den (gestiegenen) Leistungsdruck an den Unis und darüber, warum auch Party gemacht werden darf.

UniLive: Herr Sorger, wen würden Sie als Unternehmer lieber einstellen: einen belesenen Bummelstudenten oder einen erfolgshungrigen Schnellstudierer?

Veit Sorger: Das ist sicher nicht die entscheidende Frage. Um Erfolg zu haben, sind andere Dinge wichtig. Jeder Student sollte Freude am Studium und dann auch Spaß im Beruf haben.

Es spricht also nichts gegen Langzeitstudenten?

Sorger: Ganz so ist das nicht. Es ist nicht zu akzeptieren, dass Studenten den Wettbewerb aus den Augen verlieren und das Studium nur dazu benutzen, um einen Lebensabschnitt zu überbrücken. Dazu ist das Studium zu viel wert.
Barbara Blaha: Da stellt sich für mich die Frage, was Sie unter Wettbewerb verstehen. Wenn das heißt, dass sich die Studierenden gegenseitig ausstechen oder um Noten kämpfen sollen, kann ich das nicht gutheißen. Wettbewerb impliziert ja, dass nicht alle gewinnen sollen. Dabei steht im Studium der Erkenntnisgewinn im Vordergrund.

Sorger: Es heißt für mich, dass der Einzelne Leistungsbereitschaft zeigen muss. Die vom Staat zur Verfügung gestellten Ressourcen müssen effizient genutzt und dürfen nicht verschwendet werden. Es geht darum, dass Studenten ihre Persönlichkeit so entwickeln, dass sie später einen Beruf ausüben, der sie erfreut, aber auch ernährt.

Also verschwenden Langzeitstudenten doch die Ressourcen?

Sorger: Ihre eigenen vor allem.
Blaha: Das können Sie doch nicht so pauschal sagen. Langzeitstudenten sind im Wesentlichen jene Personen, die neben dem Studium arbeiten – und zwar in einem gar nicht so geringen Ausmaß; dabei würden sich viele von ihnen lieber auf ihr Studium konzentrieren. Ihnen auszurichten, dass sie ihre eigenen Ressourcen verschwenden, hat im Kern etwas Zynisches.

Sorger: Jeder von uns hat während des Studiums gearbeitet. Das war früher nicht anders, als es heute ist.

Blaha:Wir dürfen Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Die 1970er-Jahre, in denen es okay war, dass ein Student bis zu 25 Semester für sein Studium braucht, sind lange vorbei. Der Leistungsdruck hat sich massiv verschärft. Studierende müssen immer mehr Lehrveranstaltungen in ein Semester packen, um in der Mindeststudienzeit zu bleiben.

Sorger: Warum glauben Sie, dass sich die Situation verschärft hat?

Blaha: Dank Bologna hat sich das System stark verschult, es herrscht Anwesenheitspflicht, und es gibt Voraussetzungsketten. Schafft ein Studierender nur eine Prüfung nicht, bleiben ihm im nächsten Semester Vorlesungen versperrt.

Sorger: Das ist alles auch eine Frage der Organisation – der eigenen und der universitären.

Sie glauben also nicht, dass das Studieren schwieriger wurde?

Sorger: Ich bin Teil einer Generation, die noch von Entbehrungen gekennzeichnet war. Unsere Eltern mussten sich sehr plagen, um unser Studium zu finanzieren. Es gab Studienbeiträge und nicht so viele Gratiszuwendungen wie heute. Dass der Leistungsdruck auf den Einzelnen in den vergangenen Jahren so viel mehr geworden ist, stelle ich in Abrede.

Blaha: Ich finde Ihre anekdotische Beweisführung schwierig. Wenn man mit der eigenen Biografie argumentiert, neigt man dazu, dass man Dinge verallgemeinert. Wer „Bei mir war alles viel schlimmer“ sagt, der stellt die Frage, wie es denn besser ginge, gar nicht erst.

Ist ein Studienwechsel für Sie eigentlich etwas Schlimmes?

Sorger: Man soll einen Fehler machen dürfen. Wer mit einem Studium beginnt, das ihm nicht liegt, sollte wechseln können, und zwar, ohne benachteiligt zu werden.

Was bedeutet Erfolg im Studium für Sie eigentlich?

Blaha: Wie definiert man Erfolg im Studium? Kann ich ihn an meinem Kontostand ablesen? Oder geht es nicht vielmehr darum, dass ich einen Beruf habe, der mich glücklich macht, unabhängig vom Verdienst? Ich habe ein Problem damit, dass Erfolg heute mit einem hohen Gehalt gleichgesetzt wird.

Sorger: Ich sehe Erfolg auch nicht als etwas, was ausschließlich auf dem Gehaltszettel zu sehen ist. Erfolgreich zu studieren heißt ein Studium zu beenden, Spaß dabei zu haben und Berufschancen zu bekommen. Natürlich gibt es manche, die bewusst Studien in Kauf nehmen, mit denen die Verdienstmöglichkeiten nicht hoch sind. Meine Toleranz geht weit: Prinzipiell soll jeder studieren, was er will. Dennoch brauchen wir eine gewisse Lenkung, um auch jene Absolventen zu bekommen, die die Industrie dringend braucht.

Wie kann man Studierende in die gewünschte Richtung lenken?

Sorger: Das beginnt im Kindergarten und in der Volksschule. Schon da gibt es leider eine Distanz bzw. Vorsicht gegenüber der Technik. Die Industrie wird sich Schulen und Kindergärten noch viel mehr nähern, um die Scheu abzubauen.

Blaha: Naturwissenschaften spielen in der Bildungsbiografie tatsächlich erst sehr spät eine Rolle.

Inwiefern darf die Studienzeit eine Zeit sein, in der man sich ausprobiert und Partys besucht?

Sorger: Selbstverständlich darf man das. Das ist ja gar keine Frage. Ich kann Ihnen ja gar nicht erzählen, wie mein Studentenleben war.

Erzählen Sie es uns trotzdem?

Sorger: Natürlich habe ich auch Freiheiten gehabt. Ich war zwar in der Mindestzeit fertig, habe aber auch keine Party ausgelassen.

Frau Blaha, Sie zeichnen ein düsteres Bild von der Studienzeit. Ist das Studium eine Spaßbremse?

Blaha:Nein. Die engen Studienpläne machen es aber schwieriger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2013)

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