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Möller: "Arbeitslosenquoten sind immer eine politische Zahl"

Arbeitsmarktexperte Möller: „Heute ist die Situation der Jungen schlechter als die der Älteren.
Möller: "Arbeitslosenquoten sind immer eine politische Zahl"(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Chefökonom des deutschen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, tritt für eine schrittweise Erhöhung des Pensionsalters ein.

Die Presse: Österreich gilt als EU-Musterschüler in Sachen Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig gehen die Österreicher im Schnitt mit 57, 58 Jahren in Pension. Wie ernst kann man die guten Arbeitslosenzahlen dann noch ernst nehmen?

Joachim Möller: Arbeitslosenquoten sind immer auch eine politische Zahl, in die man alles mögliche einrechnen kann. Auch die Niederlande haben eine niedrige Arbeitslosenquote, verschieben gleichzeitig aber viele in die Erwerbsunfähigkeit. Die Menschen sind zwar aus der Statistik gefallen, aber immer noch Sozialleistungsempfänger. Das verzerrt die Sache natürlich. Österreich ist bei der Arbeitslosenquote gut, die Frage ist aber, wie nachhaltig das ist. Man kann nicht so tun, als gebe es das Problem der demografischen Entwicklung nicht. Man muss auch die Erwerbsquote anschauen, den Anteil der Menschen in einer Altersklasse, der beschäftigt ist. Das ist ein härterer Indikator für Erfolg.

 

Bei den 54- bis 65-Jährigen lag diese Quote in Österreich und Deutschland zur Jahrtausendwende bei 46 Prozent. Heute sind in Deutschland 64 Prozent der Älteren beschäftigt. Fehlt uns eine Pensionsreform Marke Schröder?

Deutschland stand wegen der Wiedervereinigung unter einem ganz anderen Reformdruck. Schröder musste etwas tun und hat das zu einem glücklichen Zeitpunkt gemacht. Für ihn selbst nicht, denn er hat dadurch seine Macht verloren. Aber die Weltwirtschaft war in einem Aufschwung, man konnte schnell Effekte sehen. Wenn heute Portugal ähnlich harte Reformen durchführt, stellen sich Erfolge nur zögerlich ein.

 

Deutschland hat beschlossen, das Pensionsantrittsalter auf 67 Jahre anzuheben. Ist das in Österreich nicht notwendig?

Das ist überall nötig. Wir haben einen klaren Trend in der Lebenserwartung. Da darf man sich nicht zurücklehnen. Man muss die Sozialsysteme zukunftssicher machen. Dafür kann man qualifizierte Immigration zulassen, die Erwerbsquoten der Frauen und das Pensionsantrittsalter erhöhen. Wenn man nichts davon macht, bleiben nur niedrigere Pensionen oder höhere Beiträge. Und das ist ungerecht den Jungen gegenüber.

 

Österreichs Politiker tun sich mit Reformen schwer, weil ein Großteil ihrer Wähler selbst Pensionisten sind.

Ich bin aber überzeugt, dass es sich auszahlt. Schröder hätte die Wahl gewinnen können, wenn er mehr Zeit gehabt hätte, um auch die Früchte seiner Arbeit sichtbar zu machen. Für Deutschland war es eine komplette Kehrtwende. Bis dahin gab es eine unheilige Allianz zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, die das Altersteilzeitmodell propagiert haben. Das war eine Subventionierung der Firmen, um Ältere früher gehen zu lassen. Die Idee dahinter, dass es eine feste Zahl an Jobs gibt und jeder Alte, der geht, einem Jungen einen Job verschafft, ist falsch. Die Vorstellung hat die Politik jahrelang geprägt. Wir müssen die Älteren länger im Job halten. Das ist auch, was viele ältere Menschen wollen.

Das funktioniert nicht bei allen gleich gut. Welchen Job findet etwa ein 55-jähriger Bauarbeiter mit kaputtem Rücken?

Da ist Fantasie notwendig. Ältere Handwerker könnten sich etwa auf das Beraten verlegen. Die Masse arbeitet nicht in Jobs, in denen es körperlichen Verschleiß gibt. Da stellen sich andere Fragen, etwa nach Weiterbildung auch im höheren Alter. Generell brauchen wir aber mehr Flexibilität in den Altersübergängen. Wenn man abrupt die Altersgrenze hochzieht, wird es Probleme geben. Das deutsche Modell der schrittweisen Alterserhöhung ist sinnvoll.

Wie müssen Unternehmen auf diese Entwicklung reagieren?

So wie Porsche: Der Konzern stellt 150 Lehrlinge ein. Und die 150 bekommen die Aufgabe, zehn weitere zu integrieren, die normalerweise nicht engagiert würden. Das führt zu erstaunlichen Erfolgen. Bei den Älteren ist die Qualität ohnedies meist besser. Sie mögen langsamer sein, aber sie kennen die Abkürzung.

Löst sich das Problem nicht ohnehin demografisch?

Die Jahrgänge, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommen, sind geburtenschwach. Das könnte zu höheren Löhnen und besseren Verträgen führen. Im Moment ist das noch nicht sichtbar. Heute ist die Situation der Jungen schlechter als die der Älteren. Die Jungen tragen viel von der Anpassungslast. Die Verträge sind instabiler, die Fluktuation ist höher, die Löhne niedriger. Aber das könnte sich bald ändern. Zumindest qualifizierte Arbeitnehmer kommen in eine strategisch bessere Position.

Stehen Junge heute schlechter da als ihre Eltern?

Wer nach dem Ölpreisschock ab Mitte der 1970er auf den Markt gekommen ist, hatte schon erhebliche Probleme. Da geht es der heutigen Generation nicht wesentlich schlechter. Und die Zukunftsaussichten sind sehr gut. Aufgrund der Veränderung der relativen Knappheiten. Wir hatten lange Jahre mit Lohnverlusten in Kaufkraft gemessen. Heute gibt es Signale, dass sich das schon gedreht hat und stärkere Lohnsteigerungen kommen.

Die deutsche Lohnzurückhaltung wird entweder als unsozial kritisiert oder gelobt, weil sie Wettbewerbsfähigkeit brachte. Wie sehen Sie das?

Ich bin hin- und hergerissen. Es war schon aufgrund der Wiedervereinigung notwendig, eine moderate Lohnpolitik zu betreiben. Allerdings hatte sie zehn Jahre lang keine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote blieb hoch. Aber es wurden Rahmenbedingungen geschaffen, die spätere Erfolge ermöglicht haben. Gleichzeitig erlebt das Land seither eine Aufspreizung zwischen Niedrig- und Gutverdienern. Meiner Meinung nach ist über ein gesundes Maß hinausgeschossen worden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2013)