Ferruccio Laviani: Meister Lampe

Leuchtikone. Ferruccio Laviani und sein neuer Entwurf „Twist“, wie so viele bei Kartell aus Polycarbonat.
Leuchtikone. Ferruccio Laviani und sein neuer Entwurf „Twist“, wie so viele bei Kartell aus Polycarbonat.(c) Beigestellt
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Ferruccio Laviani und Kartell – das hat Strahlkraft: Gemeinsam bringen sie seit Jahren Möbelikonen aus Plastik zum Leuchten.

Transparenz. Die „Fly“-Pendelleuchte von Kartell reizt die ästhetische Qualität des Kunststoffs aus.
Transparenz. Die „Fly“-Pendelleuchte von Kartell reizt die ästhetische Qualität des Kunststoffs aus.(c) Beigestellt
Neu gewandet. Die „Tati“-Leuchte von Laviani zieht sich in diesem Jahr eine neue Variante über, „Lace“ nämlich, also Spitze.
Neu gewandet. Die „Tati“-Leuchte von Laviani zieht sich in diesem Jahr eine neue Variante über, „Lace“ nämlich, also Spitze.(c) Beigestellt
Familienalbum. Aus dem Jahr 2008: Claudio Luti mit Federico und Lorenza, der dritten Generation des Familienunternehmens.
Familienalbum. Aus dem Jahr 2008: Claudio Luti mit Federico und Lorenza, der dritten Generation des Familienunternehmens. (c) Beigestellt

Auch Plastik hat eine Kultur. Und Kartell hat sie mit­geschrieben, diese Geschichte, mit seinem Firmengründer Giulo Castelli, einem Chemiker. Aber auch mit allen seinen Nachkommen, den Entwürfen für Plastikmöbel, die Designer für Kartell gestaltet haben. Allesamt Seelenverwandte, die dem Plastik injizieren konnten, was dem Stoff aus dem Chemielabor keiner zugetraut hätte: so etwas wie Sinnlichkeit. Auch ein Designer wie Ferruccio Laviani ist Teil der bunten Familienchronik, in der sich seit den 1950er-Jahren Möbelentwürfe zu einer zeitlosen Galerie der Designikonen auffädeln. Vor allem Leuchten lässt Laviani für Kartell strahlen. Seit über 23 Jahren bereits. Zu lange, um seine Designer-DNA noch von jener von Kartell zu trennen, wie er im Gespräch mit dem „Schaufenster“ verrät.

Als Designer für Kartell sind Sie also auch Teil eines kulturellen Phänomens.   
Unsere „Beziehung“ dauert schon über 23 Jahre. Wenn es nur Arbeit wäre, hätten wir uns schon längst getrennt. Als Claudio Luti Ende der 1980er-Jahre Kartell übernahm, war die Firma noch eine andere. Und heute bin ich darauf stolz, auch meinen Fingerabdruck hinterlassen zu haben. Kartell ist auch Teil meiner persönlichen DNA geworden, meiner persönlichen Geschichte. Wir haben uns gemeinsam weiterentwickelt. 

Sie pflegen ja mit Ihren Kartell-Entwürfen nicht gerade einen zurückhaltenden Gestaltungsstil. Entspricht diese Extrovertiertheit Ihrer Persönlichkeit? 
Ich bin ein wenig wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Wahrscheinlich habe ich zwei Gesichter. Doch eines ist sicher: dass ich meinem Gefühl folge, meinem Bauch, dass ich auch manchmal aufbrausend bin, auf jeden Fall impulsiv. Ich investiere viele Emotionen in meinen Beruf. Und ich verteidige meine Arbeit konsequent.

Starrköpfig oder selbstbewusst? 
Mein Vater hat immer gesagt, ich solle zweimal nachdenken, bevor ich etwas sage. Ich verteidige alles bis zum Ende, denn wenn ich etwas mache, habe ich zuvor zweimal darüber nachgedacht. Ich hatte schon immer Selbstvertrauen. Mit Kartell, oder auch Foscarini und Molteni, arbeite ich seit mehr als zwanzig Jahren zusammen. Die Zusammenarbeit bringt gute Ergebnisse. Und die sind oft sehr ikonisch, das stimmt. Ich kann wahrscheinlich nicht anders. 

Das bedeutet, dass man sich im Design auch von den Gefühlen leiten lassen darf? 
Ich komme eigentlich aus zwei Schulen, die ziemlich konträr sind. Auf der einen Seite von Achille Castigliogni, mit einem sehr rationalen Zugang. Auf der anderen Seite von Memphis und Michele de Lucchi. Zwischen diesen Feldern bin ich als Gestalter sozialisiert worden. Von Memphis habe ich gelernt, auch die sinnliche, sensible, emotionale Seite einzubringen. Doch im Grunde geht es um Ideen, Funktionen und die Industrie. Das ist jetzt die Mischung meines Designerblutes. Irgendwie bin ich wie ein DJ, der neue Remixes auflegt: Ich nehme etwas und mache es zu etwas nach meiner Art. 

Das Design folgt aber nicht nur Ihren Gefühlen, sondern auch dem Gedanken, durch Oberflächen und Strukturen Emotionen auszulösen. Damit die Menschen die Dinge auch wollen und annehmen.
Es gibt tausend Leuchten. Wenn man eine davon kauft, dann kauft man auch ein Gefühl, dass man dabei hat. Es muss etwas im Design geben, das einen Wunsch auslöst. Das kann eine bestimmte Energie des Objektes sein oder auch nur seine Farbe. Ich versuche immer, den Dingen auch Gefühle mitzugeben. Wenn man keine Empfindungen hat, kauft man auch nichts. Es geht nicht nur um Funktionen, und es geht nicht nur um Formen. Ich bin kein Künstler. Meine Position ist dazwischen.

Mailand ist Ihre Design-Heimatstadt. Kartell und so viele andere Möbelunternehmen kommen aus dieser Stadt. Doch manchen erschließt sie sich nur recht schwer. Sie wirkt grau, architektonisch unentschlossen. Wie kann man Mailand verstehen?
Ich selbst komme aus Cremona, vielleicht kennen Sie die Stadt wegen der Stradivari-Geigen. Mailand ist zumindest einfacher zu verstehen als Italien. Die Vergangenheit des Landes war zersplittert, fragmentiert in unterschiedlichste Interessen, Prinzipien, Identitäten. Wir waren nie ein in sich geschlossenes Gebilde, wir waren ein Kulturenmix. Und in Mailand? Dort kommt noch ein Mix dazu: die unterschiedlichsten Handwerksunternehmen, die verschiedenen industriellen Technologien. Das alles verbindet sich zu einem Chaos, das gleichzeitig eine Chance ist. Unter dem allen kann man verstehen, was „Made in Italy“ heißt. Eine kreative Unordnung, das ist unsere DNA. Und diese Kreativität findet man zwischen dem Korsett von Budget und Briefing. Mailand, das mag vielleicht keine prachtvolle, barocke Schönheit wie Rom sein. Mailand ist ein Durcheinander. Graue Fassade, bezaubernder Hinterhof zum Beispiel.  Aber man kann sich zu Hause fühlen. Man kann Mailand nicht beschreiben. Man kann die Stadt nur verstehen, wenn man selbst hier wohnt und arbeitet. An manchen sonnigen Tagen ist es der schönste Platz auf der Welt. 

Ferruccio Laviani Meister Lampe
Ferruccio Laviani Meister Lampe

Ein Unternehmen wie Kartell ist nicht nur ein Industriebetrieb, sondern auch eine traditionelle Familienangelegenheit. Gleichzeitig ein Kulturphänomen: Im Mailand der Nachkriegsjahre war die Chemie reif und der kreative Humus fruchtbar. Plastik durfte endlich die Wohnungen erobern, in Form von Stühlen, Tischen und Containern. 1949 hatte Giulio Castelli, ein Chemie-Ingenieur, das Unternehmen gegründet. Im Milieu von Designern und aufgeschlossener Unternehmensfamilie trafen Leidenschaft, Materialtechnologien und ökonomischer Wandel wirkungsvoll aufeinander: Kartell produzierte Ikonen der Kunstoffmöbelkultur am Fließband. Nicht nur im Firmenmuseum in Mailand sind sie zu sehen, sondern auch im offiziellen Plastik­möbelfamilienalbum: „The Culture of Plastics“ ist im Taschen-Verlag erschienen und dokumentiert den Weg von Kartell von der Gründung bis heute. Und das ist auch der Weg produktiver Partnerschaften mit Designern und Architekten wie Gino Colombini, Vico Magistretti, Antonio Citterio, Philippe Starck oder eben Ferruccio Laviani.

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