Da muss doch noch etwas sein - 50 Künstler auf der Suche nach dem Ich im Essl Museum in Klosterneuburg.
Kann das ein Zufall sein vor der Nationalratswahl? Dass gerade jetzt im Kulturbetrieb das gesellschaftliche Ego derart filetiert und zerlegt wird? Das Philosophicum Lech eröffnete gestern unter dem Titel „Ich. Der Einzelne in seinen Netzen“. Und das Essl Museum seufzt „Sehnsucht Ich“ von den Plakaten. Ja, es kann ein Zufall sein, ein glücklicher zumindest.
Wird man doch gerade vor einer Wahl, sei sie politisch oder privat, brutal auf das zurückgeworfen, was da drinnen in einem lauern soll. Das neuronale, genetische oder gesellschaftliche Konstrukt, da streiten sich wohl die Lecher Geister, das man gern das eigene Ich, das Selbst nennt. Die bildende Kunst tat sich da meist leichter, sie sieht „es“ meist klar hinter den Augen liegen: Je tiefer der Blick von der Leinwand gen Betrachter also, desto existenzieller das Anliegen, desto tiefer scheint die gefühlte Verbindung zur, ja, Seele des Abgebildeten. Seele, noch so ein Wort, Sie sehen, es ist kompliziert.
Wenn das Ich sich lieber versteckt
Die Ausstellung bei Essl hilft einem in dieser Hinsicht ein bisschen weiter, man beschränkt sich hier nämlich vor allem auf gegenständliche Malerei, womit man zumindest dem Ich des Sammlers gerecht wird. Diese Malerei hat Kurator Günther Oberhollenzer noch dazu in sieben praktische Kapitel eingeteilt – vom Bild des „Jungen Menschen“ bis zur „Auflösung“ mit anschließender „Erlösung“ verfolgen wir das Menschenbild, das die bildende Kunst seit jeher schon treibt.
Die Porträtkunst ist, mit Dürers Selbstbildnis beginnend, schließlich auch eine Kulturgeschichte der Individualisierung. Was aber geschah in den vergangenen Jahrzehnten? In denen die uneingeschränkte Wahlmöglichkeit die Menschen wieder in die Anonymität der Masse flüchten ließ? In uniforme Massen, wie der Gugginger Oswald Tschirtner sie zeichnete. In gleichgeschaltete Massen, wie die chinesischen Pop-Art-Stars sie malen und formen, Yue Minjun etwa.
Es ist interessant. Diese geografisch und psychisch so fernen Darstellungen wirken momentan zeitgemäßer als die großen Introspektionen, die narzisstischen Selbstdarstellungen von Attersee oder Jonathan Meese, die skeptischen Selbstbefragungen von Chuck Close oder die Selbstzerfleischungen von Rainer und Lassnig. Wer kann schon behaupten, ein derart solides Selbst zu haben, wie Stephan Balkenhol es in seinen geschnitzten Figuren zeigt? Wer tapst suchend mit Kerze durchs unterbewusste Holz wie Jörg Immendorff? 1992! Das Bild könnte auch 100 Jahre alt sein. Vergleichsweise aktuell (trotz 1990er-Jahre-Signatur) sind die Selbstporträts von Francesco Clemente und Elke Krystufek – beide nackt und beobachtet. Und Siegfried Anzingers wie aus der Erinnerung auf die Leinwand gewischtes Porträt des Rückens seiner Frau ist sowieso und in jedem Zusammenhang grandios.
Aber natürlich muss eine Ausstellung über das Ich beliebig sein. Was man ihr ernsthaft ein wenig vorwerfen könnte, ist, dass sie sich trotzdem bemüht, es nicht zu sein. Aber auch ein braves Ich ist immer noch ein Selbst.
Bis 12. Jänner. Di–So 10–18, Mi bis 21h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2013)