Einst lernten an den gehäuteten Modellen die Chirurgen Anatomie. Heute sind die Wachspräparate des Wiener Josephinums eine nahezu konkurrenzlose Attraktion. Das soll jetzt wieder spürbar werden.
Es war ein zauberhaftes Fest, das die Denkmalfreunde, der Freundesverein des Bundesdenkmalamts, in der Kartause Mauerbach ausgerichtet hatte. Gekrönt von einem Versprecher, der nur BDA-Präsidentin Barbara Neubauer zusteht: „Ich wünsche Ihnen noch gute Erhaltung – oh, Unterhaltung natürlich.“ Ihre Ansprache davor hatte sie einem weltweit einzigartigen Kulturerbe gewidmet, das dennoch ein Dornröschenschicksal erleidet, fast im Wortsinn, gebettet in gläserne Vitrinen, verwahrt in einem der verwunschen wirkenden Repräsentationsbauten der Stadt: dem frühklassizistischen Josephinum in der Währinger Straße, 1784 von Kaiser Joseph II. als militärchirurgische Akademie gegründet.
Kurz zuvor hatte der Habsburger seinen Bruder Leopold, Großherzog der Toskana, in Florenz besucht und dessen naturwissenschaftliches Museum La Specola (Sternwarte) bewundert – das erste seiner Art in Europa mit unglaublich fein gearbeiteten Wachsmodellen der menschlichen Anatomie. Genau solche wollte Joseph II. auch in Wien als Lernmaterial für seine Chirurgen. Worauf in erstaunlich wenigen Jahren, von 1784 bis 1788, in Florenz unglaubliche 1192 Wachspräparate angefertigt wurden. Zum Teil Varianten der eigenen Exponate, zum Teil Unikate nur für Wien: Ein detailliertes Ganzkörpermodell des Lypmphsystems etwa. Oder eine große geburtshelferische Abteilung. Nach spektakulärem Transport mit Maultieren über den Brenner und per Schiff von Linz nach Wien kam die heikle Fracht schließlich an. Alle Präparate waren in Vitrinen aus Rosenholz und mundgeblasenem venezianischen Glas gebettet. Auf Seidenpölster, ausgestattet mit Echthaar, zum Teil sogar mit Perlenketten.
Der Unterschied zu Hagens Plastinaten. Die Objekte sind beides: sowohl State of the Art der Wissenschaften ihrer Zeit als auch der Kunst. Genau das unterscheidet sie von einem verwandten Spektakel unserer Zeit: die „Körperwelten“ Gunther von Hagens. Gerade erst haben seine Plastinate, also haltbar gemachte Leichen, im Wiener Naturhistorischen Museum die Massen angelockt. 225.000 Besucher kamen, um zu sehen, wie es aussieht, wenn dem Menschen die Haut abgezogen wird. Im Foyer hing leise und still ein Plakat des Josephinums.
Fast meint man Christiane Druml, Vizerektorin der Med-Uni Wien und Vorsitzende der Ethikkommission, seufzen zu hören. Doch sie blickt nur ein wenig starrer durch ihre Sonnenbrille. Wir sitzen auf einer Bank im Rosengarten vor dem Josephinum. Nebenan rauscht die Währinger Straße. Man nimmt es kaum wahr, nur wenige Meter daneben. 1400 Menschen kamen voriges Jahr während der Langen Nacht der Museen hierher. Das sind nicht wenige für diesen Ort, heuer – am kommenden Samstag – will man der Warteschlange die Zeit sogar mit Flamencoklängen zu vertreiben versuchen.
Zwei Tage pro Woche, Freitag und Samstag, ist dieses der Med-Uni unterstellte Museum sonst nur zu besichtigen, neben den Wachsmodellen werden hier auch medizinische Bilder und Geräte, Archivalien, Nachlässe und eine bedeutende Bibliothek gepflegt. Nur vier Angestellte sind damit befasst. Eine Revitalisierung sei mit dem zur Verfügung stehenden Budget schlicht nicht machbar, erklärt Druml. Wie sollen historische Sammlungen im internen Budgetwettkampf der Med-Uni auch gegen existenzielle Forschungen gewinnen können? Man sitzt zwischen den Stühlen, weder Wissenschafts- noch Kulturministerium fühlt sich zuständig. Kein faires Los, denkt man daran, dass Kulturministerin Claudia Schmied gerade den seit Kurzem dem Naturhistorischen Museum eingegliederten Narrenturm sanieren hilft, für mehr als drei Mio. Euro von Bund und Stadt.
Im Josephinum ist man froh, wenn man sich ein paar nach Leitsystem aussehende Schilder leisten kann. Trotz der Schwierigkeiten hat Druml, seit zwei Jahren Vizerektorin, den Ort zur „Herzensangelegenheit“ erklärt. „Ich will diese einzigartige Sammlung wieder instand setzen.“ Dafür holt sie sich Beratung von jemandem, der vor allem aus der zeitgenössischen Kunstszene bekannt ist: Moritz Stipsicz gründete und leitete u. a. bereits die Fotogalerie Momentum. Jetzt wird an einer neuen Homepage des Josephinums ebenso gebastelt wie an der Modernisierung der sechs Präsentationsräume. Allein die schiefen Jalousien wirkten, als stünden sie unter Denkmalschutz, scherzt Druml. Nur in zwei Räumen konnte man bisher die Fenster mit UV-filternder Folie „frei“ machen. In einem Raum ist gerade die Miniatur einer Sonderausstellung zu sehen – ein, zwei Vitrinen mit „Amazing Models“ aus Leyden und Bologna. Kein Vergleich zu den Schätzen im eigenen Haus nur wenig weiter.
Nur die Frauen erhielten Schamhaar. Dicht an dicht lehnen und stehen hier die gar nicht so schaurigen Modelle, werden hier schließlich nicht Anomalien gezeigt wie im Narrenturm, sondern die Anatomie des gesunden Körpers. Sechs stehende Ganzkörperfiguren konnten früher mit einer Kurbel sogar gedreht werden, erklärt die frisch angestellte hauseigene Restauratorin. Die Gedärme schwingen einem nur so entgegen bei einem der Modelle – nein, es ist eindeutig eine Frau, man erkennt es trotzdem erst auf den zweiten Blick. Es ist skurril, nur die Frauen bekamen trotz aller Entblätterung Schamhaare. Die Männer nicht. Warum, das hat auch die Restauratorin noch nicht ergründen können. Eine der kleinen Vitrinen konnte sie mit den Einnahmen des Fundraising-Dinners der Denkmalfreunde heuer restaurieren. Wobei es eher um Erhaltung geht, die Modelle sind in gutem Zustand. Die große Aufgabe für Druml und ihr kleines Team wird eher werden, das Josephinum wieder zu einem Ort zu machen, in dem Kunst und Wissenschaft einander begegnen. Etwa in dem in der Nachkriegszeit schändlich mit Beton verbauten ehemaligen Hörsaal im Mittelrisalit. Er müsse rückgebaut werden, um wieder „mehr Aura als ein Flughafenklo“ zu bekommen, sagt Druml. Das wäre zumindest ein würdiger Beginn.
Josephinum für alle
Lange Nacht der Museen
Kommenden Samstag, 5. Oktober, findet zum 14. Mal in ganz Österreich die Lange Nacht der Museen statt, initiiert vom ORF. 700 Museen – darunter das Josephinum – und Galerien nehmen daran teil und halten von 18 bis ein Uhr offen. Tickets gibt es unter tickets.ORF.at, sie kosten regulär 13 Euro, ermäßigt elf und regional (nur außerhalb Wiens) sechs Euro.
Reguläre Öffnungszeiten Das Josephinum ist in der Währinger Straße 25, Wien 9, zu finden. Die Sammlung ist Freitag und Samstag von zehn bis 18 h geöffnet. Bis 26. 10.: Sonderausstellung „Amazing Models“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2013)