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»Thalerhof«: Die Rückkehr der lebenden Toten

»Thalerhof«: Die Rückkehr der lebenden Toten
»Thalerhof«: Die Rückkehr der lebenden Toten(c) APA/LUPI SPUMA / SCHAUSPIELHAUS (LUPI SPUMA / SCHAUSPIELHAUS GRAZ)
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Intendantin Anna Badora inszenierte im Grazer Schauspielhaus »Thalerhof«, eine Uraufführung von Andrzej Stasiuk über den Ersten Weltkrieg mit Anklängen an Karl Kraus, Heiner Müller: überwiegend geglückt und konzentriert gespielt.

Im Jahr 2000 war Polen Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse – und die „FAZ“ schwärmte von Andrzej Stasiuks Roman „Die Welt hinter Dukla“, einer Sammlung von Episoden, Erinnerungen, Miniaturen aus einem südpolnischen Dorf. Sprunghaft, assoziativ, grob, aber packend, weil man das Gefühl hatte, dass die Geschichte vieler Dörfer hier abgebildet war: Aberglaube, Mystik, Träume, Liebe, Katastrophen und das harte Aufsetzen in einer illusionslosen Gegenwart voll materialistischem Müll.

Dukla bedeutet „kleiner Schacht zur Erkundung und zur Suche nach einer Lagerstätte, als Belüftungsöffnung oder zur primitiven Erzgewinnung“. Ein Schacht in die Tiefen der Geschichte wird auch bei Stasiuks „Thalerhof“ gebohrt, seit Freitagabend im Grazer Schauspielhaus zu erleben. Anna Badora hat den Text ihres Landsmannes inszeniert. Das Stück, benannt nach dem Grazer Flughafen, führt vom Ersten Weltkrieg in die Gegenwart, handelt aber vor allem vom Lager Thalerhof. Dieses war von 1914 bis 1917 eines der frühen Konzentrationslager, in das ruthenische Bewohner aus Galizien und der Bukowina deportiert wurden, weil sie im Verdacht standen, mit Russland, dem Kriegsgegner der k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn, zu sympathisieren. Tausende starben an Typhus, Cholera, Hunger, Folter und anderer Gewalt der Wächter.

Es gibt viele Bezüge in diesem Text, der sich des Horrorkinos bedient. Deutliche Spuren führen aber auch zu Karl Kraus' „Letzten Tagen der Menschheit“, zu Brecht, Heiner Müller. Stasiuk blickt nicht aus west-, sondern aus osteuropäischer Perspektive auf das Geschehen. Zu Beginn lauschen ruthenische Bürger dem Geschützfeuer, sie fürchten sich, weil sie zwischen den Fronten stehen. Der orthodoxe Priester Maxym ersehnt den Sieg des Zaren. Auf einem Friedhof in den polnischen Karpaten spukt es: Tote Soldaten wollen von den Besuchern 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wissen, wie er ausgegangen ist. Die Nachfahren suchen Ausflüchte und erzählen Halbwahrheiten: Der gefallene Bosnier darf sich freuen, dass sein Land nun ein Staat mit Grenzen, einer Fahne und Geld ist. Der jüdische Schütze träumt von einer großen Familie, er soll nicht wissen, dass sie im KZ umgekommen wäre.

Tatiana Sandowicz bezaubert. Erneute Rückblende in die Vergangenheit: Der Priester Maxym und seine schwangere Frau werden von österreichischen Gendarmen verhaftet. Im Gefängnis soll sich Maxym zum österreichischen Kaiser bekennen. Als er das verweigert, wird er erschossen. Seine Frau wird mit den anderen Ruthenen nach Thalerhof transportiert. Dort warten, wieder in der Gegenwart, Touristen auf ihren Flug in den Urlaub. Sie halten die unheimlichen Gespenster, die aus dem Boden kriechen, von Hunger und Krieg erzählen, zum Kaiser nach Wien marschieren wollen, um ihre Medaillen entgegenzunehmen, für Asylanten . . .

Badoras Inszenierung zeigt Lebende und Tote in ähnlich bleichem Licht, als wären beide eben nur Gäste auf dieser Erde. Sie lässt die dünne Wand sichtbar werden zwischen Vergangenheit und Gegenwart, dem frühen Geisterglauben und der Religion, die ihn auszumerzen versuchte. Die Aufführung ist konzis. Es gibt auch komische Elemente, wenn Franz Xaver Zach als Stronach-Parodie von Amerika schwärmt und den Europäern eine deutsche Leitkultur zur Sanierung aller Probleme empfiehlt. Jan Thümer ist der reisende Erzähler. Simon Zagermann zeichnet temperamentvoll den Priester Maxym, dessen schwärmerische Tiraden von Ikonen verspottet werden, die Hammer und Sichel schwingen. Die Soldatengespenster berühren vor allem im ersten Teil. Ein Glücksfall ist die kleine Tatiana Sandowicz, echte Urenkelin von Maxym Sandowicz, die beim Kindercasting zufällig entdeckt wurde und Licht in die finstere Welt der Erwachsenen bringt.

Am Ende taucht Kaiser Franz Joseph I. (Stefan Suske) in weißer Uniform und mit langen Unterhosen im Rollstuhl auf und befiehlt den Soldaten zu träumen, all ihr Tun war sinnlos. Die Schlussszene verweist auf eine Schwäche des Stückes: Es wirkt in einigen Szenen papieren wie eine Schuldoku und demonstrativ wie eine Predigt. Insgesamt aber: spannender Stoff und durchaus eine Vorgabe für das kommende Gedenkjahr 2014.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2013)