Die SPÖ verteidigt zwar Platz eins - mit dem historisch schlechtesten Wahlergebnis. Rot-Schwarz ist nicht mehr in Stein gemeißelt. Ein Tag zwischen Liesing und Löwelstraße.
Wien. Der Abend, an dem Werner Faymann an die Grenzen der Großen Koalition stoßen sollte, beginnt mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Die erste ORF-Hochrechnung um 17 Uhr sieht die SPÖ zwar mit deutlichem Abstand auf Platz eins. Allerdings sind die (vorläufig) 26,4 Prozent ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis. Gegenüber 2008 haben die Sozialdemokraten fast drei Prozentpunkte verloren.
Die Stimmung in der Parteizentrale ist beinahe gespenstisch: Keinem Regierungsmitglied, keinem Funktionär entfährt ein Laut. Alle starren nur fassungslos auf den Bildschirm. Auch vom Festzelt, draußen auf der Löwelstraße dringen dieses Mal keine Freudenschreie herüber. Stattdessen: Stille. Dabei wäre alles für die große Wahlparty vorbereitet.
Dieses Mal verzichtet man auch auf die reflexartige Schadenfreude, die immer dann aufkommt, wenn die ÖVP hinter den Sozialdemokraten liegt. Nur beim FPÖ-Ergebnis schüttelt der eine oder andere ratlos den Kopf, unter anderem der Künstler Alfons Haider, ein bekennender SPÖ-Sympathisant. Einige Minister, Gabriele Heinisch-Hosek (Frauen) und Doris Bures (Infrastruktur) beispielsweise, werfen einander fragende Blicke zu. Wie konnte es dazu kommen? Und welche Koalition soll man jetzt bilden? Die Große ist ziemlich klein geworden. Soll man sie trotzdem wieder wagen?
Darabos will eine Zweierkoalition
Als der ORF live in die SPÖ-Zentrale schaltet, wird demonstrativ gejubelt und applaudiert. Doch der Schein trügt, Freude sieht anders aus. Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos versucht, die positiven Seiten des Wahlergebnisses hervorzuheben. Die SPÖ sei zum dritten Mal in Folge Nummer eins bei einer Nationalratswahl geworden. „Das ist ein respektables Ergebnis.“ Auf die Verluste geht er vorerst nicht näher ein: Die großen Städte seien noch nicht ausgezählt. Nur so viel: Durch das größere Angebot an Parteien gebe es eine Stimmenstreuung. „Das ist, zugegeben, ein Wermutstropfen.“
Auf Koalitionsansagen will sich Darabos auch noch nicht einlassen. Es bleibe dabei, dass die SPÖ eine Zweiparteien-Variante bevorzuge. Grundsätzlich, fügt der Bundesgeschäftsführer kleinlaut hinzu. Alles weitere werde man sehen. Heute Abend, vielleicht. Oder morgen.
Werner Faymann ist noch nicht in der Parteizentrale, er wird erst gegen 18.30 Uhr erwartet. Die Mittagsstunden hat der SPÖ-Chef zu Hause mit seiner Familie verbracht. Am Nachmittag ist er dann in das Bundeskanzleramt aufgebrochen, um sich mit seinen engsten Mitarbeitern auf den Wahlabend vorzubereiten. Seinen (letzten) Beitrag für die glanzlose, aber erfolgreiche Kanzleramtsverteidigung hat er am Vormittag geleistet.
Faymann: Bauchgefühl in Ordnung
Im Schatten der Wohntürme von Alt-Erlaa, auf einem Lagerplatz der MA 28, stehen Faymann und seine Ehefrau Martina Ludwig kurz nach zehn Uhr vor einem schmucklosen Gebäude, das heute als Wahllokal dient. Der knapp 30 Quadratmeter große Raum ist mit Medienleuten und Wählern gefüllt. Dass er sich – wie alle anderen auch – anstellen muss, scheint den entspannt wirkenden Kanzler nicht weiter zu stören. Er habe schon um halb sechs Uhr gefrühstückt, erzählt er. Nicht, weil er nicht mehr schlafen konnte. Sondern, weil ihn seine Tochter schon im Morgengrauen geweckt habe.
Nach der Stimmabgabe wendet sich der SPÖ-Chef noch einmal den Journalisten zu. „Das Bauchgefühl ist in Ordnung.“ Eine Prognose will er aber nicht abgeben. Das siegessichere Lächeln verrät ihn ohnehin.
Zwischendurch wendet er sich immer wieder kurz ab, um Passanten zu begrüßen. Man kennt einander in Liesing. Der Werner, wie sie ihn hier freundschaftlich nennen, wohnt gleich ums Eck, im früheren Haus seiner Eltern. Dieser Teil des 23. Bezirks ist traditionell ÖVP-Terrain, viele Unternehmer sind früher hierhergezogen. Dank Faymann, der lange Jahre Bezirksparteivorsitzender in Liesing war, konnte die SPÖ aber Boden gutmachen.
In der SPÖ-Zentrale ist die Stimmung am frühen Nachmittag durchwachsen. Man weiß, dass man stärkste Partei bleiben und weiterhin den Kanzler stellen wird. Man weiß aber auch um die Verluste, um die sinkende Zustimmung zur Großen Koalition, um die wieder erstarkende FPÖ. Vor allem Letzteres bereitet vielen hier Sorgen. „Wieso nur? Ich verstehe das nicht“, sagt eine SPÖ-Mitarbeiterin. „Der Strache hat im Wahlkampf doch inhaltlich überhaupt nichts gemacht.“
Um 15.30 Uhr eilt die Wiener Gesundheitslandesrätin Sonja Wehsely am Medienzentrum im Erdgeschoß vorbei. Gelöst wirkt sie nicht. „Schau ma“, meint sie nur knapp, ehe sie im Hauptgebäude verschwindet, wo sich die Ministerriege der SPÖ hinter verschlossenen Türen versammelt hat. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl ist angeblich auch schon da. Gezeigt hat er sich bisher noch nicht.
Auch sonst will keiner der hochrangigen Sozialdemokraten die schlechten Nachrichten vorwegnehmen. Doris Bures und Staatssekretär Josef Ostermayer gehen wortlos an den Kameras vorbei. Nur Finanzstaatssekretär Andreas Schieder verbreitet eine gewisse Fröhlichkeit – wohl auch, weil er über die Zwischenstände noch nicht informiert ist, wie er gesteht.
Volles Zelt, keine Partystimmung
Kurz vor 17 Uhr füllt sich das Medienzentrum. Die Minister kommen vom zweiten Stock herunter. Pensionistenchef Karl Blecha ist da. Josef Kalina, Bundesgeschäftsführer unter Alfred Gusenbauer, kennt das Wahlergebnis schon und versucht es schönzureden. Ex-RTL-Manager Hans Mahr hält sich dezent im Hintergrund. Und Josef Ostermayer will noch immer keinen Kommentar abgeben: „Sie werden von mir jetzt nichts hören. Die erste Stellungnahme gibt der Bundesgeschäftsführer ab.“
Drüben im Festzelt, das bereits gut gefüllt ist, nimmt man die Worte von Norbert Darabos zur Kenntnis. Mehr nicht. Man wird heute Abend zwar feiern – aber schaumgebremst. Einen wirklichen Grund hat man nämlich nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2013)