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WU neu: Das Stuwerviertel wacht auf

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die neue Wirtschafts-Uni im zweiten Bezirk geht diese Woche offiziell in Betrieb. Damit bleibt auch im lange verrufenen Stuwerviertel wenig, wie es war. Was nicht jedem gefällt.

Wien. Die Baukräne sind schon weg und langsam sind die Studenten in der Überzahl: In den neuen Campus der WU kommt Leben, bald werden dort 25.000 Menschen ein und aus gehen. Damit bleibt auch im Stuwerviertel nichts, wie es war. Die Entwicklung vom verrufenen Rotlichtgrätzel zum Trendbezirk kommt in Fahrt.

„Errichtung von Dachgeschoßwohnung“ prangt auf dem Transparent an einer alten Fassade, ein Jungvater mit Hornbrille, gefolgt von der Tochter auf dem Laufrad, trägt Einkäufe nach Hause, beim Vorgartenmarkt sitzen Anzugträger aus den nahen Businessgebäuden zwischen türkischen Männern beim späten Mittagessen. Die Nachfrage nach Dachgeschoßwohnungen steigt stetig, weiß man im Bezirk, die Preise frei finanzierter Wohnungen haben angezogen.

Die Autos, die in den ruhigen Gassen parken, sind andere geworden. Ebenso die Bewohner jenes Dreiecks zwischen Lasalle-, Vorgarten- und Ausstellungsstraße, das lange als Brennpunkt galt, in dem Armut, Prostitution und Kriminalität aufeinandertreffen.

Während das Karmeliterviertel im Zweiten lange schon boomt und zwischen Nordwestbahngelände und Vorgartenstraße die Neubauten wachsen, ist nun im Stuwerviertel eine Aufwertung in Gang. „Das Viertel entwickelt sich sehr positiv“, sagt Raumplanerin Andrea Mann von der Gebietsbetreuung.

Marktcafé und Businessviertel

Der Vorgartenmarkt wurde saniert, das Café Tewa, ein Ableger der gleichnamigen Cafés auf Nasch- und Karmelitermarkt, heißt neuerdings Big Garten – schließlich soll der Gastgarten 2015 erheblich wachsen. Daneben verkauft der Biohof Adamah schon jetzt zwischen Street Art Gemüse.

Es scheint, als würde alles auf den Ansturm der neuen Bewohner warten: Schließlich ist die WU nicht der einzige Neubau in der Nähe. Im Businessdistrikt „Viertel Zwei“ hinter dem WU-Campus haben sich Firmen rund um einen künstlichen See in Stahl-Glas-Bauten angesiedelt. Und es wird weiter gebaut: Im März war der Spatenstich zum Bau der Sigmund-Freud-Privatuniversität, die 2015 in unmittelbarer Nähe zur WU ihren Campus eröffnen will. Auch die Webster-Universität zieht in den Zweiten, wenn auch ein Stück weiter: In der Praterstraße 23 soll im Herbst 2014 der Uni-Betrieb starten. Und mit den Studenten kommen neue Wohnbauten: die „Campus Lodge“ oder das „Milestone“ etwa, eine Art Luxusstudentenheim mit kleinen Wohnungen.

Auch im Stuwerviertel macht man sich für die Studenten bereit: Die Gebietsbetreuung plant einen Info-Stand, dazu gibt es geführte Touren durch das Viertel, erzählt Andrea Mann. Mit eigenen Plänen will man den Studenten spannende Orte zeigen: den Vorgartenmarkt, das Café Dezentral am Ilgplatz, das Lokal Lokativ in der Arnezhoferstraße, die Venediger Au mit ihren beleuchteten Sportkäfigen, das Grätzelzentrum am Max-Winter-Platz als Anlaufstelle, die Ennsgasse als Geschäftsstraße. „In der Lokalszene hat sich viel getan“, sagt Mann, die Geschäftsleute stellen sich mit Studentenaktionen auf die neue Klientel ein. Auch junge Familien ziehen verstärkt zu, sie schätzen das viele Grün, die Alleen, die Ruhe. Schließlich sind die Straßen ruhig wie selten in Wien, dafür sorgen Betonblocks, die Freier vom Im-Kreis-Fahren abhalten sollen.

Ein klassischer Fall von Gentrifizierung, von Neubesiedlung durch Reichere, die die ursprüngliche Bewohner verdrängen? Immobilienexperten berichten von stärkerer Nachfrage nach Büros – besonders aus Branchen, in denen der schlechte Ruf zu einem hippen und coolen Image beitrage. „Das Milieu“ hingegen könnte damit verdrängt werden.

 

Kritik an „Schickimicki-Viertel“

Eine Entwicklung, die nicht allen gefällt. Künstlerin Tina Leisch, Mitglied des Stuwerkomitees, spricht von „unfassbarer Gentrifizierung“. Von Älteren, die ausziehen müssten, weil die Mieten zu sehr steigen. Von – in ihrem Fall – einer drohenden Mieterhöhung von 700 auf 1200 Euro, von einem „Schickimicki-Viertel“, das entstehe.

Kritisch sieht man im Stuwerkomitee auch die Vertreibung der Prostitution, spricht von Polizeischikanen. Schließlich, so Leisch, würden Frauen im Viertel, Prostituierte wie andere, ständig kontrolliert und schikaniert. Sie kritisiert, Prostituierte würden so in unsichere Gegenden verdrängt. Bei der Polizei spricht man indes von einer „deutlich verbesserten“ Lage, jeden Abend sind Streifen unterwegs, mehrmals täglich werden Frauen angezeigt, die unerlaubterweise auf der Straße um Freier werben. Schließlich hat Prostitution dort Tradition. Und so schnell, wie manche sich das wünschen, heißt es bei der Polizei, wird sich das im Stuwerviertel dann doch nicht ändern.

DIE NEUE WIRTSCHAFTS-UNI

Mit 1. Oktober hat das erste Semester an der neuen Wiener Wirtschafts-Uni begonnen. Das Soft Opening im zweiten Bezirk ist seit einigen Wochen im Gang, mit Semesterbeginn werden etwa 23.000 Studenten und 1500 Mitarbeiter in den sechs Gebäudekomplexen aus und ein gehen. Die offizielle Eröffnung des neuen Campus an der Adresse Welthandelsplatz 1 ist für kommenden Freitag geplant.

Im nahen Stuwerviertel ist – auch durch die neue Universität und andere Neubauten in der Nähe – derzeit eine Aufwertung im Gang. Das zeigt sich in der Lokalszene und auf dem Wohnungsmarkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2013)