Graulicht gießt Beton in ein neues Image: Geschmeidig gewellte Sitzinseln stehen nun auch auf dem neuen WU-Campus in Wien.
Es ist ein „Dirty Job“, sagt Rupert Zallmann. Aber er und sein Designpartner August Luis wollten ihn ja unbedingt machen: die Zementsäcke schleppen, die Holzvorrichtungen zimmern, in die sie dann die Netze spannen, mühsam die Formen modellieren, auf die sich später die Menschen niederlassen. Auch auf dem neuen Campus der WU Wien werden sie auf Beton sitzen. Heute stehen dort die Festredner zur Eröffnung vor dem Mikrofon Schlange. Dort, wo für Wiener Verhältnisse die Stadt so unverhofft „wow“ geworden ist, im architektonischen Sinne. Wo Zaha Hadids Extravaganz schräg über den Freiraum kragt, Peter Cooks Mut zur Farbe, Orange in die Stadtlandschaft strahlen lässt, wo rostfarbene und schwarzverspiegelte Gebäude sich als riesige Designobjekte gerieren. Dort darf sich ein Werkstoff ein wenig geschmeidiger und eleganter zeigen als in den einbetonierten Klischeebildern im Kopf. BUS-Architektur, die den Masterplan für die WU gezeichnet hatte, lud das Duo Graulicht ein, zwischen die großen Skulpturen der Stararchitekten ein paar kleine Sitzskulpturen aus Beton zu stellen.
In der Großen Mohrengasse im zweiten Bezirk hat das Künstlerkollektiv Madame Mohr seinen Platz gefunden – die Designer von Graulicht gehören auch dazu. „Nachhaltige“ Möbel sind da entstanden. Schließlich wirft man sie nicht so schnell weg. Eine logistische Großtat wäre die Entsorgung. Betonmöbel zwingen zu langfristiger Planung. Das etwas schmutzige Image, die Klobigkeit, die rohe Anmutung, die visuelle Schwere – all das versuchen Zallmann und Luis dem Beton zu nehmen. Das Gewicht bleibt.
Gut, wenn man gute Freunde hat. Zwölf davon brauchten sie schon, als sie ihre Möbel kürzlich quer durch die Stadt bewegten. Hubwägen und Rollen halfen mit, die Objekte auf die Schwedenbrücke zu stellen, auf die Kärntner Straße, den Stephansplatz. Und die Mariahilfer Straße. Das war irgendwie naheliegend, meint Zallmann: „In der ganzen Diskussion um die Begegnungszone wollten wir die Möbel einfach hinstellen und schauen, was passiert.“ Wie man Kindern einen Ball hinlegt. Die Menschen haben sich in kurzer Zeit die Möbel erobert. Entdeckt, besetzt, angeeignet. „Die Leute haben ausprobiert, wie man darauf liegen und sitzen kann“, erzählt Luis.
Betonmischer. „Wenn man sich nichts traut, kommen meist irgendwelche rechteckigen Dinger raus“, meint Luis. Das meiste Stadtmobiliar sei gar nicht gemütlich. Dabei könnten Designer doch ganz andere Dinge hervorrufen, als den Wunsch, nur bald wieder aufzustehen. Möbel beeinflussen die Körperhaltung. „Sie ist Teil der Körpersprache, mit der man auch kommunziert“, sagt Zallmann. Da muss man gar nicht viel miteinander reden im öffentlichen Raum. Es kommt einfach auch darauf an, wie man zueinander sitzt. Eine Haltungsfrage eben. Zement, Sand, Wasser, das sind die Grundessenzen von Beton. Was noch hineinkommt, daran tüfteln Experten in ihren Betonlabors. Fast jede Baustelle hat schon eines. Auch Graulicht versuchte, dem Material neue Eigenschaften beizubringen. Oder neue Farben beizumischen, mit Eisenoxid-Pulver. Wie bei den Tischplatten, die sie für die Wunder-Bar in der Schönlaterngasse gegossen haben. „Im Grunde verarbeiten wir Flüssigkeit. Beton ist im Prinzip ein weiches und geschmeidiges Material“, sagt Zallmann. So hinnehmen, wie er ist, wollte man den Beton noch nie. „Wir wollten ihn verfeinern, eleganter machen“, erzählt Luis. Und salonfähig für Wohnungseinrichtung. Dazu mussten sie das Material schon ein wenig herausfordern.
„Wir wollten seine Normen hinterfragen“, sagt Luis. Und auch das, was ihnen Statiker und Tragwerksplaner regelmäßig erzählten. So dünn wie möglich und große Spannweiten, das war das Ziel. Für die Veranda von Wolf Prix haben sie einen Tisch gegossen, mit einer drei Zentimeter dünnen Betontischplatte. „Anfangs waren unsere Tische sehr monolithisch“, erzählt Zallmann. Wie glatte Altare, mit Glasschalung gemacht. „Die wahre Kunst ist immer die Schalung zu formen“, sagt Zallmann.