Seit die russische Rosneft zum größten Ölkonzern der Welt avanciert ist, verschlingt sie, was immer auf dem Markt ist. Das Geld kommt von den Chinesen.
Moskau. Wenn ein Konzern zu rasch zum Riesen wird, kann er sich trotzdem wie ein Kind verhalten. So der russische Ölgigant Rosneft. Vor Kurzem hat er um die Aufnahme in das „Guinnessbuch der Rekorde“ angesucht. Die Leistung: Rosneft lässt die größte Industrieanlage auf die größte Entfernung transportieren. Und zwar Reaktoren zum Hydrocracken von Italien nach Sibirien. Mit 2500 Tonnen wiegen sie ein Viertel des Eiffelturms. Gewiss, andere Konzerne haben ähnliche Transporte vollzogen. Nur im Ausmaß etwas kleiner. Und leiser.
Die staatliche Rosneft hingegen liebt es laut und groß. Seit der Branchenprimus im März durch die Akquisition von Russlands drittgrößtem Ölförderer TNK-BP zur globalen Nummer eins avancierte, beansprucht er die Siegespalme in allen Parametern. Das geht so weit, dass Rosneft-Chef Igor Setschin, Chef der Hardliner-Fraktion um Kreml-Chef Putin, medienwirksam inszeniert, schon vor Gazprom größter Steuerzahler zu sein. In der Tat nährt Rosneft das Staatsbudget zu einem Fünftel. Das schafft Unmut, denn der Ölsektor ist höher besteuert als der Gassektor.
Unmut hin oder her: Im Wettbewerb der Giganten geht das laufende Jahr klar an Rosneft. Während Gazprom viele offene Baustellen hat, scheint Rosneft alles von selbst zuzufallen. Die Ölförderung in Russland läuft auf Rekordniveau. Und auch wenn der Konzern im ersten Halbjahr hinter den Gewinnerwartungen zurückblieb, konnte er den Überschuss um 18 Prozent auf vier Mrd. Dollar steigern.
Gas als neues Steckenpferd
Die Übernahme von TNK-BP im März katapultierte Rosneft in neue Höhen. Der Konzern zahlte dafür 44,4 Mrd. Dollar, überholte Weltmarktführer Exxon Mobil und kann laut Setschin nun 40 Prozent der russischen Förderung abdecken.
So viel Staat hat der Ölsektor in Russland schon lange nicht mehr gesehen. Im Unterschied zum Gassektor wurde der Ölsektor nach dem Ende der Sowjetunion privatisiert. Mit der Verhaftung des Oligarchen Michail Chodorkowski 2003 freilich begann die Rückabwicklung. Schon damals schnappte sich Rosneft den Großteil von Chodorkowskis Yukos-Konzern.
Seit Jahresbeginn gibt es kein Halten mehr. Ende April kaufte sich Setschin in die italienische Raffinerie Saras ein, bereits 2010 hatte er 50Prozent am deutschen Raffinerienetz Ruhr Oel übernommen.
Der Gassektor ist Setschins neues Steckenpferd. Rosneft will die Gasförderung von zuletzt 13 Mrd. Kubikmeter bis 2020 auf 100 Mrd. Kubikmeter (das Zwölffache des österreichischen Jahresverbrauchs) ausbauen. Das Geld dafür kommt aus China. Schon bei der Übernahme der Yukos-Aktiva haben die Chinesen mit sechs Mrd. Dollar ausgeholfen. China ist Teil der Rosneft-Story. Und in China kollidiert Rosneft abermals mit seinem Konkurrenten Gazprom, der bislang im Reich der Mitte trotz eifrigen Bemühens noch keine bahnbrechenden Erfolge vorweisen kann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2013)