Anschaffungen des täglichen Gebrauchs sind heute deutlich teurer als vor Einführung des neuen Bargelds 2002. Das liegt aber meist an äußeren Einflussfaktoren.
Wien. „In Schilling darf man die Preise aber nicht umrechnen“, sagt die ältere Dame an der Supermarktkassa, mit der wir uns insgeheim solidarisieren. Denn: Wer hat sich nicht selbst auch schon einmal über die massive Teuerung bei Einkäufen des täglichen Gebrauchs geärgert? Durch die Einführung der neuen Währung im Jahr 2002, so die einhellige Meinung, seien die Preise massiv angestiegen.
Ist der Euro also tatsächlich ein Teuro? Eindeutig lässt sich das nicht ermitteln, wie die Österreichische Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) in einer Publikation vom Juli dieses Jahres analysiert. Neutral betrachtet war die durchschnittliche Inflationsrate zwischen 2002 und 2012 mit 2,0 Prozent geringer als in den Perioden davor (1981–90: 3,5 %, 1991–2001: 2,4 %).
DiePresse.com stellt Ihnen die Preisentwicklung ausgewählter Produkte zwischen 2002 und 2011 dar. Als Basis wurde die Zeit, die ein typischer Industriearbeiter für den Erwerb eines Produktes oder einer Dienstleistung arbeiten musste, herangezogen. Der durchschnittliche jährliche Preisanstieg im "Eurojahrzehnt" von 2002 bis 2011 betrug übrigens nur 1,8 Prozent gegenüber 2,2 Prozent im Jahrzehnt davor. (c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
Eine Stunde des Kfz-Mechanikers wurde im Vergleich von 2002 zu 2011 um 15,5 Prozent teurer. Der Industriearbeiter muss heute dafür sieben Stunden und 19 Minuten aufwenden gegenüber sechs Stunden und 20 Minuten vor neun Jahren. (c) E-Mail: wodicka�bilderbox.com (Wodicka; A-4062 Thening)
Auch die Installateurstunde ist heute teurer, um genau 12,7 Prozent. 2011 muss der Industriearbeiter sechs Stunden und 32 Minuten arbeiten gegenüber fünf Stunden 48 Minuten vor neun Jahren. (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)
Um 8,4 Prozent kostet das Kilo Mischbrot heute mehr. 11,6 Minuten Arbeitszeit gegenüber 10,7 Minuten müssen heute aufgebracht werden. (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)
Die Vollmilch verteuerte sich um 5,3 Prozent. Genau vier Minuten müssen heute dafür gearbeitet werden, 2002 waren es nur 3,8 Minuten. (c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)
Der Kaffeehausbesuch mit einer Melange kostet um drei Prozent mehr. 10,4 Minuten gegen 10,1 Minuten müssen an Arbeitszeit erbracht werden. (c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)
Auch der Besuch beim Damenfriseur ist heute leicht teurer, nämlich um 2,6 Prozent. Drei Stunden und vier Minuten an Arbeitszeit gegenüber exakt drei Stunden müssen 2011 eingesetzt werden. (c) Dapd (Michael Gottschalk)
Der halbe Liter Gerstensaft verteuerte sich um 1,4 Prozent. 14,4 Minuten an Arbeitszeit muss dafür heute investiert werden, gegenüber 14,2 Minuten vor neun Jahren. (c) Erwin Wodicka
Mit 16,6 Prozent wurden die Espresso-Automaten deutlich billiger. Nur mehr knapp weniger als 3,5 Stunden müssen für eine solche Maschine, die mittlerweile in vielen Haushalten steht, gearbeitet werden. 2002 waren es noch vier Stunden und sieben Minuten. (c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)
Um mehr als ein Viertel verbilligte sich die Hifi-Anlage. Mit 18 Stunden und 49 Minuten müssen dafür heute um mehr als sieben Stunden weniger Arbeitszeit investiert werden. (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
Der Preis einer Waschmaschine reduzierte sich enorm, nämlich um 28,8 Prozent. Etwas mehr als eine Woche (43 Stunden und 30 Minuten) muss gearbeitet werden, um sich die Investition leisten zu können. 2002 waren es immerhin noch knapp über 61 Stunden. (c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)
Eine Digitalkamera erzielt in unserer Aufstellung mit 81,9 Prozent die höchste Verbilligung. Nur mehr zehn Stunden und 42 Minuten muss dafür gearbeitet werden. Vor neun Jahren musste für eine solche Anschaffung 59 Stunden gewerkt werden. (c) AP (KATSUMI KASAHARA)
Teurer oder billiger?
Nahrungsmittelpreise höher
Warum wir dennoch das Gefühl haben, dass die Preise seit der Euro-Einführung teilweise exorbitant gestiegen sind, erklärt Studienautor Josef Auer einerseits mit dem Einfluss internationaler Faktoren wie dem Anstieg der Rohstoff- und Agrarpreise. Diese seien für das „Ausmaß und den Verlauf der Inflation wesentlich bestimmender als der Euro“.
Andererseits spielt das subjektive Empfinden des Einzelnen bei Preissteigerungen eine große Rolle: „Preisänderungen bei häufig gekauften Gütern wie Brötchen oder der Tageszeitung werden stärker beachtet als bei selten gekauften Gütern“, erklärt Auer in der Publikation. Die Crux: Gerade bei Nahrungsmitteln und alkoholfreien Getränken waren die Preissteigerungen seit 2002 gegenüber der Periode von 1991 bis 2001 doppelt so hoch (1,2 % zu 2,4 %). Auch die Preise alkoholischer Getränke und Tabakwaren sind im Vergleich stärker angestiegen (3,1 % zu 2,3 %).
Eine überdurchschnittliche Teuerung nach 2002 gab es bei Heizöl (plus 132 %), Kraftstoffen und Schmiermitteln (plus 79 %) Uhren und Schmuck (plus 88 %) sowie Kaffee (plus 49 %). Dagegen sind die Preise für Fotoapparate und optische Geräte (minus 70%) und Telefondienstleistungen (minus 18 %) gesunken. Viele Dienstleistungen wurden durch Einführung der neuen Währung aber tatsächlich mit einem Schlag teurer. Das gilt insbesondere für kommunale Dienstleistungen, aber auch für Friseure, Restaurants und Angebote im Bereich Freizeit und Kultur.
Insgesamt ist bei den Anschaffungen des täglichen Gebrauchs eine massiv höhere Schwankungsbreite im Preisniveau gegeben – was eben vor allem auf äußere Einflüsse wie die gestiegenen Preise auf den Rohstoffmärkten zurückzuführen ist. Auer empfiehlt dem Konsumenten daher, sich bei Einschätzung der Teuerung nicht auf kurzfristige Ausgaben zu fokussieren, da auch langlebige und mitunter heute billigere Güter den Haushaltsausgaben angerechnet werden müssen.
Die gefühlte Teuerung durch die neue Währung war höher als die reale. Ein Grund sind die Löhne, die nicht mehr so stiegen wie unter dem Schilling. Der versprochene Wachstumsimpuls blieb weitgehend aus.
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