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Georg Ringsgwandl: Verrückt, oder?

Georg Ringsgwandl
Georg Ringsgwandl(c) Hoanzl
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Den Arztkittel hat er längst abgelegt, auf seinem 15. Album diagnostiziert Georg Ringsgwandl der Welt zu viel Glanz.

Mit 45 Jahren wurde Georg Ringsgwandl seine Stelle als Chef-Kardiologe zu grau, er wollte nicht mehr geheim auftreten, sondern sich auf die "kleine" und die große Kunst einlassen. Der Bayer veröffentlichte in den vergangenen Jahren diverse Theaterstücke, heuer ist sein 15.Album erschienen, darin plädiert er für weniger Chichi und "Mehr Glanz!". Im Interview erzählt Ringsgwandl, ein 48er-Jahrgang,  Vater dreier Töchter und Ehemann einer Psychotherapeutin, vom Applaus und den Verletzungen aus der Kindheit.

Herr Ringsgwandl, bei "Mehr Glanz" geht es darum, dass wir uns alle im Leben mehr wünschen, als wir brauchen. Ein komischer Zwiespalt?

Ja, das ist eine vertrackte Angelegenheit. Wir wollen, dass die Dinge besser werden. Seitdem der Mensch von der blanken Faust zum Faustkeil übergegangen ist und gemerkt hat, dass eine Steinaxt noch besser wäre, ist das so. Es wird permanent daran gearbeitet, alles cooler zu machen. Auf der anderen Seite haben diese Bemühungen bizarr-komische Momente. Da geht man durch eine Gartensiedlung, sieht keinen Menschen, weil sich die Bewohner einen schönen Nachmittag im Gewerbepark machen, während im Garten der Mähroboter spazierenfährt.

Die gefühlte Zeit wird trotzdem weniger.

Stimmt, mein Großvater musste samstags bis sechs Uhr arbeiten und hatte trotzdem mehr Zeit - verrückt, oder? Mozart hat mit Feder und Papier mehr geschrieben als Prince und die Beatles zusammen - verrückt, oder?

Haben Sie ein verrücktes Glanzstück, das Sie nicht brauchen?

Meine Frau wollte einen Asthäcksler haben. Irgendwann stand das Ding aber nur noch herum, und ich bin zur Urmethode zurückgekommen: Haufen machen und anzünden.

Sie sind gern im Garten?

Ja, da bin ich gern. Wenn ich zuhause arbeite, am Schreibtisch sitze   wenn leere Blätter mit schönen Texten gefüllt werden wollen  , dann belohne ich mich mit einer Runde durch den Garten.

Woran schreiben Sie zurzeit?

In Wien habe ich schreibfrei, aber das Letzte war eine Kurzgeschichte für den Bayerischen Rundfunk, dann schreibe ich ein bisschen Prosa, ein paar Theaterstücke...

Gibt es schon etwas Konkretes zu Ihrem nächsten Theaterstück?

Ein paar Embryonen hocken in der Röhre, aber die streiten im Moment noch, wer als Erster ans Tageslicht darf. Dieses Jahr war ich im Wesentlichen mit der neuen Platte "Mehr Glanz" beschäftigt, dann habe ich noch ein kleines Buch über eine schräge, moderne Weihnachtsparaphrase geschrieben.

Wenn man über Sie liest, wirkt es so, als hätten Sie in der Jugend nicht viele glanzvolle Momente erlebt?

Ohne die eigenen Wunden zu lecken, muss man sagen, dass die Situation nach dem Krieg gerade in der Unterschicht einfach herb war. Viele meiner Generation sind regelmäßig geprügelt worden, zu Hause, in der Schule, von den Pfarrern. Es war ein repressives System. Die andere Seite ist eine Vielfalt von Erlebnissen, wie es sie heutzutage nicht mehr gibt. Da konnte man, nachdem es geregnet hat, in den Schlaglöchern Schifferln fahren lassen, weil nur alle halben Stunden ein Auto gekommen ist. Wir sind in der Natur aufgewachsen. Im Wald haben die Soldaten campiert. Panzer sind vorbeigefahren, das war interessant. Wir sind in Banden weitgehend unbeaufsichtigt herumgelaufen und haben nur Quatsch gemacht. Das war der unbeschwerte Teil. Wir hatten eine Mischung aus rüder Härte und schönem, ursprünglichem Erleben.

Wie hat sich diese Mischung ausgewirkt?

Beim einen mehr als beim anderen, ich bin gut rausgekommen, weil ich den Schmerz der Verletzungen aus der Kindheit in Musik und Text verwandeln konnte. Es ist gut, wenn man die Neigung zur Depression verarbeiten kann. Viele meiner Generation sind gebrochen worden und haben das an die nächste Generation weitergegeben.

Sie haben drei Töchter, waren Sie ein strenger Vater?

Ich war ein relativ strenger Typ, nicht, dass ich sie traktiert und diszipliniert hätte, aber ich halte gewisse Ansprüche hoch. Meine Direktive zum Leben ist: nicht Herumhängen. Nicht, dass ich auf äußeren Erfolg und Performance drängen würde, aber ich glaube, jeder Mensch hat die Verpflichtung, seine Begabung umzusetzen.

Lady Gaga singt in ihrer Single "I m living for the applause".  Wie wichtig ist das Scheinwerferlicht?

Sehr wichtig! Die Lady Gaga hat nicht unrecht, jeder Künstler, der etwas anderes behauptet, redet Unsinn. Ich schreibe die Lieder zwar so, damit ich zufrieden bin, aber der Applaus ist nicht bloß für die persönliche Eitelkeit und das Wohlgefühl wichtig, der Applaus ist eine Droge, von der man abhängig wird. Ganz nüchtern betrachtet kann der Künstler ohne Anerkennung auch schlicht nicht existieren.

Was hat Sie zu dem Thema "Ruhm und Glanz" inspiriert?

Ausgegangen ist es davon, dass letztes Jahr in Hamburg eine 24-jährige Frau gestorben ist. Sie war ein Pornostar und hat ihre zigste kosmetische Operation nicht überlebt. Das Feuilleton ist danach zynisch über sie hergefallen, und die Welt grinste verächtlich. Ich fand das einfach nur tragisch und bitter.

Sie haben im Laufe der Jahre eine Menge produziert, 15 Alben von dunkler Melancholie bis zum wilden Exzess, mittlerweile sind Sie musikalisch glatter geworden.

Ja, das stimmt. Ich habe gute Musiker, und es klingt endlich so, wie ich es immer wollte: professionell und funky. Das ist schwieriger, als man glaubt, 20 Jahre habe ich dafür gebraucht.

Vermissen Sie die Zeit von "Disco"? Vermissen Sie Ihren Punk, die exaltierten Auftritte mit Make-up und Boy-George-Manier?

Ja, schon, ich habe mir sogar schon überlegt, es wieder zu tun, als Zitat aus der alten Zeit sozusagen, aber das ist riskant.

Riskant war auch, den Job als Oberarzt an den Nagel zu hängen, um in Kellertheatern aufzutreten. Wie hat sich die Beziehung zu Ihrer Frau seitdem verändert?

In der Tat musste meine Frau ein paar Entwicklungsschritte schlucken. Als wir uns kennenlernten, war ich ein junger Assistenzarzt, der von den Chefärzten gedrillt wurde und sich bemüht hat, seinen 14-Stunden-Arbeitstag halbwegs ungestraft zu überstehen. Und nach sechs Jahren verwandelt sich der Typ plötzlich, macht Musik und ist zunehmend weg von daheim. Meine Persönlichkeit hat sich verändert, die Öffentlichkeit wurde stärker, das hat das Leben komplizierter gemacht, für meine Frau und meine Kinder. Aber wir sind immer noch beieinander. Es ist aber sicher keine Idylle wie im Musikantenstadl. Aber unsere Ehe ist auch nicht so kaputt  wie die Musikantenstadl-Ehen.

TIPP

Georg Ringsgwandl stellt am 9. November sein neues Album "Mehr Glanz" im Wiener Museumsquartier vor. www.ringsgwandl.com

("Kultur Spezial" am Freitag, 04.10.2013)