Österreichs Wirtschaft wächst, aber nicht aus eigener Kraft

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Die Reallöhne sinken, Konsum und Investitionen stagnieren. Nur der Export bringt Österreich zurück auf den Wachstumspfad. Es sei denn, die USA werden zahlungsunfähig und sorgen für einen „zweiten Lehman-Moment“.

Wien. Manchmal reicht es schon aus, nichts zu tun, um für eine Überraschung zu sorgen. „Wir haben unsere Prognose aus dem Sommer nicht revidieren müssen“, verkündete Wifo-Chef Karl Aiginger bei der Herbstprognose stolz. Im heurigen Jahr ist das unter Wirtschaftsforschern tatsächlich eine kleine Sensation. Denn bisher verdüsterten sich die Voraussagen beinahe im Monatstakt. Mittlerweile dürfte sich die Hoffnung der Ökonomen, dass die Weltwirtschaft auch wieder stabil wachsen kann, aber verfestigt haben. Davon profitiert auch Österreich. Nach dem schwachen ersten Halbjahr wird die heimische Wirtschaft heuer real um 0,4 bis 0,5 Prozent und 2014 um 1,7 bis 1,8 Prozent wachsen, prognostizieren Wifo und IHS.

Haushalte geben weniger Geld aus

Vorausgesetzt natürlich, die schwelende Katastrophe in den USA wird noch einmal nach hinten verschoben. Können sich Demokraten und Republikaner aber bis zum 17.Oktober nicht auf eine Anhebung der Schuldenobergrenze von 16,7 Billionen Dollar (105Prozent des amerikanischen BIPs) einigen, droht der weltgrößten Volkswirtschaft die Zahlungsunfähigkeit. Der Staat könnte seine Rechnungen nicht mehr bezahlen, die Kreditwürdigkeit würde herabgestuft, der Dollar fiele, die Aktienmärkte schwankten.

Das könnte „ein zweiter Lehman-Moment“ für die Weltwirtschaft werden, sagte Aiginger. Für sehr wahrscheinlich oder gar vorhersagbar hält er dieses Szenario aber nicht, weshalb Wifo und IHS die politische Krise in den USA in ihren Prognosen schlichtweg ausblenden.

Stattdessen fungieren die USA in den beiden Studien gemeinsam mit Japan als Schrittmacher einer Weltwirtschaft, die immer stärker von Industriestaaten angetrieben wird. Auch die Eurozone soll im nächsten Jahr erstmals seit Jahren wieder aus der Rezession finden, und selbst in Osteuropa dürfte sich die Lage wieder aufhellen.

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Österreichs WirtschaftDie Presse

Das ist auch mehr als notwendig, denn Österreich kann sein kleines Wachstum nur durch den Export retten (plus drei Prozent im Jahr 2013). Innerhalb der eigenen Grenzen würde die Wirtschaft heuer kein Plus einfahren. Denn heimische Unternehmen sanieren lieber ihre Bilanzen, als ausreichend verfügbares Geld in Investitionen zu stecken (minus 1,4 Prozent 2013). Und auch der Inlandskonsum dürfte heuer stagnieren. Die realen Nettolöhne werden – trotz hoher nomineller Lohnrunden – nunmehr schon das vierte Jahr in Folge fallen. Die Österreicher haben also weniger Geld in der Tasche. Im ersten Halbjahr gaben die Haushalte real schon um 1,3Prozent weniger aus als im Jahr zuvor.

Schuld daran seien aber nicht die knausrigen Unternehmen, betonten die Ökonomen mit Blick auf die laufende Lohnrunde. Vielmehr komme „dank“ kalter Progression (das Rutschen in höhere Steuerklassen bei Lohnerhöhungen) und einer um 0,5 Prozentpunkte höheren Inflation als in Deutschland von den höheren Bruttolöhnen kaum etwas bei den Menschen an. Hier müsste der Staat ansetzen, forderte Aiginger. Zumal die Teuerung zuletzt vor allem durch Gebühren und Abgaben getrieben war. In Summe müsse sich für die Menschen wieder einmal ein „realer Lohnzuwachs“ ausgehen. Kollege Christian Keuschnigg vom IHS mahnte zur Zurückhaltung. Reallohnsteigerungen seien schön und gut, müssten aber erst „verdient werden“. Etwa über höhere Flexibilität bei der Arbeitszeit.

IHS fordert: Arbeiten bis 70

Auch für die neue Regierung hatten die beiden Ökonomen je eine Wunschliste parat. Wenn die heimische Konjunktur wieder stärker anziehe, begünstige das zwar die öffentlichen Haushalte – es sei aber auch „die Zeit, um mehr zu sparen“, so Keuschnigg. Angesichts schwer kalkulierbarer Risken wie der Hypo Alpe Adria forderten die Ökonomen einen Kassasturz. Nur dann werde klar, wie viel Steuergeld noch an die Banken fließen müsse und wo man bereit sei, Ausgaben zu kürzen, um die Senkung der Lohn- und Einkommensteuer zu finanzieren.

Keuschnigg geht noch einen Schritt weiter: Er will nicht nur die Steuerquote senken, sondern auch das gesetzliche Pensionsantrittsalter erhöhen. Denn jedes Jahr steigt die Lebenserwartung der Österreicher um drei Monate. Zwei Drittel der in Summe gewonnenen Lebenszeit sollten sie auch länger arbeiten, fordert der IHS-Chef. Wer in Österreich heute 30 Jahre alt ist, hätte demnach noch über vierzig Arbeitsjahre vor sich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2013)

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Kommentare

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