Der Wiener Kabarettist Andreas Vitásek über Engel, religiöse Themen und die Ruhe in seinem neuen Programm "Sekundenschlaf".
Es gibt ja immer etwas zu tun, und tut man es nicht, wartet schon ein kleines Schuldgefühl unter dem Schreibtisch. Der Wiener Kabarettist Andreas Vitásek wehrt sich dagegen und verteidigt in seinem zwölften Soloprogramm das Recht auf Ruhe. Und ruhiger verliefen auch die Vorbereitungen darauf: Im Gegensatz zum Vorgänger, dem „Fiebermonolog“, kann er „Sekundenschlaf“ schon vor der Premiere auswendig. Vitásek hatte auch genug Zeit zum Schreiben, für ihn „eine positive Erfahrung“.
Die Presse: Sie haben eine gemütliche Ausstrahlung...
Andreas Vitásek: Ja, ich tendiere zur Gemütlichkeit. Im Stress kann ich aber schon hektisch, vielleicht auch ungerecht werden. Ich versuche aber immer, die Ruhe zu bewahren. Das neue Programm geht auch in diese Richtung, es ist ein Bremsversuch.
Sind Sie deshalb auf dem Plakat zu „Sekundenschlaf“ eine faule Putte?
Gutes Auge, aber eine faule würde ich nicht sagen, eher eine lümmelnde Putte. Ich beziehe mich auf Raffaels Engel aus dem Bild der „Sixtinischen Madonna“. Sie waren ein Statement gegen den Papst. Engel hatten in der Kunst immer etwas zu tun: Wolken schieben, Heilige tragen, ein Instrument spielen, und diese beiden Engel tun eben gar nichts. Das fand ich gut.
Haben die Engel in Ihrem neuen Programm etwas zu tun?
Ja, der eine ist gefallen und zur Konkurrenz gewechselt. Er ist in der Seelenbeschaffung unterwegs. Der andere Engel ist in der Bewachungsbranche, Schutzengel also.
Sind Sie ein religiöser Mensch?
Ich bin aus der Kirche ausgetreten, bin in dem Sinn also kein religiöser Mensch. Religiöse Themen spielen in meinen Programmen aber oft eine Rolle. Vielleicht ist man deswegen kein religiöser Mensch, weil man sich viel mit der Religion beschäftigt.
Welche Entspannungsorte sind Ihnen heilig, wenn Sie wie Raffaels Engel lümmeln können?
Am liebsten lümmle ich in meinem Arbeitszimmer auf der Couch. Da sage ich vorher „Ich muss jetzt arbeiten“, und in Wirklichkeit lege ich mich noch einmal hin. Da darf höchstens mein Hund bei meinen Füßen liegen. Mittlerweile bin ich auch gern in meinem kleinen Wochenend-Domizil im Burgenland.
In „Sekundenschlaf“ wollen Sie bestimmt kein Unfalltrauma erleiden?
Nein, das ist die Gefahr des Titels. Es geht um einen Zwischenbereich, in dem man von der Realität in den Traum kippt. Ich kenne das zum Beispiel vom Textmemorieren. Ich liege da und lerne, dabei bin ich schon anderswo, in einer Traumlogik. In diesem Bereich fühle ich mich wohler als in der puren Realität.
Was ist der schönste Moment im neuen Programm?
Nachdem es zwölf Geschichten sind, kann ich ein Lieblingskind dem anderen nicht vorziehen. Einige Storys sind witzig, andere – wie man mich kennt – leicht depressiv. Ich mag die nachdenkliche Geschichte über die „Brockhaus“-Enzyklopädie meines Großvaters, auch wenn sie für die Leute vielleicht fad wird. Im Zuge der Einstellung erinnere ich mich an diesen „Brockhaus“, in dem ich gesurft bin wie Kinder heute mit dem iPhone.
„Sekundenschlaf“ debütiert wie schon „My Generation“ kurz nach einer Nationalratswahl. Werden die Ergebnisse kommentiert?
Nein, vorerst nicht. Das Programm ist noch zu jung, zu verletzlich, um mit einer tagespolitischen Keule darauf einzuschlagen. Es gibt aber Freiräume, in denen ich improvisieren kann.
Hat man in Ihrer Liga eigentlich noch Angst vor einem leeren Haus?
Auf Biegen und Brechen ein Haus vollzubekommen ist ein falscher Denkansatz. Man muss sich die aktuelle Situation vor Augen halten: Es gibt 100 Kanäle im Fernsehen, fast jeden Tag Fußball. Geld und Freizeitbudget werden weniger – es wäre arrogant, zu erwarten, dass die Hütte voll sein muss. Ich stelle mich nicht infrage, wenn ein Abend nicht ausverkauft ist.
ZUR PERSON
Andreas Vitásek ist 57 Jahre alt und ein Kind des zehnten Wiener Bezirks. Vitásek spielt seit den 1980ern Kabarett und Theater, er arbeitet in Film und Fernsehen vor und hinter der Kamera. Privat wechselte er über die Jahre hinweg vom Hundekritiker zum Mopsherrchen und als Kabarettist vom Stressschreiber zum zeitoptimierten Kreativen mit Zweitwohnsitz im Burgenland. Er hat drei Kinder von drei Frauen. In „Sekundenschlaf“ traumwandelt er durch die seelische Provinz der Welt. Am 8. Oktober debütiert er mit diesem Programm im Wiener Rabenhof-Theater.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2013)