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Jonathan Franzen: Mit Karl Kraus gegen Facebook

„Wer will schon einen Roman über den Mac lesen?“ Jonathan Franzen ist kein Jünger von Apple.
Jonathan Franzen: Mit Karl Kraus gegen Facebook(c) Wikipedia
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Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen übersetzt Kraus' Essays über Heine und Nestroy und warnt seine Landsleute: Amerika heute ist wie Wien im Jahr 1910.

Jonathan Franzen ist zornig. Sehr zornig sogar. Als höflicher Mensch fasst er seinen Unmut über den gegenwärtigen Zustand Amerikas aber in eine ruhig vorgebrachte These: „Die amerikanische Diskussion scheint mir heute im Wesentlichen von der Frage getragen zu sein, ob man für oder gegen Regierung an sich ist. Mir scheint, dass das damit zusammenhängt, dass die Regierung immer weniger dafür verantwortlich ist, wie die Welt sich entwickelt. So viel in diesem Land scheint heute davon abzuhängen, was technologisch möglich ist oder was man nicht alles kaufen kann.“

„Kraus hatte mich verändert“

Franzen stellte diese Überlegungen am vergangenen Freitag am Ende einer Podiumsdiskussion über sein neues Buch „The Kraus Project“ im Deutschen Haus der New York University an. Das Buch umfasst seine Übersetzungen der Essays von Karl Kraus über Heinrich Heine („Heine und die Folgen“) und Johann Nestroy („Nestroy und die Nachwelt“), versehen mit langen Fußnoten von Franzen und dem Schriftsteller Daniel Kehlmann sowie dem Kraus-Forscher Paul Reitter von der Ohio State University. „Kraus hatte mich verändert“, schreibt Franzen über seine erste Berührung mit den Schriften des wortgewaltigen Kritikers als Germanistikstudent im Westberlin der frühen 1980er-Jahre. „Ich war von seinem moralischen Eifer erfasst, seinem satirischen Zorn, seinem Hass auf die Medien, seiner Beschäftigung mit der Apokalypse und seiner Aufrichtigkeit als Schriftsteller. Ich wollte Amerikas Widersprüchlichkeiten derart offenlegen, wie er das mit denen von Österreich getan hatte, und ich wollte es durch den Roman tun.“

Mit zwei Jahrzehnten Verspätung, nach langen, quälenden Vorarbeiten, ist Franzen das mit seinen beiden Romanen „The Corrections“ (2001) und „Freedom“ (2010) gelungen. Wer die heutige amerikanische Gesellschaft zu verstehen versuchen will, mit ihrem unsteten Schwanken zwischen persönlicher Freiheit und staatlicher Überwachung, zwischen religiös bekräftigten Familienwerten und deren tatsächlichem Verfall, der tut gut daran, Franzens labyrinthische Erzählungen zu lesen.

Apple und die romanische Kultur

Mit dem „Kraus Project“ greift Franzen nun jene Erscheinung an, die ihm als Grundübel unserer Zeit gilt: die besinnungslose Verehrung der digitalen Welt. „Eine der schlimmsten Sachen am Internet ist der Umstand, dass es jeden dazu verführt, ein Kenner zu sein – also Haltungen dazu einzunehmen, was hip ist, und, mit der Strafdrohung konfrontiert, als unhip betrachtetet zu werden, die Haltungen einzunehmen, die jeder andere schon hat.“

Franzen veranschaulicht das am Wettstreit zwischen Anhängern von Microsoft-Computern und den Produkten aus dem Hause Apple. Apple gilt als schick, elegant, hip, begehrenswert, schreibt Franzen und zieht eine Parallele zu Kraus' Kritik an der romanischen Kultur, die viel Zierrat und Oberfläche, aber bisweilen gar wenig Inhalt bietet. Die öde, nüchterne Benutzeroberfläche von Windows hingegen zwinge den Benutzer dazu, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das ist für Franzen der Inhalt – ebenso, wie Kraus die deutsche Kultur als sinnhaltiger bevorzugte. „Um Kraus wiederzugeben, würde ich lieber unter PCs leben. Jede Chance, dass ich zu Apple gewechselt wäre, wurde von den Apple-Werbespots zunichte gemacht, die Leute wie mich davon hätten überzeugen sollen, zu wechseln.“

Amazon und die Apokalypse

Dieser letzte Satz lässt an das Bonmot des Komikers Groucho Marx denken: Er habe keine Lust, einem Klub beizutreten, der so jemanden wie ihn als Mitglied akzeptieren würde. Zumal Franzen noch eine Schaufel Kohlen ins feuilletonistische Feuer nachlegt und schreibt, „in meiner kleinen Ecke der Welt, also in der amerikanischen Belletristik, mag Jeff Bezos von Amazon nicht wie der Antichrist sein, aber er schaut gewiss aus wie einer der vier apokalyptischen Reiter“.

Und in der Tat sah sich Franzen schon bald nach der Veröffentlichung der ersten Auszüge aus „The Kraus Project“ im Sperrfeuer der Technologiefans. Er sei ein scheinheiliger, elitärer Autor, der von der Zitadelle des wohlhonorierten Starschriftstellers aus verächtlich auf all die fleißigen jungen Bewohner der digitalen Welt herabblicke, denen der Zugang zu den heiligen Hallen der Verlagswirtschaft verschlossen bleibt.

Ironischerweise wird er damit aber fast auf die gleiche Weise missverstanden wie hundert Jahre zuvor Karl Kraus. Der kritisierte bekanntlich die Massenmedien, allen voran die „Neue Freie Presse“, mit leidenschaftlicher Wortwut.
Aber Kraus war alles andere als ein Elitist; er wollte nicht die Massen verunglimpfen oder sich über einfache Leute lustig machen. Ihm stieß vielmehr die scheinheilige Attitüde der kulturellen und publizistischen Eliten seiner Zeit übel auf, die mit der Behauptung, frei von kommerziellen Zwängen zu sein, ihren Lesern ein falsches Bild dessen vermittelten, was wirklich im Habsburger-Reich passierte. „Die Zeitungen gaben seiner Ansicht nach Leuten eine Autorität, die sie gar nicht verdient hatten – bloß deshalb, weil sie für die Zeitungen arbeiteten“, sagte Daniel Kehlmann bei der Diskussion im Deutschen Haus.

Somit, warnt Franzen, ähnelt das taumelnde, sich selbst politisch lähmende Amerika dem kaiserlichen Wien vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs: „Ein geschwächtes Imperium, das sich selber Geschichten von seiner Außergewöhnlichkeit erzählt, während es auf eine Apokalypse hintreibt.“ Die Lage in den USA, schreibt Franzen, „ähnelt ziemlich jener im Wien 1910, bloß ist die Zeitungstechnologie durch digitale Technologie ersetzt und Wiener Charme durch amerikanische Coolness“.

Zur Person

Jonathan Franzen ist einer der wichtigsten zeitgenössischen amerikanischen Schriftsteller. Seine Romane „The Corrections“ (2001) und „Freedom“ (2010) loten die Abgründe und Widersprüchlichkeiten der amerikanischen Gesellschaft aus, ihr Verständnis von Freiheit ebenso wie ihre Idee von der Familie. In seinem neuen Buch „The Kraus Project“ (Farrar, Straus, Giroux) übersetzt und kommentiert Franzen zwei lange Essays von Karl Kraus über Heinrich Heine und Johann Nestroy und nimmt dies zum Anlass, die Vergötzung der digitalen Welt – von Apple bis Twitter – als fatale Ablenkung von den wahren politischen und sozialen Problemen unserer Zeit zu kritisieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2013)