Sex im Hohlraum: Der obszönste Strich ist der Gedankenstrich

Die britische TV-Sendung „Sex Box“ zeigt eine schwarze Schachtel, in die sich Paare für 35 Minuten zurückziehen. Wie arg ist das denn?

In Österreichs Boulevardwelt, die sich gestern u.a. darüber erhitzte, ob die TV-Moderatorin Karina Sarkissova in der „Großen Chance“ ihren Hintern absichtlich entblößt habe, drang auch die Nachricht von einer neuen britischen TV-Sendung namens „Sex Box“. „Gegen diese Sendung ist ,Big Brother‘ mit seinen herzigen Nacktduschszenen ein Kandidat fürs Vorabendprogramm“, schrieb die U-Bahn-Illustrierte „Heute“.

Was macht die „Sex Box“ so arg? Immerhin: Man sieht und hört nichts vom eigentlichen Inhalt der Sendung, wie in Schnitzlers „Reigen“ passiert dieser quasi nur in Form von Gedankenstrichen. Die „Sex Box“ ist nämlich ein realer, quaderförmiger Hohlraum, in den sich Pärchen auf 35 Minuten zurückziehen – zu einer „Kopulation live, aber schalldicht“, wie „Die Welt“ ihren Bericht übertitelte. Was die zwei in ihrer Schachtel tun – oder zu tun vorgeben –, dringt nur in Form eines Ampelsignals an die Außenwelt: Rot steht für Geschlechtsverkehr, Gelb für „Sie ziehen sich an“, Grün für „Sie kommen gleich aus der Box“ – um zu besprechen, was sie in dieser erlebt haben.

Ein faszinierendes Konzept: Das wirklich Obszöne findet „off the scene“, abseits der Bühne statt (diese Volksetymologie verdanken wir D.H. Lawrence); und, um endlich auch hier einmal André Heller zu zitieren, die wahren Abenteuer sind im Kopf (des Zusehers, der aber nichts sieht als eine schwarze Schachtel).

Wir durch die Quantenmechanik Verdorbenen denken natürlich gleich an die Schachtel, in der Schrödingers Katze sitzt, von der wir nicht wissen, ob sie tot oder lebendig ist, deren Zustand wir daher als Überlagerung von tot und lebendig beschreiben sollen. Wie beschreiben wir den Zustand des Paares, von dem wir nicht wissen, ob es koitiert oder nicht?

Im Gegensatz zur Katze kann das Menschenpaar seinen Zustand resp. seine Aktivitäten selbst beschreiben. Oder eben nicht. Es kann lügen, bluffen. Es kann, nachdem es 20 Minuten in der Schachtel geplaudert oder Karten gespielt hat, von den unerhörtesten Stellungen berichten. Oder umgekehrt. Wir wissen nicht, was wirklich war. Wollen wir's wissen? Warten wir am Ende auf eine Gelegenheit, doch aus dem Innenleben der Box zu erfahren? Auf ein reales oder virtuelles Schlüsselloch? Auf SexBoxLeaks sozusagen?

In Nick Hornbys schönem Roman „High Fidelity“ findet sich eine, wie ich meine, gelungene Sexszene: „Und dann gehe ich ins Badezimmer und putze mir die Zähne, und dann komme ich zurück, und dann lieben wir uns, und dann reden wir ein bisschen, und dann machen wir das Licht aus, und das war's. Ich werde nichts über all den anderen Kram sagen, das Wer-macht-was-bei-wem-Zeug. Kennt ihr ,Behind Closed Doors‘ von Charlie Rich? Das ist eins meiner Lieblingsstücke.“

E-Mails an:thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2013)

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