Schnellauswahl

Analyse: Die Notenbanken legen Gold nach

Gold: Der Preis fällt, und die Notenbanken greifen zu.
Analyse: Die Notenbanken legen Gold nach(c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)
  • Drucken

Die Zentralbanken haben seit 2011 rund 400 Mrd. Euro „Verlust“ bei den Goldreserven zu verbuchen – und legen trotzdem nach. Denn für sie zählt nur das Gewicht ihrer „eisernen Reserve.“

Wien. 545 Milliarden Dollar sind viel Geld. 401,44 Milliarden Euro – um genau zu sein. Das ist die Summe, die Zentralbanken durch einen Rückgang des Goldpreises seit 2011 „verloren“ haben. Das meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg am Dienstag. Gleichzeitig wird aber berichtet, dass viele Länder ihre Goldreserven in dieser Zeit aufgestockt haben. Insgesamt haben sie im Jahr 2012 netto 535 Tonnen Gold zugekauft. Im Jahr 2013 sollen es laut World Gold Council immerhin 350 Tonnen werden.

Im Fall der Fälle „Gold wert“

Wie passt das zusammen? Sind Zentralbanken tatsächlich „schlechte Händler von Gold“, wie der Ökonom Michael Strauss gegenüber Bloomberg sagte? Die Antwort ist ein klares Nein. Es gibt schon einen Grund, warum noch immer 18 Prozent des jemals geförderten Goldes (es gibt insgesamt rund 170.000 Tonnen) in den Tresoren der Zentralbanken liegen – obwohl der Goldstandard seit 1971 nicht mehr existiert.

Unsicherheit – so lautet dieser Grund. In den Zentralbanken sitzen genügend fähige Ökonomen, um zu wissen, dass Gold noch immer eine wichtige Rolle im Währungssystem spielt. Dass es 1971 seine über Jahrtausende gefundene Bedeutung nicht plötzlich verloren hat – auch wenn das manchen Politikern wohl lieber wäre. Dass es im Fall der Fälle „Gold wert“ ist.

Gold spielt im Reservenportfolio einer Zentralbank eine ganz ähnliche Rolle wie in jenem des gemeinen Sparers. Es ist die „eiserne Reserve“. An 999 von 1000 Tagen liegt es einfach nur so herum. Aber an dem einen Tag, an dem die Märkte stillstehen, weil die Liquidität versiegt (wie es 2008 nach der Lehman-Pleite geschehen ist) ist Gold Trumpf. Dann – und nur dann – würden kleine Teile der Goldreserven zum aktiven Währungsmanagement der Zentralbanken eingesetzt werden.

Dabei ist aber zu beachten: Anders als die Börsenbeobachter interessieren sich die Zentralbanken nicht wirklich für den Preis von Gold – sie haben es ja schon gehalten, als es bei 20 Dollar pro Unze lag. Sie interessieren sich aber sehr wohl für die Menge in ihrem Besitz, denn nur diese definiert ultimativ die Nützlichkeit der Reserven.

Deswegen sehen wir, dass vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Vorräte aufstocken. Die Industrieländer verfügen bereits über große Reserven: rund 8000 Tonnen in den USA und 10.000 Tonnen in der Eurozone.

Größter Goldkäufer ist Russland, das seine Reserven seit 2011 um ganze 20 Prozent (plus 171 Tonnen) aufgestockt hat. Der Goldpreis ist in dieser Zeit um rund 31 Prozent gesunken. Ist der Goldkauf zu günstigeren Preisen die Handlung eines „schlechten Händlers“? Eher nicht. Merke: Gold ist das einzige Asset in den Reserven der Notenbanken, das nicht von der eigenen oder einer fremden Zentralbank beliebig inflationiert – also entwertet – werden kann.

Goldkauf ist Normalzustand

Insgesamt haben die Zentralbanken seit 2011 netto 884 Tonnen Gold zugekauft. Neben Russland (171 Tonnen) haben auch Kasachstan (67,2 Tonnen) und Südkorea (65 Tonnen) kräftig zugegriffen.

Gold kaufende Zentralbanken sind auch der Normalzustand. Nach dem Zusammenbruch der letzten Reste des Goldstandards standen sie einige Jahre lang auf der Verkäuferseite. Spätestens nach der Krise 2008 hat sich der Trend aber wieder gedreht. Gold ist die einzige Währung, die politisch unabhängig ist. Und die einzige, für die man im Zweifelsfall (Notfall) Öl und Gas kaufen kann. Zentralbanken sind keine „schlechten Goldhändler“. Sie sind die allerbesten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2013)