Der britische Selfmade-Milliardär Richard Branson war in Wien und erzählte Österreichs Topmanagern über Unternehmertum, seltene Tiere und Drogen.
Wien. Um ein Haar wäre der Abend ins Wasser gefallen. Denn Richard Branson, Brite, Sir und Paradiesvogel in den Chefetagen dieser Welt, saß mit seinem Flugzeug in Südafrika fest. Nur dank der niederländischen KLM blieb dem Gastgeber Hannes Ametsreiter die Blamage einer Videokonferenz mit dem Stargast am diesjährigen Futuretalk der Telekom Austria (A1) erspart. Dienstagabend stand der angeblich 150.000 Euro teure Sunnyboy in der Halle E des Museumsquartiers auf der Bühne.
Allzu groß war der Unterschied zu einer Videokonferenz zu Beginn aber nicht. Die 600 geladenen Gäste wurden mit mehr oder weniger lustigen Werbevideos bombardiert. Immerhin, die Leinwände waren rund. Darüber kann man schon ein paar Sekunden staunen. Aber sonst? Erst als der 63-Jährige selbst die Bühne bestieg, wurde der Abend interessant.
Schulabbruch mit 16 Jahren
Schließlich wurde der Motivationskünstler eingeflogen, um der Wirtschaftselite des Landes eine Lektion in Sachen „Spaß haben und Geld verdienen“ zu erteilen. Dabei waren die Aussichten für den jungen Branson düster, als er mit 16 Jahren die Schule abbrach, um ein Schülermagazin zu gründen. „Entweder du landest im Gefängnis oder du wirst Millionär“, soll ihm sein damaliger Rektor an der englischen Privatschule in Stowe mit auf den Weg gegeben haben.
Richard Branson schaffte beides. Sein zweites Geschäft, ein Schallplatten-Direktversand, brachte ihm rasch Probleme mit den Zollbehörden – und eine Nacht im Gefängnis. Beim Kapitel Millionär werden ließ sich Branson nicht lange aufhalten. Er legte rasch ein paar Nullen nach und wurde zum Selfmade-Milliardär.
„Ich habe alles aus persönlicher Frustration gemacht“, erzählte der Gründer von mittlerweile 400 Unternehmen am Dienstag in Wien. Als er etwa Anfang der 1980er-Jahre mit einer Frau auf die Virgin Islands fliegen wollte und die British Airways ihn und 50 andere Passagiere trotz Tickets nicht mitnehmen wollte, wartete er nicht einfach auf den nächsten Flug am nächsten Tag. Branson zog los, charterte ein Flugzeug, malte ein Pappschild mit der Aufschrift „Virgin Island“ und hatte das Flugzeug rasch voll.
Es war der Startschuss für seine eigene Fluglinie Airline Virgin Atlantic – auch wenn diese seit Jahren rote Zahlen einfliegt. Auch vor dem Mobilfunkmarkt und der Weltraumfahrt machte der Unternehmer nicht halt.
Den ersten Szenenapplaus des Abends holte sich der hemmungslose Selbstdarsteller aber trotzdem nicht für die Geschichten über seinen Werdegang ab. Just ein Plädoyer für eine liberalere Drogenpolitik schien die Gäste zum Beifall zu motivieren. „Niemand, der Drogen nimmt, sollte deswegen im Gefängnis landen“, forderte er – und hatte das Publikum auf seiner Seite. Zur Lösung der Probleme dieser Welt forderte Branson mehr Engagement der Firmengründer selbst. „Wenn sich jedes Unternehmen eines Problems auf dieser Welt annimmt, können wir einen lebenswerten Planeten für alle Menschen schaffen“, sagte er, der sich mit seiner Stiftung Virgin Unite unter anderem dem Schutz bedrohter Tierarten verschrieben hat.
Branson und die Twitter-Millionen
Nach einer guten Stunde war das Spektakel wieder vorbei. Schnell noch ein Foto mit dem Gastgeber und schon war Richard Branson wieder weg. Und die Gäste – von E-Control-Vorstand Martin Graf über Uni-Credit-Chef Erich Hampl bis zu Drei-Chef Jan Trionow – taten, was sie bei solchen Gelegenheiten auch tun: essen, trinken und Kontakte pflegen. A1-Chef Ametsreiter ließ sich gar dazu hinreißen, vor den Augen seines Aufsichtsratspräsidenten und ÖIAG-Chefs Rudolf Kemler zu erklären, dass Profit nicht das oberste Ziel eines Unternehmens sei.
Aber wer jetzt glaubt, dass es den Wirtschaftsbossen künftig nicht mehr um die Rendite geht, hat Bransons Botschaft nicht verstanden: Schließlich wird er sich selbst auch beim angekündigten Börsengang von Twitter wieder einmal eine goldene Nase verdienen.
ZUR PERSON
Sir Richard Charles Nicholas Branson (63) ist ein britischer Multimilliardär. Er baute mit der Virgin Group ein Imperium mit 400 Firmen und mehr als 50.000 Mitarbeitern auf. Der Schulabbrecher eroberte Dutzende Branchen der Reihe nach: von der Musikindustrie über das
Airlinegeschäft bis zum Mobilfunk.
Richard Branson ist auch ein begnadeter Selbstdarsteller und bekannt für seine teils exzentrischen (Marketing-)Abenteuer. Er versuchte etwa mehrfach (erfolglos), die Erde im Ballon zu umrunden, und plant derzeit seinen ersten Flug ins Weltall.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2013)