Wir können stolz auf uns sein: Nach dem Chemiker Martin Karplus hat schon wieder eine Österreicherin einen Nobelpreis gewonnen, diesmal für Literatur.
Alice Munro hat nämlich angeblich einmal bei uns Urlaub gemacht. „In Österreich urlaubende Autorin erhält Nobelpreis“ ging sich aber leider im Titel nicht aus (wir haben allerdings noch nicht das Wiener Gratis-Boulevardblatt gesehen, das zu einem Foto von Karplus gestern die geniale Schlagzeile hatte: „Hier frühstückt unser Nobelpreis“).
Wir Österreicher sind ja groß darin, Menschen für uns zu vereinnahmen. Den Oscar haben 2010 „wir“ gewonnen, auch wenn Christoph Waltz damals nicht einmal die österreichische Staatsbürgerschaft hatte. Und es ist zweifellos das größte Verdienst heimischer Tourismusverantwortlicher, dass die ganze Welt Beethoven für einen Österreicher und Hitler für einen Deutschen hält.
Ganz ohne Zynismus und ohne Ironie: Vielleicht sollten wir uns wieder einmal erinnern, warum jemand wie Martin Karplus, Eric Kandel (Medizinnobelpreis) oder Walter Kohn (Nobelpreis für Chemie) das Land verlassen hat. Sie alle waren Juden und mussten aus einem Österreich fliehen, das Teil der gnadenlosesten Menschenvernichtung der Geschichte war. Und Österreich hat wenig getan, um diese Menschen nach 1945 wieder zurück in ihre einstige Heimat zu holen.
Vielleicht denken wir daran, wenn wir das nächste Mal über „unseren Nobelpreis“ jubeln.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2013)