Ein undurchsichtiger Investor will den Gründer von Russlands führendem sozialen Netzwerk, Pavel Durov, absetzen. Hinter dem Investor könnte der Kreml stehen. Hinter Durov ein Oligarch.
Moskau/Wien. Eines von Russlands beiden großen sozialen Netzwerken, nämlich Odnoklassniki (zu Deutsch: „Schulkollege"), hat seinen Gründer bereits verloren. Nun steht Pavel Durov, der Gründer des zweiten Netzwerks namens „V Kontakte" („in Kontakt"), de facto ein Imitat von Facebook, unter Beschuss. Nicht eine feindliche Übernahme durch einen Oligarchen steht ins Haus, denn mit Metalltycoon Alischer Usmanov hält ohnehin schon der reichste Russe (18 Mrd. Dollar Vermögen) im Einvernehmen mit Durov 40 Prozent der Anteile. Die Attacke wird von einem gewissen Investmendfond UCP geführt, dessen Chef Ilja Scherbowitsch sich im Frühjahr mit 48 Prozent bei „V kontakte" (www.VK.com) eingekauft hat. Die Anteile übernahm er von Durovs Gründungspartnern, die sich mit Durov entzweit hatten. Nun findet Durov, der selbst nur zwölf Prozent der Anteile hält, aber das operative Geschäft und den Aufsichtsrat kontrolliert, auch mit Scherbowitsch keine Harmonie. Mehr noch, er hält ihn vielmehr für einen Strohmann des Kremls, der das Netzwerk angeblich an die Brust nehmen will, weil es sich für russische Verhältnisse zu eigenmächtig gab.
Was stimmt, ist, dass der 1984 geborene Durov sich der Aufforderung des Geheimdienstes FSB widersetzte, kremlfeindliche Foren auf der Plattform abzudrehen. Auch publizierte er nach Beginn der politischen Massenproteste 2011 ein „Bürgerliches Manifest", in dem er eine höhere Besteuerung des Öl- und Gassektors propagierte.
In Russland größer als Facebook
"V kontakte" hat große Breitenwirksamkeit, ist die Plattform doch die Nummer eins auf postsowjetischem Raum noch vor dem Konkurrenten Facebook. Mitverantwortlich für den Erfolg ist freilich auch der landesweit nachlässige Umgang mit Urheberrechten, der erst allmählich juristisch verfolgt und besser wird.
Ins Auge sticht, dass der Finanzinvestor Scherbowitsch zuvor in Staatskonzernen, darunter als Aufsichtsrat im landesweit größten Ölkonzern Rosneft, gearbeitet hat, die gewöhnlich als verlängerter Arm des Kremls gelten.
Wie sehr jedoch das politische Moment in der Tat eine Rolle im Zerwürfnis spielt, lässt sich schwer ausmachen. Scherbowitsch selbst bringt andere Argumente, und zwar wirtschaftliche, vor: Das Netzwerk verdiene zu wenig, verbrauche zu viel, ja und Durov habe seinen messenger namens „Telegram" außerhalb von „V kontakte" als persönliches Geschäftsprojekt gegründet und damit eine potenzielle Konkurrenz geschaffen, die zudem Ressourcen aus dem Kerngeschäft abziehen würde. Am Ende zog der Investmentfond sogar US-Anwälte bei, die mit dem Gang vor das Gericht drohten. Durov hat indes versprochen, eines der Unternehmen zu verlassen, sobald es tatsächlich zu einem Interessenskonflikt kommen sollte.
"Genügend andere Talente in der Firma"
Es gebe "in der Firma selbst und auf dem Markt genügend andere Talente", die VK.com führen könnten, ließ Investor Scherbowitsch bereits wissen. Oligarch Usmanov hingegen, der Durov bisher Rückendeckung gibt, ist der Ansicht, dass das Netzwerk von der Kreativität und der Identität seines Gründers lebt. Das sehen auch andere Experten so: Ohne Durov hätte „V kontakte" ein essenzielles Risiko, Wert und Popularität zu verlieren, meint Ivan Streschinski, Generaldirektor von USM Advisors, gegenüber der russischen Zeitung „Wedomosti".
Wie auch immer der Konflikt ausgeht: Das Geschäft, das im Vorjahr bei einem Umsatz von 172 Mio. Dollar einen Gewinn von 1,01 Mio. Dollar erbrachte, begünstigt er nicht. Durov selbst macht den Konflikt sogar dafür verantwortlich, dass ein Börsengang bisher nicht stattgefunden hat. Das ist wohl übertrieben, denn die Perspektiven dafür seien ohnehin nicht besonders günstig, wie der russische Branchenanalyst Alexandr Vengranovitsch erklärt: „V Kontakte" müsse erst beweisen, dass es auch unter Einhaltung der Urheberrechte für das angebotene Videomaterial Geld verdienen könne. Apropos Geld: Was er davon hält hat Durov in einem Interview einmal folgendermaßen erklärt und dadurch seine Eigenwilligkeit an den Tag gelegt: "Für mich ist Geld eine absolut virtuelle Einheit", meinte er: "Eine Teilnahme am Wettbewerb, es zur Schau zu stellen, erscheint als objektiv unnütze Beschäftigung. Wiewohl es nicht die schlechteste aller Sportarten ist."