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Häuser voller Geschichte und Geschichten

Historische Villen. Wohnen, wo Thomas Edison persönlich die Elektrik installiert hat.

Wenn sie reden könnten, hätten sie unendliche Geschichten zu erzählen. Von frühem Glanz und schweren Zeiten, von aufwendigen Renovierungen, alten Besitzern, neuen Bewohnern und dem Denkmalschutz, der durch viele moderne Ideen hindurch die Hand über sie gehalten hat. Historische Villen sind nur für eine bestimmte Klientel Traumobjekte. Wer sich auf sie einlässt, muss bereit sein, Kompromisse zu machen, und den Wert der Patina verstehen. Muss die Schönheit in den Besonderheiten, die mit den alten Gewölben, Stuckdecken und mitunter knarzenden Holzdielen einhergehen, sehen und nicht nur den Mehraufwand, der damit verbunden ist. Und ein wenig Fantasie haben, um die Geschichten, die diese Häuser erzählen, verstehen zu können.

 

Wiener Jahrhundertwende

In der historischen Villa im Tullnerbacher Villenviertel Langwies drehten sich diese sicherlich um rauschende Gartenfeste des vorigen Jahrhunderts, denn der 2500 Quadratmeter große, prachtvolle Garten wurde von Anfang an mit viel Liebe zum Detail gestaltet. „Hier wurde vor 120 Jahren von der Hochschule für Bodenkultur eine Fülle von einheimischen und exotischen Bäumen gepflanzt“, weiß Margot Flood vom Realbüro Dr. Max Huber, die mit der Vermittlung der Immobilie betraut ist. Noch heute finden sich hier Rotbuchen und Ginkobäume aus dieser Zeit, und zwischen ihnen ein Salettl sowie eine alte Jagdhütte mit Wandmalereien, bleiverglasten Fenstern und den original Böden.

Und der Garten des leicht erhöht liegenden Anwesens ist nicht die einzige grüne Oase in der Nachbarschaft, hier reiht sich ein historischer Prachtbau mit entsprechendem Grün an den nächsten, alles rund fünf Minuten von der Schule Sacré Cœur entfernt. Im Inneren der für 1,2 Millionen Euro angebotenen Villa zeugen die hohen Räume, Flügeltüren, Parkettböden und Kastenfenster auf 378 Quadratmetern von der Pracht der Jahrhundertwende, führt der Weg durch die Tür mit alten Glasmalereien und das Entrée in einen 68 Quadratmeter großen Wohnsalon mit angeschlossenem Wintergarten – der allerdings aus dem Jahr 2006 datiert und entsprechend isoliert ganzjährig nutzbar ist. „Das Haus ist öfter saniert worden, aber glücklicherweise immer mit Bedacht“, weiß Flood um die neueren Kapitel in der Geschichte des Hauses, die letzte Generalsanierung fand hier 1985 statt. Überhaupt sei in letzter Zeit ein begrüßenswerter Trend zu erkennen, dass die Sanierungen historischer Liegenschaften immer hochwertiger werden, da die Eigentümer zunehmend den Wert der historischen Substanz erkennen. „Die meisten dieser Häuser haben eine sensationelle Bausubstanz“, so Flood, „und immer mehr Architekten und Baumeister haben sich auf Sanierungen dieser Art spezialisiert.“

Die Geschichten, die die Wände im Piccotts End House erzählen könnten, sind noch um einiges älter. Die historische Villa in Hemel Hempstead, 45 Autominuten nordwestlich von London, geht auf das 16. Jahrhundert zurück, hier zählen sogar die Erweiterungen aus der Georgianischen Epoche im 18. und frühen 19. Jahrhundert als moderne Zubauten.

 

Britisches Landleben

Auf den knapp vier Hektar in der Grafschaft Hertfordshire finden sich neben dem Haupthaus auch noch diverse Nebengebäude – vom Getreidespeicher über das Lagerhaus für Äpfel und die Töpferscheune bis zum Heustadl, der luxuriöserweise über zwei Spielzimmer im Dachgeschoß verfügt. Wer hier durch das große Holztor über die Kopfsteinpflasterstraße Richtung Haupthaus fährt, passiert britischen Rasen, der allen Klischees entspricht, einen ebensolchen Tennisplatz und Pferdekoppeln, ehe er den englischen Garten inklusive großzügiger Terrassen erreicht. Im Inneren des Hauses erwarten den künftigen Besitzer sechs Schlafzimmer und drei Bäder auf insgesamt vier Stockwerken und 390 Quadratmetern, stuckverzierte hohe Decken, edle Holzböden und zahllose Kamine, die dem britischen Wetter zu trotzen helfen.

Mittelpunkt der Liegenschaft, die derzeit von Strutt & Parker im Netzwerk von Christie's International Real Estate für 2,3 Millionen Pfund, umgerechnet rund 2,7 Millionen Euro, angeboten wird, steht allerdings der großzügige Empfangssalon, der mit bodentiefen Fenstern Ausblicke in den englischen Garten gewährt und aufwendige Stukkaturen aufweist – und möglicherweise noch einige versteckte Schätze mehr. Denn in der Nachbarschaft sind während der vergangenen Dekaden immer wieder verborgene Zeugen der Vergangenheit aufgetaucht. So wurden in den 1950er-Jahren in einigen Cottages in Piccotts End mittelalterliche Wandmalereien entdeckt, die auf Verbindungen zu den Katharern schließen lassen, außerdem fand sich unter dem Dach ein verstecktes sogenanntes Priesterloch, in dem katholische Würdenträger in der Elisabethanischen Epoche Zuflucht fanden.

 

Amerikanische Antike

Dort, wo Unternehmer stolz „gegründet 1976“ über die Türen ihrer Geschäftslokale schreiben, sieht die Definition von „historisch“ dann wieder anders aus. In den USA, genauer gesagt, im Bundesstaat Florida, steht derzeit die Stetson-Villa zum Verkauf – mit Baujahr 1886 geradezu ein antikes Objekt in der Neuen Welt. Das darüber hinaus auch noch einem Mann gehört hat, der auf seine Art die Geschichte des Wilden Westens mitgeschrieben hat: John B. Stetson, der Erfinder und Produzenten des gleichnamigen Cowboyhutes, der bis heute als das Original gilt.

Da das raue Klima der Westküste der Gesundheit des jungen Stetson auf Dauer nicht zuträglich war, fiel die Standortwahl für seinen prächtigen Privatbesitz auf den Sunshine State Florida, wo er auch als Förderer berühmt wurde, der unter anderem die Stetson University gründete. Große Fußstapfen also für den zukünftigen Besitzer der Villa, die derzeit für 4,7 Millionen Dollar, knapp 3,5 Millionen Euro, über das Immobilienunternehmen Engel & Völkers angeboten wird. Dafür bekommt der Käufer ein knapp einen Hektar großes Anwesen in Deland nahe Daytona, ein polynesisches Gästehaus, ein Gewächshaus, einen Pool, einen Meditationsgarten und ein Putting Green. Vor allem aber ein Haus, das den Namen Mansion verdient: Neun Schlafzimmer und dreizehn Bäder hat die von George T. Pearson erbaute Villa im gotisch-Tudor-maurisch-polynesischen Stil, deren hohe Decken und aufwendige Parkettböden von spektakulären Fenstern aus 10.000 einzelnen Scheiben ins richtige Licht gerückt werden. Und die Wände, welche Geschichten würden diese Wände erzählen? Wahrscheinlich einige Abenteuer aus dem Wilden Westen, ganz sicher aber die wahre Begebenheit, dass hier kein Geringerer als Thomas Edison, ein enger Freund Stetsons, persönlich den Einbau der Elektrik überwacht hat. (SMA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2013)